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Nostalgie

Ach, war das schön!

09.11.2012 | 18:33 Uhr
Ach, war das schön!
Die Kindheit – gerade in der Erinnerung ist sie oft besonders schön.Foto: Getty Images

Früher war alles besser? Zumindest in der Erinnerung wird die Vergangenheit oft zum Paradies. Wer mit Freude zurückschaut, ist nicht von Gestern, er hat mehr von der Gegenwart. Nostalgie gibt dem eigenen Weg einen Sinn.

Sie tragen Plateauschuhe mit ziegelsteindicken Sohlen und turmhohen Absätzen. Darüber Schlaghosen, die wie Zirkuszelte um die Waden wehen. Die glitzernden Knautschlackjacken sind fast hauteng, die Frisuren bestehen aus wilden Lockentürmen oder Spaghetti-Imitat, das bis zur Gitarre reicht. „Glam Bam“ heißt diese rockende Wiederauferstehung, die klingt wie eine Mischung aus „The Sweet“, „T.Rex“ und anderen Bands der frühen siebziger Jahre. Jener Zeit, als die Eissorten noch „Brauner Bär“ oder „Happen“ hießen und das Fernsehen drei Programme hatte, mit Sendeschluss und Testbild.

Aufnahmen mit dem Kassettenrekorder

Dabei war „Glam Bam“ anfangs nur als Scherz gedacht, für ein einmaliges Konzert am westlichen Rand des Ruhrgebiets. Die fünf Musiker hatten jahrzehntelang Erfahrungen in verschiedensten Pop- und Deutschrock-Bands gesammelt. Doch die Inbrunst, mit der ihr erster Auftritt als „Glam Bam“ gefeiert wurde, hatten sie noch nicht erlebt. „Zugabe“-Rufe ohne Ende aus einem Publikum, das in der Jugend Ilja Richters „Disco ‘72“ geguckt und bei Mal Sondocks „Diskothek in WDR“ die Pausentaste ihres Kassettenrekorders gedrückt hielt, um den neuen Hit von Suzie Quatro mitzuschneiden. Der Auftritt war kaum zu Ende, da bot man ihnen schon den nächsten an.

Einen hohen Nostalgie-Wert hat der VW-Käfer. Das weiß auch die Industrie und schuf den VW-Beetle, der seinen Vorgänger wiederbeleben sollte. Foto: dapd

Heute, einige Jahre später, ist „Glam Bam“ eine Kult-Band mit ungeahntem Aktionsradius. Kein Konzert unter drei Stunden. Es können auch schon mal vier werden. Zu gern witzelt Sänger Uwe Plien mit hochironischen Anekdoten und flapsigen Sprüchen über die Zeit, als er und die anderen im Saal noch Rundbürsten in der Parkatasche trugen. Aber was dem Erfolg der Band Flügel verleiht, ist jenes Gefühl, das Seelentrost und Geschäftsmodell zugleich ist, geliebt und verflucht wird und unsere Gegenwart zu prägen scheint wie sonst kaum etwas: Nostalgie.

Nostalgie galt als behandlungsbedürftig

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts noch galt Nostalgie als behandlungsbedürftig. 1688 wurde diese „Krankheit“ zum ersten Mal von dem Arzt Johannes Hofer diagnostiziert, und zwar bei Bauernbuben aus den Alpen, die sich als Schweizergarden in französischen und spanischen Armeen verdingt hatten. Die „Nostalgie“ (griech. nostos = Heimkehr, algos = Krankheit) wurde deshalb hinfort auch „Schweizerkrankheit“ genannt.

Heute schreibt man der Nostalgie eher heilende Kräfte zu. Längst gilt sie den Sozialpsychologen als eine Methode, mit der sich Menschen selbst aus einem seelischen Tief herausholen. In der Tat sind traurige, missmutige, einsame Menschen anfälliger für Nostalgie als solche, die gerade auf einer Glückssträhne durchs Leben schlittern. Aber: Wer sich der Nostalgie hingibt und im bittersüßen Charme der eigenen Vergangenheit kuschelt, hat hinterher bessere Laune und ist mit sich und der Welt schon wieder ein bisschen mehr im Reinen. Und wer schon gute Laune hatte, wird sie länger behalten. Nur den krankhaft Depressiven hilft die Nostalgie nicht, denn sie werden davon nur noch tiefer ins Tal der Tränen hinuntergezogen.

