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Wie Nerds mit ihren Visionen die ganze Welt verändern

18.03.2016 | 16:28 Uhr
Wie Nerds mit ihren Visionen die ganze Welt verändern
Der bekannteste und reichste Nerd: Microsoft-Gründer Bill Gates, hier im Jahre 1988.Foto: Getty

Essen.   Früher waren sie Außenseiter. Doch die Sonderlinge von einst verzaubern heute mit ihren Visionen die ganze Welt. Eine Reise von Bill Gates zu Mark Zuckerberg.

Man wüsste ja gerne, ob seine Mitschüler Bill Gates mal in den Klassenschrank gesperrt haben. Oder an den Kartenständer gehängt. Oder was man früher sonst so machte mit Jungs wie ihm, die man „Sonderlinge“ nannte, „Streber“ oder „Eierkopf“. Die nie ein Mädchen abbekamen und mit denen man nur sprach, damit man von ihnen die Mathe-Hausaufgaben abschreiben konnte. Was sie meist zuließen, weil sie in der Regel von eher schwächlicher Konstitution waren und eben nicht so gerne in den Schrank oder an den Kartenständer wollten. Heute nennt man Menschen wie Gates gerne „Nerds“.

Aus den Außenseitern von einst sind Menschen mit viel Geld geworden. Trotzdem sind sie immer noch behaftet mit Klischees, werden wahlweise für High-Tech-Schamanen, durchgeknallte Freaks oder arme Kerle gehalten. Alles nicht ganz verkehrt aber auch nicht völlig richtig. Das Phänomen des Nerds ist ein diffuses, eines, das sich schwer fassen lässt. Dennoch wird immer klarer. Nerds werden wahrscheinlich mal den Planeten retten.

Das Gegenteil vom Mädchenschwarm

Wie es so weit kommen konnte, ist nicht so einfach zu erklären. Schon die Herkunft des Wortes „Nerd“ ist bis heute nicht ganz klar. Erstmals dokumentiert ist der Begriff 1950 in dem Kinderbuch „If I Ran the Zoo“, steht damals allerdings in einem völlig anderen Kontext. Fest steht, dass er seit Mitte des 20. Jahrhunderts zuerst in den US-amerikanischen High-Schools die Runde machte, wo der Nerd eine Gegenfigur zum Jock ist, dem athletischen, aber oberflächlichen Kumpeltyp und Mädchenschwarm.

Ein echter Sonderling: Ein Foto aus der Highschool-Zeit von Bill Gates hat der nun lachende Mulitmillionär vor kurzem noch einmal nachgestellt.. Foto: HO

Angeblich, so eine weit verbreitete Theorie, stammt der Begriff vom Wort „drunk“ ab, also von „betrunken“. Ein Zustand, in dem sich viele Studenten – nicht nur in den USA – regelmäßig befinden und der die Studiendauer durchaus nicht unerheblich verlängern kann. Für strebsame junge Menschen, die lieber ins Physikbuch oder in Comics statt in den Sportteil der Zeitung gucken, völlig undenkbar. Deshalb, so behaupten manche, habe man das Wort „drunk“ für diese Zeitgenossen einfach rückwärts „knurd“ gelesen, was im Englischen dann wie Nerd klingt. Einer anderen Theorie zufolge ist „Nerd“ schlicht und ergreifend die Abkürzung für „non emotionally responding dude“ auf deutsch etwa „sozial verarmter Typ“.

Natürlich trägt er eine Brille, schwarz, aus Horn

Und wie so ein Typ daherkommt, das weiß man ja. Blass und von Pickeln übersät die an natürliches Tageslicht nicht gewohnte Haut, wirr das Haar, schwammig der Körper, der meist in zu kurzen Hosen und einem karierten Hemd steckt, das bis oben hin zugeknöpft ist. Und natürlich trägt er eine Brille, schwarz, aus Horn und im schlimmsten Fall mit Gläsern dick wie Flaschenböden. Einer, der es mit der Körperhygiene nicht immer so genau nimmt und der Feuerwehr eine E-Mail schickt, wenn es bei ihm zu Hause brennt: „Feuer! Feuer! Helfen Sie mir! Ich freue mich auf Ihre Antwort.“

So welche kann man beim Fußballspielen höchstens als Torpfosten nehmen. Wenn überhaupt. „Eine Schar unattraktiver, neurotischer Bürschchen, die aussehen, als könne man sie mit einem Löschblatt bewusstlos schlagen“, hat Peter Glaser sie im Stern mal beschrieben. 1996 war das und damals war es eine ganz gute Beschreibung. Heute sieht das anders aus. Dicke Hornbrillen sind plötzlich sexy, Pullover aus Großvaters Schrank gelten als cool.

