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Herbstkinder leben länger - Was das Geburtsdatum über uns verrät

12.10.2012 | 15:18 Uhr
Herbstkinder leben länger - Was das Geburtsdatum über uns verrät
Hat gute Chancen richtig alt zu werden: ein im Herbst geborenes Kind. Foto: Getty

Dortmund.  Aktuelle Studien belegen, dass das Geburtsdatum den Lebensweg des Menschen mehr beeinflusst als wir bisher dachten. So sind besonders viele 105-Jährige in den dunklen Monaten des Jahres zur Welt gekommen.

Werden in Deutschland weniger Kinder geboren, weil hierzulande auch nicht mehr so viele Weißstorchenpaare brüten? Wohl kaum. Andere Ursache-Wirkung-Beziehungen klingen ähnlich absurd, sind es aber nicht: So hat das Geburtsdatum durchaus einen Einfluss auf die Entwicklung des Menschen. „Es wird schon lange vermutet, dass die ersten Abschnitte unseres Lebens, sei es noch im Mutterleib oder nach der Geburt, besonders nachhaltige Auswirkungen auf eine Vielzahl von Ereignissen in unserem weiteren Leben haben können“, erklärt Thorsten Reffelmann von der Universität Greifswald.

Immer mehr wissenschaftliche Disziplinen beschäftigen sich mit solchen Wechsel-Beziehungen: Statistiken werden mit unterschiedlichen Fragestellungen nach einem Zusammenhang mit dem Geburtsdatum abgeklopft. Nicht die Konstellation der Sterne, sondern die jahreszeitlich verschiedenen Umweltbedingungen wie Tageslicht, Witterung und Ernährung während der Schwangerschaft, bei und nach der Geburt beeinflussen den Lebensweg entscheidend, vermuten viele Wissenschaftler.

So legten kürzlich die Altersforscher Leonid Gavrilov und Natalia Gavrilova von der Universität von Chicago eine Studie vor, die die Daten von mehr als 1500 über Hundertjährigen vergleicht. Das Ergebnis: Zwischen September und November geborene Menschen haben deutlich größere Chancen, die 100 zu überschreiten, als in anderen Monaten geborene. Dabei haben die Forscher die Daten der Geschwister herangezogen, weil sie eine ähnliche Kindheit und genetische Ausstattung haben, und die der Ehepartner, weil sie die Lebensumstände im Erwachsenenalter teilten. Unter den über Hundertjährigen waren deutlich mehr Herbstkinder.

Geburtstage sind lebensgefährlich

Dass Herbstbabys älter werden, hat vor einigen Jahren schon Alexander Lerchl von der Jacobs Universität Bremen nach der Analyse umfangreicher Daten aus Nordrhein-Westfalen herausgefunden. Bis zu einem Jahr werden demnach Menschen, die im letzten Jahresviertel geboren wurden, älter als jene aus anderen Monaten.

Das Team um Thorsten Reffelmann wollte im vergangenen Jahr wissen, ob die Jahreszeit der Geburt in einem Zusammenhang steht mit dem Risiko, an einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zu sterben. Dafür hat es über sechs Millionen Herz-Kreislauf-Todesfälle analysiert. Von den Herz-Kreislauf-Toten waren im November geborene Frauen im Durchschnitt 7,3 Monate älter geworden als im Mai geborene. Bei Männern lag die Zahl bei 11,7 Monaten.

Wenn der Blick aus dem Kinderwagen so aussieht, kann sich das Neugeborene auf ein langes Leben freuen. Foto: Volker Speckenwirth

Über den Grund der geburtstagsabhängigen Lebenserwartung gibt es verschiedene Spekulationen. Im Verdacht stehen auch Infektionen. In den ersten Lebensjahren der heute über Hundertjährigen sei die Zahl vor allem der tödlich verlaufenden Sommerinfektionen deutlich höher gewesen als in den folgenden Jahrzehnten.

„Wir können über die Faktoren, die in unseren ersten Lebensmonaten vor oder nach der Geburt einen so prägenden Einfluss auf das Herz-Kreislauf-Risiko ausüben, derzeit nur spekulieren“, sagt Reffelmann. „Es sind auch viele andere Einflussgrößen denkbar. Nahrungsangebot und Ernährungsgewohnheiten in der Schwangerschaft, Luftverschmutzung oder Infektionskrankheiten im Laufe eines Jahres oder auch das Ausmaß körperlicher Bewegung.“

Nicht nur der Zeitpunkt der Geburt birgt Risiken sondern auch jeder folgende Geburtstag, haben Forscher der Universität Zürich nun gezeigt. Das Team um Vladeta Ajdacic-Gross, Soziologe und Suizidforscher, hat aus 40 Jahren die Sterbedaten von mehr als zwei Millionen Menschen ausgewertet und kommt zum Schluss, dass die Gefahr zu sterben am eigenen Geburtstag größer ist als an jedem anderen Tag, im Schnitt um 14 Prozent, bei Personen über 60 sogar um 18 Prozent. „Wir fanden heraus, dass Geburtstage viel häufiger tödlich enden als vermutet“, sagt Ajdacic-Gross.

Frühlingsjungs zeugen mehr Nachwuchs

Es existieren noch weitaus mehr Studien, die die unterschiedlichen Zusammenhänge mit dem Geburtsmonat beleuchten. So sollen Sommerkinder häufiger kurzsichtig werden, Frühlingsmädchen früher ihre Wechseljahre und Sommermädchen weniger Kinder bekommen. Frühlingsjungs hingegen zeugen überdurchschnittlich viel Nachwuchs. Viele Erklärungen für diese statistischen Zusammenhänge klingen plausibel, die Ursachen aber bleiben vorerst im wissenschaftlichen Dunkel.

Margit Mertens



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