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Reportage

Ein Dorfmit zweiSeelen

09.11.2012 | 16:37 Uhr
Ein Dorfmit zweiSeelen
Wo England auf Schottland trifft: Der Grenzort Berwick-upon-Tweed. Foto: Northumberland Tourism

Das Örtchen Berwick-upon-Tweed wechselte in seiner Geschichte 13 Mal zwischen der englischen und der schottischen Hand. Doch wenn Schottland 2014 über seine Unabhängigkeit entscheidet, beginnt die Identiätssuche erneut.

Im Dorf läuten die Glocken, Markthändler verpacken ihren Fisch unter schwarzen Regenwolken. Alltag im Ort, der auf den ersten Blick nichts gemein hat mit einem umkämpften Fort im Wilden Westen. Doch hier, bei der 12 000-Seelen-Gemeinde, verläuft Europas nächste Front: Wenn Schottland sich in zwei Jahren vom Königreich verabschiedet, ist England in Berwick zu Ende. Ein Grenzbesuch.

Wenn Derek Sharman Reisenden zeigt, warum Berwick-upon-Tweed ein Dorf mit zwei Seelen ist, dann nimmt er sie mit auf Meg’s Mount, eine alte Kanonen-Rampe mit Rundum-Ausblick. Von hier sieht man die Nordsee, den Fluss Tweed und die Felder, die einst als Kornkammer der Insel galten. „Wer Kontrolle über Berwick hatte, der hatte Zentralschottland in der Hand“, erklärt er.

13 Mal zwischen den Ländern gewechselt

Kein Ort Europas war so hart umkämpft wie dieser: 400 Jahre lag das Dorf unter Dauer-Belagerung. 13 Mal hat es zwischen England und Schottland die Hand gewechselt. „Heute ist Berwick ein gutes Beispiel dafür, wie eine kriegsgeplagte Stadt zusammenhält“, sagt Sharman, „ob hier jemand schottische oder englische Wurzeln hat, ist egal. Wir fühlen uns als ‚Borderers’, als Grenzstädter mit Doppel-Identität.“ Dass es lange keine Animositäten gab, liegt vor allem daran, dass die Grenze zwischen England und Schottland für Berwicker seit 1482 keine echte mehr ist, sondern nur noch Lokal-Folklore. Firmen in Berwick treiben Handel auf beiden Seiten, Kinder queren die gedachte Linie tagtäglich ohne Nachzudenken auf dem Schulweg. Die Hälfte aller Telefonate aus Nordengland geht nach Schottland.

Hinter Türen wird kräftig diskutiert: Soll Schottland ein eigener Staat werden? Foto: Northumberland Tourism

Dass Berwick im Jahr 2014, wieder einmal, Englands letzter Außenposten an einer neuen Grenze werden könnte, lässt Sharman mit dem Kopf schütteln. Man könnte darin eine Ironie der Stadtgeschichte sehen. Oder aber die praktischen Konsequenzen, die Schlagbäume in einem geteilten Königreich mit sich bringen: „Mit dem Dorf würde es dann bergab gehen“, glaubt der Hobby-Historiker, „Feindseligkeit würde an der Grenze zwischen Nord und Süd regieren.“

Die Rahmendaten stehen: Im Herbst 2014 dürfen fünf Millionen Schotten in einem Referendum wählen, ob sie sich vom Königreich abspalten und ihr eigener Staat werden wollen. Bei knapp über 30 Prozent liegt die Quote der Ja-Sager inzwischen. In den nächsten zwei Jahren könnte sie – befeuert durch die Abneigung der Schotten gegen Großbritanniens konservative Regierung – auf die nötigen 50 Prozent klettern. Im Landtag von Edinburgh arbeiten Politiker daher bereits parteiübergreifend an den Details für Tag X. Wie schnell kann Schottland eigene Botschaften im Ausland einrichten? Wer stellt das neue, eigene Rentensystem auf die Beine? Strittigster Punkt: Die konkrete Ausgestaltung von Nato- und EU-Mitgliedschaft.

