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Die Zeit steht still auf der Halde Schwerin in Castrop-Rauxel

14.02.2016 | 19:04 Uhr
Die Zeit steht still auf der Halde Schwerin in Castrop-Rauxel
Frank Kerner, Experte für Industrie- und Zeitgeschichte am Essener Ruhrmuseum, auf dem Weg zur Sonnenuhr, die auch ohne Licht und Schatten wirkt.Foto: Jakob Studnar

Castrop-Rauxel.   Wir trafen den Historiker Frank Kerner vom Essener Ruhrmuseum an der Sonnenuhr auf der Halde Schwerin. Er erklärt, warum die Uhren heute anders gehen.

Die Zeit steht still. Zumindest bei Regen. Das Grau des Himmels lässt keinen Schatten zu. Und somit kann die Sonnenuhr auf der Halde Schwerin in Castrop-Rauxel zumindest an diesem Tag nicht anzeigen, wie spät es ist. Der Bildhauer Jan Bormann schuf diese erste gebaute Landmarke im Ruhrgebiet – im August vor 22 Jahren wurde sie eingeweiht. Er betont damit die Bedeutung der Sonne für den Bergmann. Doch nicht nur über das Licht – oder dessen Abwesenheit – beginnt der Besucher dieses besonderen Ortes zu philosophieren. Unweigerlich denkt er auch nach über die Zeit – und wie sie unser Leben bestimmt.

Prämien für permanente Pünktlichkeit

„Mit der Industrialisierung hat sich unser Verständnis von Zeit verändert“, sagt Frank Kerner, Experte für Industrie- und Zeitgeschichte am Essener Ruhrmuseum. In der Landwirtschaft hat es noch einen natürlichen Rhythmus gegeben, bestimmt von Tageslicht und Jahreszeit. Dann bestimmte die Maschine den Takt. „1835 gab es die erste Dampfmaschine bei Krupp“, erinnert der 57-Jährige. Die „mechanische Zeit“ verlangte Anwesenheit und Arbeitsdisziplin. „Das mussten die Menschen erst lernen.“ Belohnt wurden sie mit Prämien für permanente Pünktlichkeit. Und bestraft mit Lohn-Abzug, wenn sie zu spät kamen. Der Förderkorb, der die Bergleute in die Tiefe brachte, wartete keine Viertelstunde. „War man zu spät, gab es für die Schicht gar kein Geld mehr“, erinnert der Historiker. Wer sich jedoch 25 Jahre lang erfolgreich dem Zeitdiktat beugte, bekam zum Dienstjubiläum auch gerne mal eine Uhr. „Bei Krupp war das gang und gäbe.“

Frank Kerner steht an einer von 24 Stahl-Stelen der Sonnenuhr des Künstlers Jan Bormann. Foto: Jakob Studnar

Fünf Meter hohe Stahl-Stelen bilden die Sonnenuhr auf der Halde der ehemaligen Zeche Graf Schwerin. Ein schräg gestellter Schattenwerfer ist mit der 12-Uhr-Säule verbunden. „Auch die erste Uhr im 14. Jahrhundert hatte nur einen Stundenzeiger“, so Kerner. „Erst im 16. Jahrhundert kommen Minuten- und Sekundenzeiger hinzu.“ Aber diese neue Zeitrechnung spiegelte sich noch nicht im Alltag wider. Und Arbeitsschichten von 14 bis 16 Stunden – „auch für Frauen und Kinder“ – wurden erst Realität mit den Maschinen, damit diese liefen und liefen.

Wie konnten die Menschen das leisten? „Die Maloche schafften sie nur, wenn sie jung und kräftig waren“, betont Kerner. 80 Prozent der Arbeiter in der Stahlindustrie um 1900 seien zwischen 15 und 36 Jahre alt gewesen. Und: „Es gab auch bei einer 12-Stunden-Schicht informelle Pausen.“ Die Menschen waren greifbar, aber nicht die ganze Zeit hochkonzentriert am Werk. Und: „Sie hatten zwar nicht frei, aber sie haben blau gemacht.“ Wenn zum Beispiel wieder ein Jahrmarkt im Ort war. „Außerdem gab es damals dreimal so viele kirchliche Feiertage wie heute.“

Und noch eine Erklärung hat Kerner, warum die Menschen diese Strapazen ausgehalten haben: Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit war früher – obwohl es noch keinen Urlaub gab – viel stärker. Heute verschwimmt die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit durch die ständige Erreichbarkeit per Mail und Handy. Da atmen die Menschen auf, wenn der Wind auf dem Haldengipfel die Gedanken in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

