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Karneval

Der Trainer der Büttenredner

12.02.2010 | 18:04 Uhr
Der Trainer der Büttenredner

Karl Oertl macht Menschen fit für die Jeckenbühne. Die erste Lektion ist der sichere Stand am Mikro

Karl Oertl schrieb seine erste Büttenrede vor über 40 Jahren. Seither hat er auf dem Traumschiff moderiert und auf anderen Booten gezaubert; mehr als zwei Jahrzehnte lang führte er durch die Fernsehsendung „Hessen lacht zur Fassenacht“. Dabei hat der mit dem „Lachenden Frankforter“  preisgekrönte einst Schmied gelernt und als Spezialschweißer gearbeitet – unter anderem bei Thyssen in Duisburg. Heute leitet der „Hesse mit Herz“ die „Vortragendenschule“ des „Großen Rates der Karnevalvereine Frankfurt am Main“. Annika Fischer sprach mit dem 71-Jährigen über Karneval als Beruf(ung) und die Kunst der komischen Rede.

Herr Oertl, kann man Karneval lernen?

Karl Oertl: Ich bin mir nicht sicher, ob man ihn wirklich im Blut haben muss. Ich komme ursprünglich aus der Karlsbader Gegend, später habe ich die Mainzer Hofsänger sehr geliebt. Das Ganze hat sich bei mir so entwickelt, wie ich es selbst nie für möglich gehalten hätte.

Wie kommt man aus dem Böhmerwald in die Bütt?

Ich bin schon als Kind nach Hessen gekommen, bin hier bekannt für meinen hessischen Dialekt. Ich muss 30 gewesen sein, als man mich ansprach: „Du kannst doch gut reden, willste nicht?“ Der Präsident des Karnevalsvereins hat mich damals noch selbst angelernt.

Heute gibt es dafür Ihre Schule. Wer sind Ihre Schüler?

Leute von sieben bis 70, die in der Bütt bestehen wollen. Jeder, der lesen kann, Redner, Präsidenten, Prinzen, alle, die vor anderen reden wollen oder müssen.

Wie „müssen“ klingt es oft von der Jeckenbühne, gerade bei den Tollitäten.

Oh ja, manche Prinzen sind so langweilig wie nur was! Dabei könnte man sie so gut schulen! Aber wissen Sie, gerade unter den Karnevalisten gibt es die größten Profilneurotiker der Welt. Da möchte ich manchem gern zurufen: Komm her, ich lern dir das!

Wie?

Erstmal müssen sie üben, vorm Mikro zu stehen. Lampenfieber ist gut, aber Sicherheit bekommt nur, wer seinen Text kann. Nicht unbedingt auswendig, jeder darf seinen Vortrag mitnehmen wie ein Bergsteiger das Seil. Aber wer immer nur abliest, kommt nicht in Kontakt zu den Menschen, die fangen an zu reden. Man darf kein Langweiler sein, man braucht Feuer dahinter! Und herumzuschlenkern mit Armen, Beinen und dem Kopf, das zeigt nur die Nervosität.

Wo soll man denn hin mit den unruhigen Gliedern?

Körpersprache ist wichtig! Ich muss das Publikum ansehen. Wenn ich vom Himmel rede, blicke ich nach oben, wenn’s nach unten geht, senke ich die Stimme. Ich arbeite mit den Schülern, zeichne ihnen die Betonungen ein.

Das nutzt nur alles nichts, wenn der Text schlecht ist.

Dann muss ich jemanden holen, der das besser kann. Ich habe schon Sachen gelesen... Aber dann war vielleicht die Idee gar nicht schlecht. Das muss man dann pulverisieren, neu machen, bis ich sagen kann: Hoppla, das lebt, das Ganze.

Was tut Ihnen so richtig weh?

Falsches Versmaß. Oder dieses „Reim dich, oder ich fress dich.“ Oft sind die Reden auch am Thema vorbei. Wenn ich einen Schaffner gebe oder einen Schornsteinfeger, dann muss ich auch ein Schaffner oder Schornsteinfeger sein.

Gehen Karnevalisten humorvoller durchs Leben?

Auf jeden Fall. Und ich freue mich zusätzlich über jeden, den ich zum Lachen bringen kann. Wenn ich jemandem aus einer dunklen Situation herausholen kann in eine kurzfristige Fröhlichkeit – das ist doch ein Verdienst?

Apropos, kann man vom Büttenreden leben?

Für mich war Karneval immer nur ein Hobby. Aber gute Büttenredner sausen am Samstag zu vier, fünf Veranstaltungen, die stecken natürlich auch Geld ein. Aber davon leben...

Applaus ist das Brot des Künstlers?

Mancher hat schon aufgegeben, weil er kaum welchen bekam. Der sagt dann: Da geh ich nicht mehr hin. Was uns fehlt, sind gute Büttenredner. Deshalb schulen wir, 14-mal zwei Stunden im Sommer, dass unsere Leute auf der Weihnachtsfeier schon etwas aufführen können. Den Beifall müssen sie sich dann selber holen. Aber: Applaus macht süchtig.

Oertls Zeilen

Ein Landsmann von Herrn TrapatoniDem hat man ganz schön zugesetzt Europas Polit-Clown „Berlusconi“Hat sich am Mailänder Dom verletztNicht dass er sich die Nas´gestosse´Als er beim Beten sich gebückt Nein – ein Landsmann hat im Zorn – im GrosseIhm den Miniatur Dom auf die Nas´gedrückt.

Annika Fischer

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