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Klassik

Als Bingo wegen Brahms flachfiel

17.08.2012 | 20:27 Uhr
Als Bingo wegen Brahms flachfiel
Die Bläser der Wiener Philharmoniker auf dem Pooldeck.

Auf See.   Ein Orchester sticht in See: Wo sonst Paul Kuhn oder Milva Kreuzfahrtpassagiere unterhalten, transportiert „Mein Schiff“ die Wiener Philharmoniker. Klassik vom Pooldeck bis zur Bar: Wie funktioniert das?

Ein Kreuzfahrtschiff ist ein Chamäleon. Die aktuelle Farbe ist klassisch. Aus der Lautsprecherbox in der schneeweißen TUI-Bar schallt Nabuccos Gefangenenchor. Das ist als akustisches Gleichnis für 1700 Musikfreunde an Bord vielleicht etwas harsch, aber eine Schicksalsgemeinschaft ist man natürlich schon. Kreuzfahrt mit 75 Wiener Philharmonikern, Protokoll einer Reise.

Klassik an Bord, das ist auf der „Mein Schiff“ natürlich nicht der Untergang, aber doch eine bemerkenswerte Ausnahme, vor allem fürs Personal. „Sonst läuft hier eher so Radiomusik“, sagt die vollschlank-fröhliche Servicekraft im schiffseigenen Steakhouse. Sie räumt das Pommernrind-Tartar ab und dann ein: „So ’ne ganze Woche mit Mozart oder Schubert, das ist jetzt nicht so meins“. Dagegen erinnert die junge Russin, die an den Casino-Tischchen im Reisepreis inkludierte Salznüsschen auffüllt, vergleichend an die letzte, an amüsierwilligen Passagieren nicht eben arme Musiktour: „Im Mai war hier Schlagerreise mit Helene Fischer.“

Auch Michael Holm („Mendocino“) fuhr mit im Mai. Das Durchschnittsalter lag trotz Holm (69) bei Anfang 40. Jetzt, im Hochsommer auf dem östlichen Mittelmeer, liegt es 20 Jahre höher. Es ist ruhiger, manche sind früh im Bett, bis zu 90-Jährige gönnen sich das Ereignis, mit einem der besten Orchester der Welt den Pool zu teilen, wie es das Reisebüro andeutungsweise verspricht – und hält.

Beethovens „Eroica“ in Flip-Flops

Das mit dem Pool ist nicht nur so gesagt. Nach der ersten Probe kennt man die Musiker. Die Oboe sieht man dauernd in der Sonne, die Flöte dagegen ist eher der Saunatyp. Manche tauchen erst zum Sundowner auf. Wie das (neben den Berlinern) berühmteste Orchester der Welt den Geigen- gegen den Schwitzkasten der Wellness tauscht, wie es in Flip-Flops Beethovens „Eroica“ probt, wie seine Blechbläser auf dem Pooldeck stehen und „Jesu bleibet meine Freude“ spielen, während sich zeitgleich eine hüftsteife Amerikanerin mit Strohhut dick eincremt, das macht diese Reise zu dem, was sie ist: einzig.

Da ist Musik drin. Außenansicht des Schiffes mit philharmonischem Inhalt. Foto: Tui

Kreuzfahrten gibt es mit Harald Schmidt und Paul Kuhn. Aber wer bucht das mit Orchester, außer die vielen Japaner an Bord? Immerhin: 30 Nationen. Auf dem steinigen Weg zum Amphitheater von Ephesus hakt sich beim Landgang eine Mexikanerin ein. Ihr Atem geht schwer. Sie m u s s alt sein, sie hat noch Kirsten Flagstad und Lauritz Melchior in der Walküre gehört. Sie hat Villen in Florenz und Rom, aber nach Wien extra ins Konzert, das sei nun doch zu anstrengend. Sie sieht den edlen Klangkörper als Reisebegleitung. Praktisch! Eine Woche lang führen alle Wege nach Wien, obwohl wir doch Valetta, Istanbul und Athen passieren. Die Musiker sehen das nicht anders. Die Wiener sind oft auf Tour, das Schöne an dieser: „Nur einmal Koffer auspacken.“ Nahbar sind die Musiker, freundlich, geduldig. „Für mich san’s wie im Dennis dör Federer“, quatscht ein Passagier einen Kontrabassisten an. Der nickt freundlich.

Es sind echte Verehrer an Bord. Solche, die jeden Philharmoniker kennen. Geschätzte drei Viertel sind Eingefleischte. Die sitzen (meist) hellwach bis zu zwei Mal drei Stunden täglich auch bei schönster ägäischer Sonne tief unten im Bauch des Schiffes, allein um die Proben der Wiener mit Maestro Herbert Blomstedt (85) zu erleben.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Der Versicherungsagent aus dem „Frankfurter Raum“ schwänzt die Proben. Er saugt mit Strohhalm die letzten roten Tropfen vom Cocktail des Tages auf, der heute „Schwermatrose“ heißt. „Ich bin jetzt nicht so der Klassikfan“, sagt er und stochert mit dem Halm, „aber die Wiener, das sollte man ja doch mal gemacht haben.“ Er hat sich auch sonst für sein klassisches Leben nicht mehr viel vorgenommen: „Jetzt noch mal das Neujahrskonzert, dann reicht’s mir auch.“

Für Menschen wie ihn gibt ein Traumschiff denn auch nicht alles auf, was man üblicherweise an ihm schätzt. Den Zumba-Workshop, die Handtaschenmodenschau, den Serviettenfaltkurs mit Maître David Ernst und die „Clinic“ („Gehen Sie optisch bis zu zehn Jahre verjüngt von Bord.“). Aber: Keine Musical-Shows! Und Bingo fällt wegen einer Konkurrenz namens Brahms aus. Auch Bordzauberer Peter Valance weiß, was er seinem Stand schuldig ist: Er bleibt die ganze Woche verschwunden.

Es fing an mit Zement

Wer stemmt so ein Projekt? Der Mann heißt Michael Springer und ist entwaffnend offensiv, was seine Profession betrifft. Die Springers hätten als Spedition begonnen, also immer schon „Dinge von A nach B“ transportiert. „Salzsäure, Zement, so was“, sagt Springer. Dann kam der Tourismus, Tagesfahrten nach Slowenien. Und heute ist er am Ziel. Er verschifft Klassik. Und nicht irgendeine.

Die Ausführenden leben das Unternehmen mit Humor. „1200, die mir beim Üben zuhören, das hab ich ja auch nicht jeden Tag“, sagt Rudolf Buchbinder als mitreisender Pianist. Und als ihn jemand fragt, ob es nicht ein Schock sei, Fans in Badehosen zu sehen, antwortet er: „Ich glaub’, der Schock wär’ größer, wenn die mich in Badehose erleben.“

2014, hört man, stechen die Philharmoniker wieder taktvoll in See. Bis dahin wird das Chamäleon mehrfach die Farbe wechseln. Am Vorabend der Abreise liegt Werbung auf dem Kabinenkopfkissen: Nächstes Jahr kreuze man die Nordsee. Es gibt Heavy-Metal.

Clemens Hellsberg, Erster Geiger und Vorstand der Wiener Philharmoniker im Gespräch

Lars von der Gönna


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