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Warum wir keine Hunde essen - Schizophrenie der Gewohnheit

18.02.2014 | 14:53 Uhr
Warum wir keine Hunde essen - Schizophrenie der Gewohnheit
Der Hunger und das liebe Vieh: Oft vergessen wir, dass unser Fleisch zuvor ein lebendiges Tier war.

Essen.  Alle Menschen mögen Tiere, nur streicheln sie die einen, während sie die anderen in die Pfanne hauen. Wie kann es sein, dass die einen zum besten Freund des Menschen taugen, die anderen aber bestenfalls zum Steaks verarbeitet werden. Ein Erklärungsversuch.

Wie eine Mischung aus Rind und Wild schmecke es, meinen die einen. Eher wie fettiges Schweinefleisch, sagen die anderen. Vielleicht wie eine Mischung aus Hase und Hühnchen, meinen die einen. Leicht süßlich, sagen die anderen. Die Rede ist von Hundefleisch. Gekocht, gegrillt, geräuchert. Sind Sie jetzt kurz zusammengezuckt? Haben sich geekelt? Ich kann Sie beruhigen: In Deutschland ist der Verzehr von Labradorsteak oder Pudelgulasch ebenso verboten wie der Genuss von Katzenschnitzeln. In der Schweiz allerdings, da dürften Sie, wenn Sie wollten . . . Sie wollen nicht? Um nichts in der Welt? Sind Sie Vegetarier, Veganer? Nein? Warum würden Sie dann keinen Hund essen?

Wir lieben unsere Haustiere - warum nicht auch Kühe und Schweine?

Wir lieben unsere Haustiere. Wir machen uns Gedanken über ihre Gesundheit, Erziehung, Ausbildung oder Unterhaltung. Wir lassen sie mit Akupunktur und Aromatherapie verwöhnen, setzen ihnen Biofutter vor und suchen im Internet nach Anleitungen für Katzenmassagen. Wir lieben aber auch Schweine, Rinder und Hühnchen, wir haben sie zum Fressen gern: Laut Statistischem Bundesamt sind im Jahr 2013 in Deutschland 58,6 Millionen Schweine, 3,5 Millionen Rinder und 613 Millionen Hühner geschlachtet worden. Was aber unterscheidet diese Tiere von den 22 Millionen Hunden, Katzen, Meerschweinchen, Hamstern und Wellensittichen, die in deutschen Haushalten leben? Warum hätscheln wir kläffende und miauende Vierbeiner, während wir ihre grunzenden oder muhenden Verwandten tot, zerlegt und eingeschweißt bevorzugen?

„Haustiere werden von uns individualisiert, als Subjekt wahrgenommen – und ein Familienmitglied oder einen Freund isst man eben nicht“, sagt die Soziologin Julia Gutjahr, die sich an der Universität Hamburg mit einer noch jungen Forschungsrichtung beschäftigt: den Human-Animal-Studies. Diese interdisziplinäre Wissenschaft untersucht das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren beispielsweise in soziologischer, psychologischer und kulturwissenschaftlicher Hinsicht. Und kommt dabei zu dem Schluss: „Private Gewalt an Tieren wird ganz selbstverständlich skandalisiert und rechtlich sanktioniert“, so Julia Gutjahr, „institutionelle Gewalt kann hingegen größtenteils unhinterfragt vollzogen werden“.

Das bedeutet: Wer absichtlich die Nachbars­katze tritt, muss sich auf eine Anzeige wegen Tierquälerei und Sachbeschädigung gefasst machen – und zieht womöglich die Wut der gesamten Anwohnerschaft auf sich. Wer in Schlachthöfen täglich tausende Hühner töten lässt, verhält sich gesetzestreu und wird, abgesehen von ein paar militanten Vegetariern, niemanden gegen sich aufbringen.

Wie können die sowas tun?

Ein weiteres illustres Beispiel für diese These stammt aus der Schweiz: Dort waren Berichte über Landwirte aufgetaucht, die keinen Hehl daraus machten, dass sie gern Hundefleisch verzehrten. Das Thema wurde medial ausgeschlachtet, die Stimmung kochte hoch. Reflexartig verurteilen auch wir diese Hundefresser: Wie können sie so etwas tun? Der Hund ist der beste Freund des Menschen! Das mag stimmen – doch wer sagt, dass ein Schwein nicht ein ebenso guter Freund sein würde, wenn wir es ließen?

„Schweine sind hochintelligente und soziale Tiere“, sagt die Tierpsychologin Doris Gräwe, die sich selbst lieber als „Verhaltensberaterin für Menschen mit Tieren“ bezeichnet, denn: „Tierpsychologin – das hat so einen Touch“. Bei ihrer Arbeit sieht sie täglich traumatisierte und gestresste Tiere und ist der Ansicht: „Vom Empfinden her trennt uns nichts von ihnen“. Auch Hunde und Katzen könnten trauern, sogar Anzeichen von Depressionen zeigen, Gleiches gelte für die sogenannten Nutztiere, die in der Massentierhaltung „seelisch verkümmern“ würden. Trotzdem dürfen und wollen wir nur die einen essen und die anderen nicht.

Von der juristischen Normierung einmal abgesehen: Wer hat eigentlich entschieden, dass es moralisch vertretbar ist, ein Kalbsfilet zu braten, und pervers, einen Papageienflügel zu grillen? „Es gibt verschiedene Erklärungsmodelle für Nahrungstabus“, sagt Julia Gutjahr. „Ein Ansatz ist, dass Tiere, die dem Menschen besonders ähnlich oder besonders unähnlich sind, nicht gegessen werden“. Das würde zwar erklären, wieso wir keine Affen und keine Schmetterlinge verspeisen. Aber wo ordnen wir da die Hunde und Schweine ein, die aufgrund ihrer ähnlichen kognitiven Fähigkeiten eigentlich derselben Kategorie angehören müssten?

Kommentare
23.02.2014
18:56
Zum Glück schauen immer mehr Menschen hin
von CrueltyFree2 | #37

und erkennen, wie falsch es ist Tiere zu essen, egal was für welche. Nicht nur wegen der Tierquälerei, auch wegen der Natur und der Gesundheit....
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Warum wir keine Hunde essen - Schizophrenie der Gewohnheit
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2014-02-18 14:53
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