„Wir wollen selbst entscheiden, wie wir unsere Gesellschaft gestalten“

Die meisten Nicht-Schotten bewegt allerdings eine ganz andere Frage. Sir Malcolm Rifkind, Ex-Außenminister unter Margaret Thatcher, bringt sie auf den Punkt: „Warum verhält sich Schottland in einer Welt, die zusammenwächst und Probleme global löst, wie eine schizophrene Amöbe und teilt sich?“ Die Antwort ist naheliegend. Man muss nur von Englands nördlichstem Dorf Berwick in Schottlands südlichstes Dorf Eyemouth fahren und Umweltminister Paul Wheelhouse zuhören. „Wir wollen selbst entscheiden, wie wir unsere Gesellschaft gestalten“, sagt er mit einem Seitenhieb auf die Politik, die in Westminster gemacht wird, „sie soll keinen Luxus finanzieren, sondern ein System guter, öffentlicher Einrichtungen.“ Schottlands Interessen würden in London kaum berücksichtigt. „Unsere Fischereiflotte hat die EU-Blockadehaltung der Tories sogar direkt geschadet“, kritisiert Paul Wheelhouse.

Was macht unsere Identität aus? Fragen sich die Einwohner des Örtchens. Foto: Northumberland Tourism

Eine Prise Selbstbestimmung hat Schottlands Regionalparlament der britischen Regierung zwar schon abgerungen: Rezepte für Medikamente sind kostenfrei, Senioren müssen kein Altenheim und Studenten nicht die in England pro Jahr fälligen 12 000 Euro Studiengebühren zahlen. Doch kleine Siege reichen den abtrünnigen Schotten nicht. „Wir wollen insgesamt eine Politik, die unserer Psyche, unserem Ethos und unseren Aspirationen als Gesellschaft besser entgegenkommt“, sagt Paul Wheelhouse. Die anglo-amerikanische Variante des Kapitalismus, die lässig hingenommenen Unterschiede zwischen Armut und Luxus südlich der Grenze, all das widerstrebt vielen Schotten zutiefst. Auch die Atomwaffen des Königreichs, komplett an der schottischen Westküste stationiert, sollen nach der Unabhängigkeit gleich verschwinden.

Premier David Cameron hat die Fronten im Januar zusätzlich mit der Aussage zementiert, dass er entscheide, wie der Wortlaut des Referendums lauten soll. Solche Gängelei ist Wasser auf den Mühlen der Separatisten: In den Tagen nach Camerons forschem Auftritt verzeichnete die Scottish National Party einen Mitgliederzuwachs von 20 Prozent. Je erfolgreicher die Tories 2014 dastehen, desto höher wird in Schottland die Unterstützung für ein Ja-Votum ausfallen. Wheelhouse lächelt. Für Bravehearts Erben läuft es prächtig. Was Schottlands Nationalhelden wie Bonnie Prince Charlie in blutigen Schlachten nicht erreicht haben, das schafft in zwei Jahren womöglich ein simpler Wahlzettel.

Was Schottland für England bedeutet

Fürs Rumpf-Britannien wäre Schottlands Autonomie ein Desaster, auch wenn das freilich nur wenige Engländer öffentlich zugeben. 30 Prozent der Öl- und Gasvorräte des Landes liegen in schottischen Gewässern. Die Armee verlässt sich zudem zu einem großen Teil auf schottische Rekruten. Und ob das Königreich seinen permanenten Sitz im UN-Sicherheitsrat nach dem Bruch noch halten kann, steht in den Sternen.

Viele Grenzstädter fahren nach Edinburgh statt nach Newcastle zum Einkaufen, weil die Schotten bessere Straßen haben. Englische Senioren kaufen Immobilien im Norden der Grenze, weil sie wissen, dass sie dort im Pflegefall günstig versorgt werden. Das Willkommen in Schottland fällt immer ausgesprochen herzlich aus. Und Westminster ist hier sehr, sehr weit weg.

Die Unternehmenssteuer im neuen Staat Schottland soll günstiger sein als in England. Das kann bedeuten, dass Firmen in Grenzorten abwandern – und mit ihnen die Arbeitsstellen und die Menschen.

Jasmin Fischer


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