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Die Gebrüder Grimm lebten nicht in der Märchenwelt

19.02.2010 | 16:24 Uhr
Die Gebrüder Grimm lebten nicht in der Märchenwelt

Essen. Jacob und Wilhelm Grimm waren keine Märchenonkel, sie waren große Denker ihrer Zeit. Steffen Martus zeichnet das in seiner Biografie eindrucksvoll nach und vermittelt ein faszinierendes Stück deutscher Geschichte und Literatur.

Jacob und Wilhelm Grimm waren keine Märchenonkel, sondern zwei arbeitswütige Gelehrte, Steffen Martus zeichnet das in seiner Biografie eindrucksvoll nach. Und lässt sich doch verführen, ihre Existenz schwärmerisch zu überhöhen – die Präsenz ihres berühmtesten Werkes, der Kinder- und Hausmärchen, legt es wohl nahe, ebenso wie das absonderliche lebenslange, sentimentale wie pragmatische Zusammenleben der beiden Männer. Einmal vergleicht Martus die beiden mit glücklichen Zwergen, denen Wilhelms Ehefrau Dortchen als eine Art Schneewittchen den Haushalt führte. Da muss der Leser dann doch lächeln.

Sie waren große Denker ihrer Zeit. Dass sie fast mystisch an einen gemeinsamen Ursprung aller Literatur glaubten und das Ursprüngliche als das Vollkommene betrachteten, war der Romantik geschuldet. Aufwändig suchten sie nach den Resten der alten Poesie, von der sie übrigens glaubten, sie habe nur historischen Wert und könne in ihrer Schönheit nicht mehr erlebt werden; schwärmerisch ist das gerade nicht. Sie systematisierten, natürlich ohne jede Empirie, und stritten mit anderen Mythensammlern; vor allem Jacob, der ältere, war ein großer Theoretiker.

Jacob und Wilhelm Grimm waren Juristen und autodidaktische, aber beseelte Germanisten. Sie waren beinahe arm, erhielten erst spät Posten als Bibliothekare; politisch dachten sie ebenso wie in ihrer literarischen Forschung: dass die Rechte des Volkes gestärkt werden müssten. Als Hochschullehrer gehörten sie zu den Göttinger Sieben, die ihren Protest gegen die Aufhebung der Verfassung mit der Entlassung bezahlten.

All das liest man gern. Die thematische Ordnung erlaubt es dem Leser, Schwerpunkte zu setzen und z.B. erst alles über die Märchen zu lesen – dass sie keineswegs dem Volk von den Lippen notiert waren, sondern etwa von den belesenen weiblichen Bekannten der Grimms beigesteuert wurden. Und dass Wilhelm sie sprachlich glättete, um einen einheitlichen Ton zu kreieren.

Martus vermittelt ein faszinierendes Stück deutscher Geschichte und Literatur; seine Überhöhungen verzeiht man gern. Jacob sei der Zupackende gewesen, Wilhelm der Bedächtige, sagt er und zitiert Wilhelms Sohn. Sein Vater sei langsam spazieren gegangen, Jacob rasch: „Zusammen sind sie nie gegangen.“ Tatsächlich war Wilhelm herzkrank, Jacob hielt Spaziergänge für Zeitverschwendung.

Steffen Martus: Die Brüder Grimm. Eine Biografie. Rowohlt, 607 S., 26,90 Euro

Gudrun Norbisrath

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