Archimedes, der prominenteste Nerd des Altertums

Doch ein veränderter Modegeschmack allein reicht natürlich nicht aus, um zu erklären, warum der Nerd seit einiger Zeit als gesellschaftsfähig gilt. Zumal er eigentlich kein neues Phänomen ist. Schon im sechsten Jahrhundert vor Christi soll der griechische Mathematiker und Astronom Thales von Milet bei einem nächtlichen Spaziergang so in die Betrachtung der Sterne vertieft gewesen sein, dass er kopfüber in einen Brunnen stürzte, aber mit dem Leben davon kam.

Weniger Glück hatte gut 300 Jahre später Archimedes, der wahrscheinlich prominenteste Nerd des Altertums. Der geniale Waffenkonstrukteur und Mathematiker, so die Legende, war so sehr in seine Berechnungen vertieft, dass er einen vorbeikommenden römischen Soldaten anblaffte: „Störe meine Kreise nicht.“ Worauf der Kämpfer ihn bekanntlich kurzerhand erschlug. Gewiss, das sind tragische Einzelfälle, aber sie sind nicht untypisch für Inselbegabte und ihr Verhalten. Sozial dysfunktional, realitätsfremd, tollpatschig und jeder Art von Autorität gegenüber sehr renitent.

„Es hat in der Menschheitsgeschichte schon immer Nerds gegeben“, zitiert der Buchautor Jörg Zittlau den Medienwissenschaftler Mathias Mertens von der Universität Hildesheim in seinem Buch „Nerds, wo eine Brille ist, ist auch ein Weg“. Mathematiker und Naturwissenschaftler sind sie, später Techniker und Ingenieure, Vogelkundler, gerne auch Sammler aller Art. Heute auch Filmfreaks. Doch viele Jahrhunderte blieben sie in ihren Nischen, im besten Fall mitleidig belächelt.

Als die Modems zu piepen begannen

Erst als Ende der 1980er-Jahre weltweit die ersten Modems zu piepen beginnen, Briefe zu E-Mails werden und die Menschen nicht im Brockhaus sondern bei Wikipedia nachschlagen, wenn sie etwas wissen möchten, schlägt die Stunde der Sonderlinge. Plötzlich bestätigt sich, was viele von ihnen längst geahnt haben. Sie sind nicht alleine, es gibt Millionen von ihnen. Und in der virtuellen Welt sind sie stets nur einen Mausklick entfernt. Schnell entstehen die ersten Netzwerke, entwickeln sich Gespräche, in denen Äußerlichkeiten nicht zählen und man nicht auf Gestik oder Mimik achtet, – zumindest nicht bis es Videotelefonprogramme wie „Skype“ gibt.

„Die Figur des Nerds wurde erst sichtbar durch den Computer“, bestätigt Mertens. Denn das digitale Neuland ist für die Sonderlinge im Grunde bekanntes Terrain. Es funktioniert, wie sie denken. Eine Welt aus Einsen und Nullen, in der man nicht auf Gestik oder andere Äußerlichkeiten achten muss und in der sich alles berechnen und analysieren lässt. Immer streng logisch, stets den gleichen Regeln folgend.

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Kommentare
22.03.2016
09:22
Wie Nerds mit ihren Visionen die ganze Welt verändern
von kasimirv | #3

Ob der Nanotechnologie-Unternehmer aus Olpe wohl den jungen Bill Gates eingestellt hätte?

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http://www.derwesten.de/panorama/wochenende/das-zeitalter-der-nerds-hat-laengst-fuer-uns-begonnen-id11664458.html
2016-03-18 16:28
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