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Americana-Album

Grandioser John Hiatt überrascht mit heiteren Tönen

05.10.2012 | 16:26 Uhr
Grandioser John Hiatt überrascht mit heiteren Tönen
Mit Knautschgesicht und Hut: Hiatt hat Blues, Rock und Folk voll im Griff.Foto: Getty

Washington.   Der Americana-Sänger John Hiatt klingt auf „Mystic Pinball“ nicht so düster wie auf den vorigen Produktionen. Auf seinem neuen Album liefert er die richtige Melange aus Rock und Blues und Folk. Da geht einem das Herz auf.

Wer von Washington aus rüber fährt nach Alexandria ins altehrwürdige „Birchmere“, der möchte gediegen sitzen, klönen, essen. Und nebenbei handgemachte Erwachsenenmusik hören. Einer der traditionsreichsten Musik-Klubs an der amerikanischen Ostküste gleicht mit seinen Sitzecken und dunkel vertäfelten Wänden eher einer Gaststätte, in der man auf dem Weg zum Klo das Schild „Bundeskegelbahn“ erwartet, denn einer Konzerthalle. Wenn die Gäste bei scharf gewürztem Meeresgetier zu laut mit dem Besteck klimpern, setzt es schon mal Bemerkungen von der Bühne.

Kinky Friedman, der schriftstellernde Bänkelsänger-Ex-Gouverneurskandidat aus Texas, unterbrach neulich seine Darbietung genervt: „Schön aufessen, Fred, sonst scheint die Sonne morgen nicht.“ John Hiatt hat solche Zurechtweisungen nicht nötig. Nach fast 40 Jahren auf der Bühne und Hunderten Konzerten strahlt der bekannteste unbekannte Lordsiegelbewahrer des Americana-Roots-Rocks eine beiläufig wirkende Virtuosität aus, die zum stillen Genießen zwingt.

Tiefes Wissen um die richtige Melange

Gekommen ist der gerade 60 Jahre alt und noch knautschgesichtiger gewordene Mann aus Indiana, der mit Frau Nr. 3, Kindern und allerlei Nutztieren auf einer Farm lebt, an diesem Abend mit seinem neuen Alterswerk: „Mystic Pinball“. Wer sich durch die von tiefem Wissen um die richtige Melange aus Rock, Blues und Folk gesättigte CD zappt, dem geht spätestens nach „It All Comes Back Someday“ das Herz auf.

Der grandios quengelige Gesang Hiatts hat im Unterschied zu den oft düsteren Produktionen davor einen heiteren, zufriedenen Unterton. „We’re Allright Now“ schubbert sich so wohlig in Bauch und Beine, dass man sich an Hiatts Durchbruch 1987 erinnert fühlt: „Bring the Family“. Familie. Schwieriges Stichwort. Als die Karriere nicht ans Laufen kam, badete Hiatt oft in Scotch. Seine erste Frau verkraftete das nicht, nahm sich das Leben.

Ein Weckruf, der bis heute nachhallt. Hiatt weiß, wovon er singt: „I Know How To Lose You“. Anteil an der beschwingten Leichtigkeit, die „Mystic Pinball“ umgibt, hat die Band. Kenneth Blevins (Schlagzeug), Patrick O’Hearne (Bass) und Doug Lancio (Gitarre) liefern einen Sound, der schön und dreckig zugleich ist. Bestes Lied: „Wood Chipper“. Es geht um einen Häcksler. Für Holz und anderes. Wer „Fargo“ gesehen hat, weiß Bescheid.

  • John Hiatt: Mystic Pinball (Rykodisc/Warner)

Dirk Hautkapp



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