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Vergiftung

Anruf beim Giftnotruf – Es kommt auf die Menge an

19.02.2016 | 18:06 Uhr
Anruf beim Giftnotruf – Es kommt auf die Menge an
Für Kinder können solche Putzflaschen, die in Küche und Bad rumstehen, interessant – und gefährlich sein.Foto: dpa

Bonn.   Ein Besuch beim Giftnotruf, den Ärzte genauso nutzen wie besorgte Eltern von kleinen Kindern. Die Sorgen der Menschen. Und wann sie unbegründet sind.

„Alles“ habe sie genommen, sagt die ­Patientin und wiederholt auch auf Nachfragen ihres Arztes immer nur dieses eine Wort: „Alles.“

Die Frau hat Tabletten geschluckt, ­möglicherweise in „suizidaler Absicht“, vermutet der Arzt, doch wie viele davon sie nun im Körper hat? Er weiß es nicht. Dabei entscheidet die Menge darüber, was in den nächsten Stunden mit der Frau geschehen wird und wie sie behandelt werden muss.

„Die Dosis macht das Gift“. Jeder kennt dieses geflügelte Wort, das sich im Laufe der Jahrhunderte aus einem Zitat Paracelsus’, des berühmten Schweizer Arztes und Alchemisten, entwickelt hat. Hier, in den zwei kleinen Büros, etwas versteckt ge­legen im Untergeschoss des Zentrums für Kinderheilkunde am Universitätsklinikum Bonn, bestimmt es den Arbeitsalltag. Dass die Räume nicht gerade leicht zu finden sind, schadet dabei nicht. Denn wer hier Rat sucht, bekommt ihn hauptsächlich per Telefon. Wie jetzt der Klinikarzt, der sich um die Patientin mit der mutmaßlichen Überdosis Tabletten kümmert.

Das geballte Wissen

Knapp ein Drittel der Anrufe, die in der Giftinformationszentrale (GIZ) Bonn ­eingehen, kommen aus Kliniken oder ­Arztpraxen. „Hier bei uns liegt das geballte Wissen“, sagt Dr. Carola Seidel, Oberärztin und stellvertretende Leiterin der GIZ. „Niemand kann das alles im Kopf haben.“

Das „geballte Wissen“ besteht konkret in 1300 Einträgen der hauseigenen Datenbank, 300 000 Einträgen der Produktdatenbank und zwei Millionen Einträgen einer amerikanischen Datenbank. Und in fast 50 Jahren Erfahrung: In den 1960er- Jahren wurden die ersten Giftinformationszentralen eingerichtet, darunter auch die in Bonn. Zehn dieser Zentralen gibt es mittlerweile im deutschsprachigen Raum, acht davon in Deutschland.

Als Anlaufstellen für jedermann sind sie zuverlässige Seismographen für plötzliche Erschütterungen: Vor einigen Jahren etwa häuften sich plötzlich Anfragen wegen Atemproblemen. Ein Discounter hatte ein neues Versiegelungsspray für Badezimmeroberflächen ins Sortiment aufgenommen. Schon 24 Stunden nach dem Verkaufsstart wusste man in der GIZ um die gesundheitsgefährdende Wirkung dieses Sprays, wenige Tage später war es wieder weg vom Markt. Nur eines von zahlreichen Beispielen. Immer wieder, sagt Carola Seidel, gebe es neue Haushaltsmittel, neue Medikamente, neue Produkte – und oft gehörten die Mitarbeiter der GIZ zu den ersten, die merken, wenn damit etwas nicht stimmt. Bei den meisten Anrufen ist die Sorge allerdings größer als die tatsächliche Gefahr. Von den 40 982 erfassten Anfragen im Jahr 2014 gab es bei 90 Prozent zum Zeitpunkt des Telefonats keine oder allenfalls leichte Vergiftungssymptome.

Die Patientin ist benommen

Im aktuellen Fall sieht die Sache etwas anders aus: Die Patientin ist benommen, zwischenzeitlich kaum ansprechbar. Dr. Juliane Bergenthal, Mitarbeiterin der GIZ, lässt sich vom behandelnden Arzt ­alle Informationen durchgeben, die ihr eine genauere Einschätzung der Situation ermöglichen. Und die ihr Auskunft da­rüber geben, wie viel dieses „Alles“ im schlimmsten Fall gewesen sein könnte. Schnell tippt sie den Namen des Präparates in die Eingabemaske der Datenbank.

