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Einfach den Mund halten – 24 Stunden Schweigen

15.09.2011 | 19:45 Uhr
Einfach den Mund halten – 24 Stunden Schweigen
Foto: Oliver Fauvre, Bastei Lübbe

Vught.Um sich wieder selbst zu hören, muss man still sein. Doch wie gut ertragen wir die Stille? Ein Besuch eines Schweigeseminars, geleitet von einer ehemaligen Nonne, die zwölf Jahre im Schweigekloster lebte.

Ruhe! Ich wälze mich von einer Seite meines Bettes auf die andere. Ich muss doch noch . . . Schaffe ich das überhaupt? Mist, ich sollte doch eine bequeme Hose einpacken. Noch mal aufstehen. Und jetzt: Ruhe! Doch die Stimme in meinem Kopf plappert weiter. Als ich das letzte Mal in dieser Nacht auf die Uhr schaue, stehen die Zeiger meines Weckers auf halb 5.

Im Zug auf dem Weg zum Schweigeseminar sitzen zwei Mädchen neben mir. Sie quasseln laut über ihren Traumberuf: „Schauspielerin.“ Über ihren Traumjungen: „Der ist so süüüß.“ Ein grauer Anzugträger murmelt: „Das nächste Mal nehme ich wieder den Flieger.“ Das Lachen der Mädchen schrillt in den Ohren.

Bitte, flehe ich müde in Gedanken: Ruhe!

Und dann wird es still. Im ehemaligen Kloster und heutigen Begegnungszentrum in der niederländischen Stadt Vught sitzen wir an einem Freitag zusammen beim Abendessen. Zehn Menschen, die sich nicht kennen – und keiner sagt ein Wort. Stumm reichen wir uns Schüsseln und Schalen. Ich schmecke den Salat – ein gutes Öl. Die Paprika – süß und scharf zugleich. Ich genieße, schmecke viel intensiver, atme durch. Ich muss nicht mit fremden Menschen Small Talk führen: Wie heißen sie? Woher kommen sie? Was machen sie?

Nach ein paar Minuten frage ich mich: Wie heißen sie? Woher kommen sie? Was machen sie? Nicht laut fragen zu dürfen, lässt mich auf dem Stuhl hin und her rutschen.

Der Weg zum Inneren

„Der Körper ist das Fahrzeug auf dem Weg zum Inneren“, sagt Miek Pot. Die Niederländerin hat rund zwölf Jahre lang als Nonne in einem Schweigekloster beim Kartäuserorden in Frankreich gelebt. Nun unterrichtet die 50-Jährige Menschen im Schweigen, weil sie sich dadurch selbst besser wahrnehmen, leichter Entscheidungen treffen können, verspricht Miek Pot.

Zur Person: Miek Pot
12 Jahre im Kloster

Miek Pot stammte aus einer wohlhabenden katholischen Familie. Sie lebte ein ausschweifendes Studentenleben, bevor sie 27-jährig in ein Kartäuserinnenkloster eintrat. Die Niederländerin verbrachte zwölf Jahre lang meist schweigend. Für sie war es ein Weg zu sich selbst. Es gab nicht den einen Schlüsselmoment, der sie aus dem Kloster zurück ins gesellschaftliche Leben trieb. Aber sie erinnert sich, wie sie bei Sonnenschein mit dem kleinen Klosterauto fuhr, während Cabrios sie überholten. Da erkannte sie, was sie alles nicht erleben würde, wenn sie im Kloster bliebe. Heute fährt Miek Pot Cabrio.

„Nur wenn der Körper still ist, ist auch geistige Stille möglich“, erklärt die Frau mit Blondhaar und sitzt dabei lächelnd im lichtdurchflutenden Raum auf einem Meditationsbänkchen. Ein Sessel wäre mir nach dem frühen Abendessen lieber. Aber ich bin überrascht, wie bequem diese Bank ist, die auch als Gebetsbank in einer katholischen Kirche stehen könnte. Beine unter den niedrigen Holzsitz geschoben, die Unterschenkel liegen auf dem Boden, mein Rücken ist gerade, und das wie von selbst. Miek Pot schlägt dreimal gegen eine Klangschale, mit dem vibrierenden Ton schließe ich meine Augen. Und höre meine innere Stimme: „Ob die anderen jetzt auch die Augen geschlossen halten? Beobachtet mich jemand?“ Ich blinzle.

