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Mauerbau

Die Suche nach der unsichtbaren Mauer in Berlin

13.08.2011 | 14:30 Uhr
Die Suche nach der unsichtbaren Mauer in Berlin
Im Osten viel Neues: Hier herrscht Leben, während der Westen zunehmend verödet. Foto: ullstein

Berlin.   Die Mauer teilt auch heute noch die Stadt Berlin – in hübsch und hässlich. Wobei der Osten schick und der Westen eher heruntergekommen ist. Eine Reportage auf den Spuren der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

„Geh’ doch nach drüben.“ Es ist früher Nachmittag, die Sonne scheint und die Ampel wird grün. Keine Frage: Man könnte jetzt einfach mal nach drüben gehen. In den anderen Teil Berlins, wo die Straßen öde sind und die Schaufenster leer und Leute müde. 28 Jahre lang stand an dieser Stelle die Berliner Mauer, trennte den Wedding im Westen von der Rosenthaler Vorstadt im Osten. Dann kam der Mauerfall. Jetzt, zwei Jahrzehnte später, will an dieser Stelle kein Mensch mehr freiwillig nach drüben, in den Westen, so wie es da heute aussieht. Höchstens mal für eine Expedition. Also los.

„Nordkorea“ nennt der Schriftsteller Moritz Rinke alles das, was man sieht, wenn man aus Berlin-Mitte kommt und die Brunnenstraße hochgelaufen ist, an all den Glücksorten für Bürgerskinder vorbei, an lässig sanierten Gründerzeithäusern mit stilsicheren Straßencafés, Galerien und originellen kleinen Läden. Dann kommt Nordkorea. Nordkorea ist der Wedding und der beginnt nach etwa zehn Minuten bergan. Exakt dort, wo früher die Mauer quer über die Brunnenstraße führte.

Der Grenzübergang

Kurz vor der Grenze zum armen, alten Westen mit seinen hässlichen 80er-Jahre-Fassaden, den Schrumpelblumen vor den Eingängen der Discounter und den leeren Pflanzenkübeln vor der düsteren Eisdiele – kurz vor diesem Grenzübergang liegt das „Raja Jooseppi“. Und damit genau das, was Berlinbesucher suchen, wenn sie im neuen Osten unterwegs sind und eine Pause brauchen. Einen Latte trinken, auf handverlesenen Trödelmöbeln sitzen und schaudernd rüber in den alten, banalen Westen gucken.

„Aber wieso Raja-Dingsbums?“ Der Kellner guckt nachsichtig. Er erklärt das nicht zum ersten Mal. „Raja Jooseppi ist der nördlichste Grenzübergang von Finnland zur ehemaligen Sowjetunion.“ „Und das muss man wissen?“ „Die Finnen, die hierher kommen, wissen das.“ „Und wieso heißt der Laden ausgerechnet . . .?“ „ . . . weil auch wir hier am nördlichsten Grenzübergang sind.“ Echt? Seltsam, der berühmte Kontrollpunkt an der Bornholmer Straße liegt doch viel weiter nördlich!? Aber egal. Was würde Erdkunde-Experte Andi Möller sagen? „Finnland oder Bornholm – Hauptsache Asien.“

Bernauer Straße

Tristesse Berlin-West: In Wedding stehen die Läden leer. Foto: imago

Der Kellner schiebt ab, unterm Stuhl vibriert die Erde. Das ist die Linie U8. Sie führt unterirdisch vom Wedding im Norden über den Alexanderplatz nach Kreuzberg im Süden. Auch nach dem 13. August 1961 verkehrten hier die Züge unter der Mauer hindurch weiter – nur, dass die Haltestellen auf Ostberliner Stadtgebiet Geisterbahnhöfe waren.

Dort vorne, am wiedereröffneten U-Bahnhof „Bernauer Straße“, steigen jetzt die Touristen aus, die rechtsherum zum Mauerpark wollen (siehe Artikel auf dieser Seite) oder linksrum zur Mauer-Gedenkstätte. Nach drüben, nach Nordkorea, will keiner.

Originalreste der Berliner Mauer gibt es heute nur noch an drei Stellen – dazu die vielen Reststücke der Hinterlandmauer, die schon tief im DDR-Gebiet stand. Ein echtes Mauerstück steht hier, auf dem Gebiet der Gedenkstätte. Das zweite findet man in der Nähe des Checkpoint Charlie, an der Niederkirchnerstraße. Das dritte steht an der Liesen­straße. Liesenstraße? Nie gehört. Stadtplan raus.

Ein Blick nach drüben: Berliner an der East Side Gallery, wo ein Stück Mauer steht. Foto: Getty

Der kürzeste Weg führt ein Stück durch den alten Westen, über die grüne Ampel von Nordkorea, dann die Ackerstraße hinunter, durchs Hinterland der Grenze, das heute aussieht wie der Osten vor 20 Jahren. Graubrauner Putz an ärmlichen Nachkriegshäusern, überwuchertes Kopfsteinpflaster und Bombenlücken mit jungem Birkengestrüpp. Am Ende, in der Liesenstraße, liegen drei alte Friedhöfe, die durch den Mauerbau zum Sperrgebiet wurden. Auf dem mittleren ist Theodor Fontane begraben, 30 Schritte vom Grenzstreifen entfernt.

Die Grenze verlief hier genau entlang der vorderen Friedhofsmauer, die ersten Grabreihen dahinter mussten dem Todesstreifen weichen. Am östlichen Ende stehen tatsächlich noch 15 Meter Mauer, ganz so, als seien sie 1989 beim Wegräumen bloß vergessen worden.

Wie in Finnland

Stiller kann es auch in Finnland nicht sein. Der junge Osten ist weit weg, der alte Westen schläft hier noch seinen Vorwendeschlaf. Die Expedition ist zu Ende. Der dritte Mauerrest steht heute im Niemandsland.

Julia Emmrich



Kommentare
13.08.2011
19:40
Die Suche nach der unsichtbaren Mauer in Berlin
von kadiya26 | #4

Ja, wir haben alle zusammen den Osten 20 Jahre lang schön gepäppelt. Mit dem Ergebnis, das nicht nur das alte Westberlin heute Nordkorea heißt: Wir hier, tief im Westen der alten Bundesrepublik, sind doch auch schon längst Nordkorea.

Aber Hauptsache, weiterhin fleissig den Soli bezahlen, damit die Pleitekommunen hier ja keine Chance bekommen, sich jemals wieder von dieser Kraftanstrengung Aufbau Ost zu erholen. Wenn wirs schön haben wollen, können wir ja Urlaub in Ostberlin machen, ne?

13.08.2011
19:10
Die Suche nach der unsichtbaren Mauer in Berlin
von Sozialistischer_Einheits.Depp | #3

Der 13. August 2011 wäre genau das richtige Datum, um endlich ein Verbotverfahren gegen die Inter-Nationalsozialisten der Linkspartei einzuleiten

13.08.2011
18:01
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #2

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

13.08.2011
16:59
Die Suche nach der unsichtbaren Mauer in Berlin
von rumpelstielzchen | #1

Was ging es uns hier im Westen an Rhein und Ruhr noch gut, als die Soziale Marktwirtschaft von der NVA vom Osten aus beschützt wurde.

Seit der Konkurrenzbetrieb DDR weg ist,
bekommen auch die Westdeutschen
die Segnungen eines radikalkapitalistischen
BR De-RegulierungSStaat deutlichst zu spüren.

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