Suizidversuche stehen in der Anruf­statistik der GIZ mit etwa 15 Prozent an zweiter Stelle, wenn man die Gesamtheit der Patienten betrachtet. In den meisten Fällen jedoch ist die Vergiftung ein Unfall gewesen. Und in vielen Fällen ist die ­befürchtete Vergiftung gar keine.

Nicht zuletzt zeichnen die Statistiken der Giftinformationszentralen also auch ein Bild der Befindlichkeiten in der Gesellschaft. Denn dass sich die Anrufzahlen bei der GIZ Bonn seit 1997 verdoppelt haben, ist nicht nur ihrer wachsenden Bekanntheit zuzuschreiben. „Die Menschen sind auch ängstlicher geworden“, sagt Carola Seidel. Gerade wenn es um Kinder geht.

Sonnenmilch ist harmlos – in kleinen Mengen

„Gehen Sie gedanklich durch Ihre ­Wohnung – durchs Bad, die Küche – was dort herumsteht oder liegt, kann für ein Kind interessant sein“, sagt Seidel. Und so liest sich die Aufzählung der „ungefähr­lichen Haushaltsmittel“ auf der Internetseite der GIZ auch wie eine kleine Inventurliste: Sonnenmilch steht darauf, ebenso Kreide, Lippenstift, Seife oder Tapetenkleister. „Die Unbedenklichkeit bezieht sich natürlich immer auf die Menge, die ein Kind probieren würde“, erklärt Carola Seidel. Also keine ganze Packung Kleister und keine ganze Flasche Sonnenmilch.

Als Carola Seidel einer Bekannten, die in den 1970er-Jahren Mutter geworden war, von ihrer Arbeit erzählte, und das ­anhand des Beispiels „Kind trinkt Spülmittel“, schüttelte die nur den Kopf: „Na das macht doch nichts – da schäumt es eben ein bisschen.“

Mit dieser Anekdote möchte Carola ­Seidel nicht werten, oder gar verurteilen: Sie hat vollstes Verständnis für die Sorgen der Eltern. „Vergiftungen sind extrem angstbelastet“, sagt sie. Einige Ratsuchende seien panisch, in Tränen aufgelöst, ­voller Schuldgefühle. Deshalb versuchen die GIZ-Mitarbeiter vor allem, den An­rufenden die Angst zu nehmen. Oft können sie sofort Entwarnung geben, manchmal ist nach einer ersten Einschätzung aber noch intensivere Recherche erforderlich – „es ist ein Irrglaube, dass es bei ­Vergiftungen immer um Sekunden geht“, sagt Seidel. „Wir wissen, wann etwas wirklich akut gefährlich ist und wann wir uns etwas Zeit nehmen können.“

Auch der Arzt wird etwas warten müssen. Dass seine Patientin mehr als eine Packung des Arzneimittels zu Hause hatte, ist unwahrscheinlich. Daher wird Juliane Bergenthal sich nun die verfügbaren ­Packungsgrößen ansehen und errechnen, was die Frau maximal eingenommen hat. Dann wird sie dem Arzt mitteilen, ob ­„Alles“ in diesem Fall eine giftige Dosis ist.

Mehr Infos unter: www.gizbonn.de

Bei lebensbedrohlichen Symptomen (z.B. Bewusst­losigkeit, Krampfanfällen) rufen Sie bitte direkt den Notarzt (112).

Der Giftnotruf (24 Stunden am Tag): 0228/ 19 240

 

Gianna Schlosser

Kommentare
22.02.2016
08:45
Anruf beim Giftnotruf – Es kommt auf die Menge an
von NeoWutbuerger | #1

Mal wieder sehr interessant, daß Cannabis bei der Giftnotrufzentrale unter Drogen gar nicht erst aufgeführt ist. Wann wird diese Sch***-Justiz...
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Anruf beim Giftnotruf – Es kommt auf die Menge an
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2016-02-19 18:06
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