Der Herr der Kugeln
24.12.2009 | 13:41 Uhr 2009-12-24T13:41:00+0100
Essen. Johann Wanner zählt zu den weltgrößten Schmuckhändlern. Baumschmuck: Der Schweizer kleidet Tannen ein. Selbst nach 364 Tagen Weihnachten kann er den Heiligabend noch genießen.
Er nennt sich einen Couturier. Er zieht Bäume an. Wie der Modeschöpfer die Frauen. Schließlich schmücken Johann Wanners mundgeblasenen Kugeln die Tannen berühmter Menschen. Bei wem sie genau hängen, bleibt Johann Wanners Geheimnis. Man darf seine Kundschaft ja nicht verprellen. Aber dass sein Team einst den 25 Meter hohen Weihnachtsbaum auf dem Petersplatz in Rom geschmückt hat, erzählt der ehemalige Antiquitätenhändler gern. Auch die Tanne im Weißen Haus trug schon seinen Schmuck. Trotz dieses internationalen Erfolgs mit seinem Handel in Basel hat der 70-Jährige eines nicht verlernt: Weihnachten mit Kinderaugen zu sehen.
Was trägt denn der Baum in diesem Jahr?
Johann Wanner: Das kommt wirklich auf die Person an. Natürlich gibt es viele Trends. Das ist wie in der Mode, da gibt's Verkaufsschlager und Flops. Man kann sagen, der persönliche Baum ist immer noch der schönste. Der Baum, der zur Person passt. Die beiden müssen miteinander sprechen. Sie müssen sich kennen lernen.
Und wie machen sie das?
Johann Wanner: Man kann mit einem Trend anfangen und den dann das ganze Leben weiterführen. Der kann dann Generationen überdauern. Die Schuhschachteln, der Fundus voller Weihnachtsschmuck, da sind die Emotionen drin. Man packt sie aus, und dann fängt der Schmuck an zu erzählen, die Geschichten aus verschiedenen Lebensabschnitten.
In Schuhschachteln? Sie verwahren Ihren Weihnachtsschmuck auch in Schuhschachteln?
Johann Wanner: Ja, und in Weihnachtskartons. Wenn man den Schmuck auspackt, fällt einem wieder ein, wann man ihn gekauft oder geschenkt bekommen hat. Oder wann man ihn selbst gebastelt hat. Und dann ist Weihnachten auch eine Zeit, in der man zurückblickt, vielleicht ein Fazit zieht.
Zeit! Zeit ist das Wichtigste. Sich selbst Zeit nehmen, das ist das größte Geschenk, das man sich selber machen kann.
Aber zurück zu Ihrer Frage – Trends: Die Farben Rot, Grün, Blau, Silber, Gold sind immer aktuell. Je nach Land ist das unterschiedlich. In England sind es Rot und Grün, in Frankreich eher Silber, in Deutschland Gold und Silber, viel Silber. Und dann kommen dazu die Trends, die sich jedes Jahr ändern, die sich an die Damenmode anlehnen. Die Frauen können sich ja nicht dagegen wehren, die Bäume aber schon (lacht).
Ja, können sie das?
Johann Wanner: Es kommt ja gar nicht auf den Trend an. Man soll die Bäume ehren, das ist der Grundgedanke des Schmückens, sich bei der Natur bedanken, dass die Bäume grün sind und die Nadeln auch im Winter bleiben. Aber gut, der Trend dieses Jahres ist wieder viel, viel Silber und Lila. Silber passt gut zum Silberbesteck, zum weiß gedeckten Tisch.
Auch die 60er-Jahre lassen grüßen, Kugeln, die mit Punkten versehen sind. Dann gibt es noch ein Thema: die neue Bescheidenheit. Das ist zeitgemäß. Mit Strohsternen, Äpfeln, halben künstlichen Äpfeln. Man halbiert die Sache und genießt sie dann doppelt. Und durchsichtige Glaskugeln. Aber am besten schaut man, was man hat, nimmt, was man braucht. Und was man nicht braucht, lässt man einfach weg. So kann man aus der Not eine Tugend machen. Und Dinge zeigen, die man schon mal genossen hat.
Wie lange brauchen Sie, um einen Baum zu schmücken?
Johann Wanner: Eine Ewigkeit und eine halbe Stunde (lacht). Ich brauche einen Nachmittag für einen Einmeterzwanzig-Baum. Es gibt natürlich Leute, die einfach ein Kilo Lametta drauf schmeißen und dann hat es sich. Das ist dann der Schmeiß-Baum, aber so etwas schätzt den Baum nicht, das ist so lieblos geschmückt.
Also gibt es doch ein paar Benimmregeln beim Baumschmücken?
Johann Wanner: Na, ich bin schon sehr tolerant. Es gibt keine Verbote, solange man dem Gegenstand Ehre erweist. Man sollte nicht Dinge tun, die man selbst nicht so gerne hätte. Also den Baum auf den Kopf hängen oder ihn farbig ansprühen. Aber sonst? Jeder hat so seine Vorlieben. Für jeden ist der traditionelle Baum der, den er aus der Kindheit kennt. Ich lebe immer noch von meinen Kindheitserinnerungen. Dieses Jahr gibt es viele Engel, aber auch Krokodile und Schimpansen, die kommen bei den Kindern gut an. Mädchen haben gerne Pferdeköpfe, Jungen mögen Gorillas, die brüllen.
Und was ist Ihr Lieblingsstück?
Johann Wanner: Wirkliche Lieblinge? Es gibt eine Menge von Dingen, die ich gerne mag. Die Kugel ist das Symbol der Vollkommenheit, so vollkommen wie die Erdkugel, der Mond. Ich habe sehr gerne eine spiegelnde Kugel, die schwarz ist. Die nur die hellen Punkte zeigt. Der Baum und auch ich, der da ja reinguckt, wirken verschwommen, diffus. Das ist eine sehr schöne mystische Kugel.
Und die hängen Sie an Ihrem eigenen Baum auf?
Johann Wanner: Ich mag das Wort „aufhängen” nicht, das ist brutal. Das hat nichts mit Schmücken zu tun. Man sollte es lieber dekorieren nennen – oder zelebrieren.
Und wie machen Sie das?
Johann Wanner: Ich nehme mir viel Zeit, hole die Schachteln, lege gute Musik auf, vor allem Bach und Händel, dann komme ich in Stimmung. Dazu eine Tasse Tee oder ein Glas Wein. Und dann genieße ich die Ruhe, die ich auch brauche, um die Hektik zu überstehen.
Ich kann am Heiligabend den Baum noch genießen, obwohl ich ja das ganze Jahr für Weihnachten arbeite. Wie ein Lehrer, der seine Klasse abgibt, stimmt es mich offen gesagt, etwas wehmütig.
Dann gehe ich mit meiner Frau durch die Stadt, die Lichter gehen an, die Menschen sind fröhlich. Dann freue ich mich, wenn wir dazu beigetragen haben. Später gehen wir noch zur Mitternachtsmesse, wo ich traditionell einschlafe.
0mitdiskutieren