Was der Blick zurück bewirkt

Herausgefunden haben das die Sozialpsychologen Constantine Sedikides, Tim Wildschut und ihre Kollegen an der Universität im englischen Southampton. Dort widmet sich eine ganze Forschergruppe der Nostalgie mit Wonne in wissenschaftlichen Untersuchungen. Ihnen zufolge ist Nostalgie eine „soziale Emotion“ und in der Lage,

- Sinn zu stiften: an die eigene Vergangenheit zu denken und zugleich um den Weg zu wissen, den man bis in die Gegenwart zurückgelegt hat, lässt ein Leben stringent und logisch wirken. So erklärt man sich, dass Menschen mit nostalgischen Momenten messbar weniger dazu neigen, über den Sinn des Lebens nachzugrübeln.

In der guten alten Zeit, da spielte noch eine andere Lebens-(Musik). Foto: Monika Kirsch / WAZ FotoPool

- das Selbstwertgefühl zu heben: Die Menschen, die sich nostalgisch erinnern, spielen in diesen Erinnerungen stets die Hauptrolle; zugleich aber kommen darin immer auch andere Menschen vor, das innere Auge nimmt ein soziales Beziehungsnetz wahr, in dessen Mittelpunkt das Ich steht.

Ein Ich, das irgendwie identisch ist mit dem Ich, das sich da erinnert.

- gegen den Gedanken an den Tod zu schützen: Versuchspersonen, die gerade nostalgische Erinnerungen aufgeschrieben hatten, ergänzten Wortbruchstücke wie „....ot“ eher zu rot oder anderen Wörtern, selbst wenn sie sich zuvor mit dem Tod beschäftigt hatten. Versuchspersonen, die statt der nostalgischen Erinnerungen einen Aufsatz darüber geschrieben hatten, wie sie einmal geprüft wurden, ergänzten die Bruchstücke unweigerlich zu „tot“.

- Wohltätigkeit zu befördern: Menschen sind, nachdem sie nostalgischen Gedanken nachhingen, weitaus spendenfreudiger als andere.

Nostalgie beflügelte auch die Wiederkehr vertrauter Marken wie „Sinalco“-Limonade, „Tri-Top“-Sirup oder „Ahoj“-Brause – hier ist es ganz offensichtlich, dass neben all den allerjüngsten Kunden vor allem jene die Zielgruppe bilden, denen diese Dinge die Jugend versüßt haben. Gerüche und der mit ihnen verwandte Geschmack sind schließlich die langlebigsten Erinnerungs-Träger und lösen am schnellsten nostalgische Gefühle aus.

Mit solch einem Auto ist man noch richtig gereist, wenn man der Erinnerung glaubt. Foto: Kurt Michelis

Es ist aber nicht nur der böse Verkaufsdrang der Konsumgüter-Industrie, manchmal gibt es auch eine unzähmbare Sehnsucht nach den alten Marken. Das „Nogger“-Eis etwa wurde 2008 wieder eingeführt, weil eine Internet-Gruppe im sozialen Netzwerk „meinVZ“ aufopferungsvoll dafür gekämpft hatte. Mit Erfolg. Was wiederum nicht heißt, dass Nostalgie völlig unkritisch macht: Die Wiederbelebung des kaum minder legendären „Dolomiti“-Eises aus den frühen 80ern scheiterte nämlich. Sein Wiedergänger verschwand recht zügig wieder vom Markt, weil die Fans bemängelten, dass weder der Geschmack noch die knallige Farbe mit dem Original mithalten konnte, wie man es kannte. Wer weiß, vielleicht fehlten ja einige Zutaten, die inzwischen als gesundheitsgefährdend gelten.

Auch die Auto-Industrie hat den Charme des Nostalgischen längst ausgeschlachtet, angefangen vom VW-Beetle, der den Käfer wiederbeleben sollte, über den gar nicht mehr so mini daherkommenden Mini-Cooper bis zum Fiat 500 spielen die Designer auch hier mit Modellen von gestern, die stets mehr waren als ein bloßer Nutzgegenstand, sondern – Gefühle auslösten. Auffällig: was sich da verkauft, sind generalüberholte, überarbeitete Retro-Modelle, es ist das Image von gestern mit dem Komfort von heute. Überhaupt sucht der anhaltende Retro-Boom ja nicht wie frühere, immer wieder überschwappende Nostalgie-Wellen, die Originale, das Echte von einst, im Gegenteil: Antiquitätenläden haben mit Umsatzrückgängen zu kämpfen.