„Stille ist etwas Äußeres, aber Schweigen ist eine Begegnung mit sich selbst“, erklärt Miek Pot. „Die Stille genießt man, aber Schweigen ist schwierig.“ Es ist still. Nur meine innere Stimme redet und redet. Sie ist noch lauter als sonst. Wie soll ich die nur abstellen? Ruhe! Ich denke übers Denken nach, ob ich jetzt denke und ob man auch mal gar nicht denken kann. Doch wenn ich es versuche und überprüfe, ob ich denke, dann denke ich schon wieder: Ich denke! Ruhe! Ruhe! Ruhe!

Einen Fokus sollen wir uns suchen, ein Bild, ein Symbol, eine Silbe, auf die wir uns konzentrieren. „Om“ fällt mir sofort ein. Nein, das ist zu abgegriffen. Ich lasse vor meinem inneren Auge die Wellen der Nordsee auf einen Strand rauschen. Und denke sogleich an den letzten Urlaub. Kommt meine Schwester heute Nacht mit den Kindern gut nach Hause? Das Meer beruhigt mich nicht, es wühlt mich auf. Gongggg – die Klangschale lässt mich die Augen öffnen. „Wir machen jetzt eine Gehmeditation“, erklärt Miek Pot. Still gehen wir im Kreis. Langweilig – wenn es nicht so mühsam wäre, das Gehirn zum Schweigen zu bringen. Ruhe!

24 Stunden des Schweigens

Durch das Fenster sehe ich einen großen Baum mit ausladenden Ästen und dahinter in der Ferne eine Bank. Wie einladend sie aussieht. Dieses Bild wird mein Fokus in diesen 24 Stunden des Schweigens.

Kaum haben wir uns für die nächste Meditationsrunde gesetzt, spüre ich ein Kratzen im Hals. Nein, bitte nicht. Das wäre ja jetzt noch peinlicher als im Konzertsaal. Doch da kitzelt der Husten schon in der Kehle. Ich spurte aus dem Raum, um die anderen nicht zu stören. Sie kennen mich nicht, aber werden mich wohl in Erinnerung behalten, als die Frau, die hustete. Darüber will ich jetzt wirklich nicht nachdenken… Ruhe!

Heute fährt Miek Pot Cabrio. Foto: Olivier Fauvre, Bastei Lübbe

Anschließend bei Tee oder Wein sind wir immer noch still. Nach ein paar anstrengenden Tagen empfinde ich das als ein Geschenk. Ich fühle mich angenehm erschöpft wie nach einem Sauna-Besuch. Auch von hier aus sehe ich meinen Baum. Ich beobachte, wie die letzten Sonnenstrahlen die im Wind flatternden Blätter leuchten lassen. Und ich sehe ihn auch dann noch, als sich sein Grün in ein Schwarz verwandelt vor einem immer dunkler werdenden Blau. Wann hatte ich das letzte Mal den Sinn für solch einen Augenblick?

Ich schaue mir die anderen Frauen an: Eine presst die Lippen zusammen, als ob sie so verhindern könnte, dass die Wörter aus ihrem Mund flutschen. Eine andere spricht: „Irgendwie bescheuert. Es ist dunkel, müsste es nicht wie beim Fastenbrechen ein Schweigenbrechen geben?“ Ich hätte den Abend lieber ohne diesen Bruch erlebt. Ruhe!

In meinem Zimmer beantworte ich schnell mit meinem Handy eine SMS. Moment – habe ich jetzt noch geschwiegen?

