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Trauer

Auch Kinder schweigen

Wenn der Platz neben Papa leer bleibt
Die Mutter starb an Evas Geburtstag. Ihr Bruder Lars war enttäuscht: weil es nicht sein Geburtstag war.Foto: Bernd Lauter

Man versteht allerdings auch besser, wenn man darüber reden kann – wie in der Trauergruppe für Kinder in Gelsenkirchen, wo man weinen kann oder es lassen, wo andere dasselbe empfinden und jeder spürt: Wir ticken alle ähnlich und also nicht falsch. Erwachsene reden ja manchmal gar nicht, weil sie nicht können oder das Kind nicht überfordern wollen. Aber auch Kinder schweigen. Leandra hat Jahre gebraucht, bis sie ihrer Freundin ihr Herz ausschütten konnte – und endlich die Tränen gleich mit. Ein Mädchen aus der Schule hat Emma einmal gefragt: „Hey, vermisst du die etwa noch?“ Emma würde gern erzählen, aber was soll sie sagen: „Hey, lass mal reden?“ Sie findet das doof. „Ich will kein Mitleid.“

Mechthild Schroeter-Rupieper hat ein „Hausbuch für Familien in Zeiten der Trauer“ geschrieben, es heißt „Für immer anders“. Das trifft es wohl. Die Kinder, die zu ihr kommen, werden alle ohne Papa oder ohne Mama groß, das macht früh lebenstüchtige Menschen aus ihnen, nachdenkliche und solche, die alle dasselbe vermissen: ein Leben als Familie. Leandra fehlt das gemeinsame Abendessen. Eva, wie sie abends zu viert in Lars’ Hängematte hockten, lasen und spielten. Emma, wie Mama es gemütlich machte zu Hause, wie sie alle zusammen etwas unternahmen, „aber das wäre auch langweilig zu zweit“.

Rituale der Trennung

Allesamt Rituale, die auch Scheidungskinder nicht mehr haben. Für deren Vater oder Mutter, wenn sie ausziehen, es keine Abschiedsfeier gibt, keine Kerze und keinen freien Schultag. „Trotzdem wäre mir lieber“, sagt Eva, „meine Eltern wären geschieden, dann könnte ich die Mama noch sehen. Ich glaube, Trennung macht auch traurig, nur anders.“ Aber: Auch Trennungskinder trauern.

Wobei auch Evas Mutter, die von Emma und der Papa von Leandra nicht wirklich fort sind. Sie sind noch Teil ihres Lebens, nicht nur in der Erinnerung. Für Lars ist Mama in einer „gleichen Welt, nur aus Wolken. Und ohne Waffen“, die mochte Mama nicht. Neulich hat der Zehnjährige im Schlaf mit ihr geredet. „Ich hab’ das jetzt schon viermal geträumt.“ Eva auch: Bei ihr saß die Mutter auf Nachbars Sofa und hat geschimpft, dass ihre Tochter so spät noch auf war. Die denkt, die Mama sei „in einer zweiten Welt“, wo auch der Opa ist und die Kusine. Leandra glaubt, dass die Seelen in den Himmel kommen, „also jedenfalls würde ich mir das wünschen . . . Es ist wohl eher Wünschen als Glauben.“ Wobei ihr Eva helfen kann: „Manchmal denke ich, Wünsche gehen nach dem Tod in Erfüllung.“

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