Hass als Motor
19.02.2010 | 16:38 Uhr 2010-02-19T16:38:00+0100
James Ellroys jüngere Romane kann man nicht einfach lesen und dann abhaken. Das ist bei seinem neuen Buch nicht anders: „Blut will fließen“
Es sind Bücher, die den Leser mit einem atemlosen Stakkato-Schreibstil, mit zahllosen Fakten ebenso wie mit zahllosen Charakteren und der unentwegt waltenden Düsternis förmlich unter sich begraben wollen. „Blut will fließen” lautet der reißerische Titel des Romans, mit dem Ellroy („L.A. Confidential”) nun seine „Underworld USA”-Trilogie beendet. In Gänze betrachtet sind das über 2000 Seiten voll von Erpressung, Korruption, Folter und Mord über die Jahre von 1958 bis 1972. Als „Nibelungen noir” hat das ein Kritiker mal bezeichnet.
Im nun vorliegenden dritten Band sind die beiden Kennedy-Brüder längst tot und weilt auch Martin Luther King nicht mehr unter den Lebenden. Verschwörungsspezialist Ellroy beschäftigt sich nunmehr mit den Manipulationen bei der Wahl von „Tricky Dicky” Nixon zum Präsidenten und dem Versuch der Mafia, in der Dominikanischen Republik ein Casino-Paradies wie einst auf Kuba zu errichten.
Drei Männer von deutlich rechter Gesinnung stehen im Zentrum: ein Ex-Polizist und Heroinkocher, ein FBI-Agent und Schwarzenhasser sowie ein neurotischer Privatermittler und Drogenschmuggler. Es ist nicht immer leicht für den Leser zu überblicken, wer gerade wo und warum was macht. Trotzdem ist „Blut will fließen” bereits lesbarer als sein direkter Vorgänger „Ein amerikanischer Alptraum”. Wer’s bis zur Mitte geschafft hat, pulsiert selbst fast mit im Takt der Ellroyschen Prosa, hat das Wort „Hass” hassen gelernt, weil es pausenlos vorkommt und noch am genauesten beschreibt, was hier der eigentliche Motor des Geschehens ist. Dass die drei Protagonisten dann alle doch einer Frau verfallen, die dem linken Spektrum zugeordnet werden muss, zeugt von dem Verlangen, auch als Sumpfkreatur noch als Mensch wahrgenommen zu werden. Vielleicht ist es auch so etwas wie der Wunsch nach Erlösung.
Reale Personen der Zeitgeschichte behandelt Ellroy skrupellos wie Romanfiguren. FBI-Direktor J. Edgar Hoover (gern auch „Gay” Edgar genannt) ist dabei so etwas wie ein Bindeglied der drei Romane. Auch Howard Hughes, in seinem verwahrlosten, abgeschotteten Zustand inzwischen gern „Dracula” betitelt, ist auch früher schon aufgetaucht. Nixon kommt als Neuling hinzu, wobei „Watergate” hier weniger eine Rolle spielt als ein blutiger Diamantenraub, dessen Beute augenscheinlich in Wahlkampfkassen geflossen ist.
Eine anstrengende Lektüre, ohne Zweifel. Schon allein deshalb, weil Ellroy nie Sätze schreibt, in denen man sich ausruhen könnte.
James Ellroy: Blut will fließen, Ullstein, 782 Seiten, 24,90 Euro
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