Sich selbst hören

Am nächsten Morgen nach einem Frühstück in der Stille beginnt die nächste Meditationsrunde. „Kontemplation“ nennt Miek Pot sie, dabei wird die Stille und die „Leere des Geistes“ betont. Diese Art der Konzentration sei nicht unbedingt ein religiöser Weg. Auch Menschen ohne Glauben könnten dadurch zu sich finden, sich wieder selbst hören.

Ich bin vorbereitet: Hustenbonbons liegen neben meinem Bänkchen. Eine Meditationsrunde dauert genauso lang wie ein gelutschter Drops. Durch das geöffnete Fenster höre ich die Enten vom nahe gelegenen See schnattern. Die können auch nicht den Schnabel halten. Ich muss lächeln. Überhaupt lächeln wir hier viel. Wenn wir uns sehen, wenn wir uns beim Essen den Salat reichen. Ein Lächeln, das wärmer wirkt als ein dahingesagtes Danke. Plötzlich erinnere ich mich an einen Spaziergang mit einem alten Freund an der Ruhr. Warum ich gerade jetzt daran denke? „Keine Interpretation, keine Bewertung“, sagt Miek Pot. Ich wische die Bilder weg wie Regentropfen auf einer Fensterscheibe und sehe wieder klar: meinen Baum und die Bank in der Ferne.

Im Hier und Jetzt

Bei der Gehmeditation nehme ich Dinge wahr, die gestern an mir vorbeirauschten, das Rascheln der Hose der Frau, die vor mir geht, die Maserung eines Holzbalkens, die Spiegelungen im Glas der Bilder. „Im Hier und Jetzt“, bittet Miek Pot uns. Ja, genau dort bin ich.

Miek Pot schreibt Bücher über das Schweigen. Foto: Olivier Fauvre, Bastei Lübbe

Am Nachmittag beginnen meine Schultern zu schmerzen, mein linker Fuß kribbelt. Er wird ja wohl nicht einschlafen? Das Gedankenkarussell dreht sich wieder. Ruhe! „Geh nicht in die Geschichte“, sagt Miek Pot. Das erinnert mich an die heiße Herdplatte bei einem Kind. Fass sie nicht an! Und das Kind will sie erst recht anfassen. Ich soll den Mund halten. Aber ich will ihn jetzt erst recht nicht halten. Ich bin erholt und ausgeruht, ich möchte aufstehen und tanzen, ich will reden und einmal laut schreien (Später empfiehlt mir eine Teilnehmerin eine Urschreitherapie …). Alles besser als nur still zu sitzen und nichts denken zu dürfen. Ich will nicht mehr! Was hatte Miek Pot gesagt? „Das Schwierigste ist das Nichtstun.“ Man müsse durch diese Lustlosigkeit gehen, sie überwinden. Ich lutsche mein Hustenbonbon schneller, als ob ich so die Zeit verkürzen könnte . . .

Gonggg. Ich seufze erleichtert. Lange habe ich mich nicht mehr so aufs Abendessen gefreut.

Die letzte Meditationsrunde vergeht dann doch viel zu schnell. Ich finde es schade, dass wir wieder reden. Denn manches davon ist zwar gut, doch anderes wirkt belanglos. Interessiert es uns wirklich, was die Großen, Berühmten und Reichen erleben? Ich möchte wieder rufen: Ruhe!

Ich gehe früh auf mein Zimmer. Im Bad schaue ich in den Spiegel: Das Schweigen hat mich nicht erleuchtet, aber meine Augen leuchten. Als ich im Bett liege, spaziere ich in Gedanken noch einmal zu meinem Baum und der Bank in der Ferne. Als ich ankomme, spüre ich endlich: Ruhe.

  • Weiterlesen: Miek Pot: In der Stille hörst du dich selbst – Meine zwölf Jahre in einem Schweigekloster. Bastei Lübbe, 240 Seiten, 16,99 Euro

Maren Schürmann

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Kommentare
17.09.2011
14:15
Einfach den Mund halten – 24 Stunden Schweigen
von oldbaer | #1

Wann nehmen endlich mal Politiker (ich sage nur FDP) an einem solchen Seminar teil? Aber 24 Std. sind da manchmal noch zu wenig.

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