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Sachbuch

Der Zug marschiert im Gleichschritt

12.02.2010 | 19:30 Uhr
Der Zug marschiert im Gleichschritt

Man kann es eine Zeit der vorauseilenden Büttenreden nennen, und Rosenmontagszüge rollen für den Führer. Karneval in den 1930er-Jahren

Karneval in Nazi-Land verkniff sich nicht nur Kritik, das tat das ganze Land, nein, es ist noch viel deprimierender: „Man orientierte sich an den Machthabern und überzog . . . die schon entrechteten deutschen Juden mit Spott und Häme.“

Zu dem Fazit kommen die rheinischen Historiker Carl Dietmar und Marcus Leifeld in ihrem Buch „Alaaf und Heil Hitler“. Vor allem am Beispiel Köln, aber auch für Mainz, München und Freiburg untersuchen die beiden den Karneval im Dritten Reich: Vereine und Komitees wurden zügig von NS-Funktionären durchdrungen, passten sich aber auch selbst äußerst geschmeidig an.

Sitzungen beginnen mit Hitler-Gruß und Horst-Wessel-Lied, man singt antisemitische Karnevalsschlager, drängt Juden sehr früh aus den Vereinen und verspottet sie mit Karnevalswagen: „De Jüdde wandern uss“. Ein Motivwagen aus Nürnberg 1938 ist geradezu widerlich, da fahren sie im Rosenmontagszug eine „Todesmühle“ durch die Innenstadt, und an einem Flügel baumelt eine Puppe mit der Aufschrift „Jud“. Aber natürlich hat später niemand was gewusst . . .

Vereinzelt gibt es Ausnahmen, wie den Mainzer Seppel Glückert: „Zu reden hier heut braucht man Mut / weil, eh mer sich vergucke tut / als Opfer seiner närr’schen Kunst / kann einquartiert wer’n ganz umsunst“. Das war 1933, die Diktatur noch nicht gefestigt; in den Jahren später ging nur ein einziger Karnevalist so weit, dass die Nazis ihm Redeverbot erteilten. Karl Küpper aus Köln, der die Hand hob zum Hitlergruß und dazu sagte: „Su huh litt bei uns d’r Dreck em Keller!“

Ein einziger. Nach dem Krieg dann unternahm die „NS-Humorabteilung“ (taz) die auch sonst verbreitete Weißwaschung ihrer selbst, vernichtete Dokumente und Aufnahmen, bereinigte Manuskripte. 1949 meldet sich der Kölner Karneval zurück mit dem Motto „Mer sin widder do“. Als habe es den Nazi-Karneval nie gegeben.

Hubert Wolf

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