Die Halde Schwerin aus der Luft – mit Sonnenuhr und „Geo-Kreuz“, einem Weg aus vier Himmelsrichtungen. Foto: Hans Blossey

Vier Relief-Tafeln neben der Sonnenuhr erklären auf der Halde Schwerin die Aussicht. Wobei sie an diesem Tag graue Theorie ist: Bis nach Langenberg soll man sehen können. Es ist zu diesig, um das zu überprüfen. In Richtung Dortmund und Schwerte fällt vor allem ein großes Bauwerk ins Auge, das gerade erst im Entstehen ist: eines von mehreren Windrädern. Aber den nahe gelegenen Hammerkopfturm der stillgelegten Zeche Erin erkennt man sofort. Und in der Ferne in Richtung Herten sind auch die Stahlbögen des Horizontobservatoriums auf Hoheward zu sehen. Auf der Tafel findet man jedoch keinen Hinweis zu dieser Halde, auf der ebenfalls eine Sonnenuhr thront. Die Gestaltung dieses künstlichen Hügels ist schließlich erst wenige Jahre alt.

Auch bei klarem Wetter könnte man nicht, wie die Tafel verspricht, nach Bergkamen und Lünen schauen. Ein Birkenwald versperrt den Blick – so viel Gestrüpp ist dem Künstler Jan Bormann ein Dorn im Auge. Er möchte, dass die Besucher eine unverstellte Aussicht genießen können. Immerhin befreit die Stadt den Gipfel von allzu viel Grün.

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Die Sonnenuhr erkennt der Besucher erst, wenn er einen der Wege hinaufgegangen ist, in die Treppen mal aus Grubenholz, mal aus Eisenbahnschwellen eingelassen sind – die so genannte „Naturachse“. Für die „Industrieachse“ hat Bormann Stahlbrammen der Dortmunder Westfalenhütte eingesetzt und Eisenbahnschienen der „Zeche Minister Achenbach“ in Lünen-Brambauer. „Geo-Kreuz“ nennt der Künstler diese Wege, die sich an der Sonnenuhr treffen und an denen sich der Besucher orientieren kann. Denn wer um die Installation läuft, mal im und mal gegen den Uhrzeigersinn, vergisst leicht, welchen Weg er nun hinaufgekommen ist. An die Eisenbahnschienen erinnert er sich aber bestimmt noch.

Die Uhr geht nach

Selbst wenn die Sonne schiene, könnte die Uhr nicht immer exakt die Zeit widergeben, die eine Armbanduhr zeigt, so Bormann. Eine Sonnenuhr geht schon mal einige Minuten nach, was mit der Erdbewegung zusammenhängt. Sie gibt nur eine grobe Orientierung. Anders als eine mechanische Stechuhr. Seit 1918 ist der Acht-Stunden-Tag gesetzlich festgelegt, erinnert Kerner. In den 50ern wurde der Ruf nach der Fünf-Tage-Woche laut: „Samstags gehört Vati mir“, so die Forderung des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Die Branchen setzten sie in den kommenden Jahren um. Heute gibt es flexible Arbeitszeiten und Home Office. Nicht nach der Zeit, sondern nach dem Ergebnis werden die Menschen mehr und mehr beurteilt. „Man fühlt sich selbstbestimmter“, räumt Kerner ein. Aber ein großer Teil dieser Arbeit sei auch Selbstausbeutung.

Der Tag hat (nur) 24 Stunden. 24 Stelen hat auch die Sonnenuhr auf der Halde Schwerin. Wieso 24? Nachts scheint doch nicht die Sonne. Zumindest in Castrop-Rauxel. „Für die Sonnenuhr wären nur ein paar markierte Punkte am Boden nötig gewesen“, räumt Bormann ein. „Aber es wäre gestalterisch inkonsequent gewesen, nur einen Halbkreis zu machen.“ Bormann, der auch den Spurwerkturm auf der Halde Brockenscheidt in Waltrop gestaltet hat, wollte eine von Weitem sichtbare Landmarke schaffen.

Das ist die künstlerische Freiheit, die man sich bei der Zeit auch ab und an gönnen sollte. Fest steht: Auf einem Haldengipfel kann man sie wunderbar vergessen. Zumindest eine Zeit lang.

Maren Schürmann

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2016-02-14 19:04
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