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Die Familie als großes Happening

10.08.2012 | 18:52 Uhr
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Die Familie als großes Happening
März 1969: In ihren Flitterwochen machten Beatles-Sänger John Lennon und seine Frau und „Hohepriesterin des Happenings“ Yoko Ono eine Performance im Pyjama. Mit ihrem Projekt „Bed-In“ wollten sie zur Zeit des Vietnam-Krieges ein Zeichen für den Frieden setzen. Sie gaben den Journalisten im Amsterdamer Hilton eine Woche lang Interviews vom Bett aus. Foto: Getty

Essen.   So schön schräg der Titel klingt, so skurril ist auch die Geschichte von Kevin Wilson: „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“. Ein kluger und komischer Roman über Kunst und einen Abnabelungsprozess der besonderen Art.

Selbst Erwachsene machen ja gerne mal ihre Eltern verantwortlich für einen schlechten Charakterzug – oder gleich für das ganze verkorkste Leben. Die Projektionsfläche, die Caleb und Camille Fang ihrem Nachwuchs liefern, übersteigt jedoch bei weitem das Frustrations-Potenzial, das andere Mütter und Väter bieten. Sie sind Aktionskünstler und organisieren zusammen mit ihrem Kind A und ihrem Kind B in den 80er-Jahren Happenings. Sie zwingen Annie, ihren Bruder Buster vor Publikum zu küssen. Sie überreden Buster, sich als Mädchen zu verkleiden, um auf dem Laufsteg den Titel „Miss Rosenklee“ zu holen. „Wir bringen die Welt zum Schwingen“, erklärt ihnen der Vater. „Wir erschaffen Chaos“, spornt er sie an. „Wir machen Kunst.“

Für die Nachwelt, die nächste Ausstellung oder ein neues Stipendium zeichnet Caleb Fang jede Performance mit einer Videokamera auf. Künstler wie Joseph Beuys, Nam June Paik oder Yoko Ono hätten ihre Freude an dieser Familie gehabt.

Kinder als Requisiten

Doch Annie und Buster können auch später als Schauspielerin und Schriftsteller ihren Eltern nicht verzeihen, dass deren gedankliche Freiheit ihrem eigenen Leben Grenzen gesetzt hat. Niemals werden sie mit ihrem Anspruch des ernst zu nehmenden Künstlers an den Erfolg anknüpfen, den sie als die Requisiten ihrer Eltern hatten, als Kind A und Kind B.

„Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“ – da klingt der Titel der deutschen Übersetzung mal verlockender als der schlichte amerikanische Originaltitel: „Family Fang“. Kevin Wilson hat eine herrlich skurrile Geschichte geschrieben über das Verständnis von Kunst und einem Abnabelungsprozess der besonderen Art. Klug und zugleich komisch serviert er eine Reihe soziologischer Experimente, die teils sehr böse mit den Erwartungen der Menschen spielen. Zugleich überrascht er den Leser mit ungewöhnlichen Wendungen. So verschwinden Caleb und Camille Fang eines Tages spurlos. Die Polizei vermutet Mord. Und die erwachsenen Kinder fragen sich: Ist das wieder nur ein Happening? Annie ist sich sicher: „All das haben sie uns angetan im Namen der Kunst.“

  • Kevin Wilson: Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung. Luchterhand, 380 Seiten, 14,99 Euro

Maren Schürmann

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