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Die neue Wolllust

05.03.2010 | 18:18 Uhr
Stricken macht Spaß – hat man erstmal die Hemmschwelle überwunden. Deshalb gibt es hier einen kleinen Leitfaden für Anfänger:
Stricken macht Spaß – hat man erstmal die Hemmschwelle überwunden. Deshalb gibt es hier einen kleinen Leitfaden für Anfänger:

Stricken ist wieder modern. Schauspielerin Sarah Jessica Parker tut's. Olympiasiegerin Magdalena Neuner auch. Ein Selbstversuch

Fünf dünne Stäbchen liegen vor mir auf dem Wohnzimmertisch wie ein Mikado-Spiel in der Endphase. Ich aber stehe am Anfang. Mit steifen Fingern nehme ich den Faden auf. Heute ist Stricktag. Mein erster.

Zusammen mit Annette Hüser sitze ich am freigeräumten Esstisch. Sie ist ein echter Profi an der Nadel. In ihren Händen wächst ein winziges Söckchen heran, das sie paarweise an eine Frühchen-Station spendet. Sehnsüchtig schaue ich auf das Strickwerk. Für ein Paar wolliger Pulswärmer habe ich mich auf dieses Thema eingelassen.

Damit liege ich voll im Trend. Cornelia Regelsburg von der Volkshochschule Hagen berichtet: „Stricken ist wieder modern.“ Dabei gehe es vor allem darum, jungen Leuten das Stricken erstmal beizubringen. „Das ist eine Form der Kulturvermittlung. Es ist nicht nur Omas Wissen, sondern auch das Bewusstsein, dass wir kein Billigzeug kaufen müssen, sondern selbst in Handarbeit etwas herstellen können.“

Ringe auf der Nadel

Ob ich kann, wird sich nun zeigen: Die erste meiner fünf Stricknadeln kommt zum Einsatz. Annette Hüser führt sie schnell durch die Wollschlaufe, die sie zwischen Zeigefinger und Daumen gespannt hat. Neben dem Daumen taucht die Stricknadel unter dem Faden durch, greift nach dem Stück, das zwischen Daumen und Zeigefinger straff gespannt ist, und schlüpft durch die Schlaufe am Daumen zurück. Zwei bunte Ringe liegen dicht nebeneinander auf der grauen Stricknadel.

Schon seit 181 Jahren produziert die Firma Selter aus Altena Stricknadeln – mit wachsendem Absatz in den vergangenen zehn Jahren. „Nach dem elften September gingen die Umsätze in die Höhe. Im Grunde sind wir Profiteure der Terroranschläge. Und das Gleiche erleben wir nun in Zeiten der Wirtschaftskrise“, sagt Geschäftsführer Thomas Selter. Er erklärt sich den Trend so: „Eine Krise bringt die Menschen dazu, sich zurückzuziehen. Cocooning nennen das die Amerikaner. Man besinnt sich dann wieder traditioneller Dinge, Gärtnern, Handwerken – und eben auch Stricken.“

Damit ich mich selbst nicht völlig in meiner Handarbeit verstricke, hat Annette Hüser einen Tipp für mich: Die linke Masche kann ich am kleinen Knötchen unter der Schlinge von der rechten Masche unterscheiden. So weiß ich genau, an welcher Stelle des Musters ich gerade stricke.

Wie ein beruhigendes Mantra

Diese wiederkehrenden Verknotungen sollen angeblich sogar den Blutdruck senken, wie ein Kardiologe aus den USA herausgefunden haben will. „Die rhythmische Arbeit des Strickens, zusammen mit dem Klicken der Stricknadeln, ähnelt einem beruhigenden Mantra“, erklärt Herbert Benson in seinem Buch „The Relaxation Response“. „Man sagt, stricken ist Yoga für die Finger“, meint auch Stricknadelhersteller Thomas Selter. Es löse Verspannungen. Gerhard Bittner, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neuromentale Medizin in Essen, sieht das differenzierter: „In dem Moment, wo der Mensch sich hinsetzt und seine Gedanken sammelt, ist das wie Meditation – auch beim Stricken.“ Denn Ängste und Sorgen werden für den Moment verdrängt. „Das hilft aber nur kurzfristig.“

Annette Hüser bestätigt: „Beim Stricken komme ich zur Ruhe.“ Doch allem voran ist ihr das Gesellige wichtig bei der Handarbeit. Als sie von Freienohl bei Meschede nach Dortmund zog, knüpfte sie nicht nur Maschen, sondern auch soziale Kontakte durch ihr Hobby beim Hausfrauen-Bund.

Von der Ruhe bin ich weit entfernt: Ich springe – nein, Pardon – stricke im Fünfeck. Mein Stricknadel-Spiel bildet mittlerweile einen Kreis. Während ich versuche, mit der fünften Nadel den Faden regelmäßig linksherum oder rechtsherum aufzufischen, stechen mir die übrigen vier in Hände, Bauch oder Arme. Es ist, als wollte ich einem achtarmigen kleinen Zappelphilipp den Pullover direkt auf den Leib stricken.

Wenige Reihen reichen mir deshalb heute als Tagespensum. Mit einem kurzen Strickarmband in der Tasche verlasse ich meine Lehrerin. Aber ich weiß: Es wird weitergehen. Immer weiter – bis ich wieder bei Annette Hüser anklopfe. Denn wie ich die fortlaufende Maschen-Parade beende, das weiß ich – noch – nicht.

Wie der Ruf des Strickens ruiniert wurde 

Maike Rellecke

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