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Erster Weltkrieg

Frauen schufteten im Ersten Weltkrieg an der Heimatfront

25.04.2014 | 17:16 Uhr
Frauen schufteten im Ersten Weltkrieg an der Heimatfront
Vom Herd in die Industrie – ein Gruppe von Arbeiterinnen.Foto: Rosier/LWL

Ruhrgebiet.   Das Leben der Menschen an Rhein und Ruhr wurde zwischen 1914 und 1918 auf den Kopf gestellt: Schwerstarbeit, Hungersnot, Trauer. Dabei war anfangs der Wunsch nach Veränderung so groß gewesen. Wir erinnern an bewegende Schicksale von drei Frauen aus unserer Region.

Heutzutage zeigen Familienfotos Harmonie und Glück. Vater, Mutter, Kinder – alle lächeln. Der eine mehr, der andere weniger. Manchmal glaubt man, in einem Gesicht einen Charakter oder eine Stimmung erkennen zu können. Familien-Bilder, die in der Zeit des Ersten Weltkrieges entstanden, wirken anders. Das liegt an der Technik von damals, an langen Belichtungszeiten und fehlender Erfahrung der Fotografierten mit der Fotografie. Darüber hinaus scheinen diese Bilder auch andere Lebens-Geschichten zu erzählen. So das Foto von Karoline Kowalkowski, aufgenommen vermutlich im Jahr 1916. Eine zierliche Frau, Ende 20, und ihre sechs Kinder. Die Kleinen fein herausgeputzt, mit Halstüchern oder Schleife im Haar. Kein Lächeln ist zu sehen, nur tiefer Ernst. Der Vater ist nicht im Bild. Er kann nicht, er ist im Krieg.

Revier wird zur Heimatfront

Karoline, verheiratet seit 1906 mit dem Bergmann Johann Kowalkowski aus Gelsenkirchen, ist eine von zehntausenden Frauen im Ruhrgebiet, denen dieser große Krieg Gewalt antut. Die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts sucht nicht allein die Schlachtfelder heim, sondern jede Stadt und jedes Dorf. Auf einmal ist alles wie umgekrempelt. Der Lebensraum Kohlerevier verwandelt sich in eine „Heimatfront“.

Anna Wischermann (l.) aus Bottrop und ihre jüngere Schwester Maria. Foto: Hildegunde Wischermann, Enkelin von Anna Wischermann

Gerade erst sind Soldaten mit Blumen an den Gewehren durch Dortmund, Essen, Gelsenkirchen gezogen. Der Ausmarsch der Truppen hatte Volksfest-Charakter. Aber die Schlachten dauern länger als gedacht. Immer mehr Männer müssen raus, an die Fronten in West und Ost. Und wer bleibt im Revier? Wer macht die Maloche? Wer geht zur Zeche, zum Pütt? Es sind Frauen wie Karoline Kowalkowski und Anna Wischermann, die auf einmal schuften sollen wie die Kerle. Ausgerechnet in einer Gesellschaft, die ihnen bis dahin nur die Rolle des Heimchens am Herd zugestanden hatte.

Serie
Der erste Weltkrieg - Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

1914, vor genau 100 Jahren, brach der erste Weltkrieg aus. Wie kam es dazu? Wie reagierten die Menschen im Ruhrgebiet? Wie veränderte der Krieg ihr Leben? In einer Serie beleuchten wir im Laufe dieses Jahres viele verschiedenen Facetten dieser Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Teil 1: 1914 - Das Jahr, in dem der Krieg über Europa hereinbrach

Teil 2: Aufmarsch an der Heimatfront im Ruhrgebiet

Teil 3: Frauen schufteten im Ersten Weltkrieg an der Heimatfront

Teil 4: Feldpost - Gelsenkirchener untersucht Lebenszeichen aus dem Krieg

Teil 5: Belgisches Museum zeigt Grauen des Ersten Weltkriegs

Teil 6: Für den Kaiser im Krieg, von den Nazis verfolgt

Teil 7: Schüler gedenken der Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg

Teil 8: Waffenschmiede Ruhrgebiet

Anna Wischermann aus Bottrop, Jahrgang 1887, schiebt ab 1916 Kohlenwagen auf der Zeche Osterfeld. Ein Foto z eigt sie mit ihrer Schwester Maria (16) in Arbeiterkleidung. Ernste Mienen auch hier. Die Jüngere legt der Älteren eine Hand auf die Schulter. „Wir packen das“, könnte das heißen, oder: „Wir gehören zusammen.“ Die beiden teilen nicht nur die Wohnung, sondern auch ihr Schicksal als Industriearbeiterinnen.

Frauen litten unter widrigen Bedingungen in Rüstungsbetrieben

Der Bochumer Historiker Lucian Hölscher erzählt, dass diese Frauen unter unvorstellbarem Druck standen. Oft als Ernährerinnen großer Familien. „Ab 1916 mussten Zehntausende Frauen im Ruhrgebiet in der Schwerindustrie arbeiten, viele von ihnen unter unmenschlichen Bedingungen. Sie litten Hunger, ihre Löhne waren niedrig. Nach dem Krieg wurden jene Männer, die zurückkehrten, bevorzugt wieder eingestellt. Die Frauen wurden sozusagen wieder ,zurück an den Herd’ geschickt. Für viele war das eine Enttäuschung.“

Karoline Kowalkowski und ihre sechs Kinder. Der Vater ist im Krieg. Foto: Detlef Kaiser, LWL

Eine Arbeiterin der Reichsbahn-Ausbesserungsstelle Recklinghausen erinnerte sich so an diese Zeit: „Bei Wind und Wetter mussten wir zwölf Stunden arbeiten . . . Die ersten Wochen hatten wir Blutblasen an den Händen . . . Im Winter war einmal in Baukau ein Militärgüterzug entgleist. Wir wurden vom Platzmeister geholt und mussten die Sachen vom entgleisten Zug in einen anderen umladen. Erst spät in der Nacht sind wir nach Hause gekommen. Und das alles für einen Lohn von 1,90 Mark am Tag – ich war ja erst 19 Jahre alt.“

Karoline Kowalkowski fängt 1915/16, kurz nach der Geburt ihres sechsten Kindes, als Tagesarbeiterin auf der Zeche Ewald 3/4 in Gelsenkirchen an. Anna Wischermann bringt ihren sechsjährigen Sohn bei Verwandten in Düsseldorf unter. Der andere, gerade drei Jahre jung, muss, mit Butterbroten versorgt, bis abends auf die Mutter warten.

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Frauen schufteten im Ersten Weltkrieg an der Heimatfront
Frauen schufteten im Ersten Weltkrieg an der Heimatfront
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2014-04-25 17:16
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