Erinnerungen werden neu geschrieben

Auch der unverminderte „Landlust“-Erfolg spielt ja mit den Schlüsselreizen einer bäuerlich-rustikalen Vergangenheit, die es so nie gegeben hat. Wie ja ohnehin die Nostalgie begünstigt wird von der Art und Weise, wie unser Gehirn mit der Vergangenheit umgeht. Erinnerungen werden nicht im Gedächtnis abgespeichert, wie es der gängigen Vorstellung entspräche, sondern beinahe täglich neu „geschrieben“, ja konstruiert. Wie die Hirnforschung herausgefunden hat, werden Erlebnisse meist in Einzelinformationen zerlegt, die dann an mehreren Orten des Gehirns gleichzeitig abgelegt werden. Aber nicht, um unverändert aufbewahrt, sondern im Licht der immer neuen Gegenwart immer wieder neu überschrieben zu werden.

In unserer Jugend haben wir nicht so laut Musik gespielt wie die jungen Leute heute. War das so? Oder spielt uns da die Erinnerung etwas Falsches vor? Foto: Konrad Flintrop

Der Neurobiologe Wolf Singer nennt Erinnerungen deshalb „datengestützte Erfindungen“: Es sind stets Kompromisse aus dem zuletzt überschriebenen Bild vom Geschehenen und seiner Einpassung in die Gegenwart dessen, der sich erinnert. Menschen sind nun einmal nicht in der Lage, auf Dauer Widersprüche zu ertragen. Man vermeidet, was die Psychologen „kognitive Dissonanz“ nennen. Das Bild von uns selbst und unserer Geschichte soll stimmig sein. So macht sich unser Gehirn die Erinnerung im Zweifelsfall passend, wenn sie nicht zur Gegenwart passt. Deshalb gibt es auch schon wenige Tage nach einem Unfall völlig verschiedene Zeugenaussagen über den Hergang.

Begünstigt wird Nostalgie heute aber auch dadurch, dass sich die Lebens- und Alltagswelt mit jedem Tag schneller verändern. Der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird immer rasanter immer größer. So setzen manche Retro-Trends inzwischen auch schon kurz nach dem Verschwinden des Originals ein. Das verschärfte Tempo der Veränderung aber lässt die Sehnsucht nach dem Vertrauten immer heftiger wachsen. Wer ins Schleudern gerät, sucht nach Dingen, an denen man sich festhalten kann.

Die Wiedervorlage des Alten

Was aber, wenn vor lauter Festhalten ein Stillstand eintritt? Der britische Journalist Simon Reynolds hat eine solche Erstarrung auf dem Feld der Pop-Musik längst diagnostiziert. In seiner viel diskutierten Kampfschrift „Retromania“ (Ventil-Verlag, 424 S., 29,90 Euro) beklagt Reynolds, dass vor allem die digitale Verfügbarkeit und so etwas wie die naturbedingte Bequemlichkeit der Menschen dafür gesorgt hat, dass der Pop seine althergebrachte Innovationskraft verlor: Während er früher das aufregend Neue, das Ungehörte, ja Unerhörte gewesen sei, begnüge man sich heute mit der Wiedervorlage des Alten in einer aufpolierten Karosserie. Die Kreativität erschöpfe sich darin, das Altvordere neu zu kombinieren, bestenfalls zu mixen, miteinander zu verschneiden. Solche Klagen verkennen allerdings, dass noch jeder kulturelle Fortschritt aus dem Spiel mit dem Alten hervorgegangen ist. Nur wer sich damit beschäftigt hat, bekommt ja eine Ahnung davon, wo noch Neuland liegen könnte.

Auch die fünf reifen Jungs von „Glam Bam“ haben das probiert. Jahrzehntelang, in diversen Bands und Formationen. Und durchaus viel Anerkennung bekommen. Aber nie so vehemente Begeisterung geerntet wie in Schlaghosen und auf Plateausohlen. Ihr Auftrittskalender reicht zurzeit bis 2014.

Jens Dirksen



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