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Wigald Boning und die Einkaufszettel

Wigald Boning und die Einkaufszettel

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Foto: Ursula Düren/dpa
Wigald Boning hat ein Faible für fremde Einkaufszettel. Er hat sie aus Einkaufswagen, ja sogar aus Mülleimern geklaubt. Anhand dieser Zettel hat der Comedian nun Charakterstudien angestellt und diese in einem Buch veröffentlicht. „Butter, Brot und Läusespray“ heißt die Lektüre.

Essen. 

„Brot, Wurst, Knödelteig“ – klare Sache, man weiß, was einzukaufen ist. Doch Wigald Boning (46), bekannt für schrille Klamotten, Comedy und Bücher über den „Wandel der Kuckucksuhr im Laufe der Zeit“, wirft einen eigenwilligeren Blick auf den Einkaufszettel: Zwischen Salz und Pfeffer sucht er das Wesen des Menschen.

Was sagt die Schlangengurke über ihren Käufer aus? Was die Dose Ravioli oder das „Apfelmus mit Deckel“? Einkaufszettel sind, mit Bonings Augen betrachtet, mehr Steckbrief in eigener Sache als krakelige Gedächtnisstütze.

„Getränke, Milch, Maggi-Zeug, Blumenerde, graue Hose, Brötchen“ – für den Verfasser ist es eine Einkaufsliste, für Boning ein gefundenes Fressen: Getränke! Das ist Plural. Boning bringt den Leser ganz schnell dazu, sich einen Mann in grauem Beinkleid vorzustellen, der im Garten sitzt und sich kräftig eins hinter die Binde gießt.

Das Verrückte an Bonings „Butter, Brot und Läusespray“ (rororo, 9,99 Euro) ist, dass über Grillfleisch und gelbe Säcke Bilder entstehen, die uns an gute Bekannte erinnern. Vielleicht sogar an uns selbst.

Zuhause hat der den Ruf„Mister Humorlos“ weg

Warum steckt jemand seine Nase eigentlich in das Gekritzel, das im Grunde privat ist und so gar keinen fremden Adressaten sucht?

„Ich will eben wissen, wie die Leute ticken“, sagt er. Boning ist jemand, der sofort hinterherschiebt, dass er aber nicht den Anspruch habe, die Menschen per Wiener Würstchen komplett analysieren zu können. Wer Boning als schrägen Vogel abgespeichert hat, ist erstaunt, wie wenig lustig er ist. Er ist sogar geradezu ernst, jedenfalls am Telefon.

Aber sonst auch. Zuhause, bei seinen heranwachsenden Jungs jedenfalls, „habe ich den Ruf als Mister Humorlos weg“. Erziehung sei eben hartes Brot. Obwohl: „Ich glaube, mein erzieherischer Einfluss tendiert mittlerweile gegen Null. Aber das war bei mir und meinen Eltern ja nicht anders, als ich fünfzehn war.“

Im Supermarkt – zwischen parfümierten Klorollen und Windeln mit Aloe Vera – hat er seine zweite Heimat gefunden. Und so sammelt er seit 1999 dort das, was andere liegen gelassen oder in den Müll geworfen haben. „Am besten ist es natürlich, wenn die Zettel direkt im Einkaufswagen herumliegen.“

ComedianUnd wenn nicht? Na, dann ist er sich auch nicht zu fein, wie ein Archäologe des Alltags mit den Händen die Müllbehälter vor Supermärkten zu durchwühlen. „Manche gucken dann auch ganz angewidert. Aber die Ekelgefühle habe ich mir abtrainiert.“

Irgendwie ist sein Herz an einem Blatt mit Mayonnaise hängen geblieben. „Auf einem Zettel steht Majo im Mittelpunkt. Sie wissen schon, diese geheimnisvolle, weiße Substanz, die sich, wenn sie verschüttet wird, einem Swiffer hartnäckig zu widersetzen vermag.“ So schön kann Fett sein.

Seine Universität ist der Supermarkt

Boning lässt sich die Wörter so auf der Zunge zergehen, dass es fast ein wenig wissenschaftlich wirkt. „Ich habe aber nie eine Uni besucht.“ Seine Lehranstalt war der Lebensmittelladen. „Ich bin ja tagtäglich durch die Gänge gestreift.“ Zum Einkaufen ist er dann noch mal extra losgezogen.

Ob Senfsoße, ob Erbsen in der Dose – der Mann ist verrückt nach stinknormalen Einkaufszetteln, weil im Kleide des Normalen oft ein Mister Irrwitz steckt: Salat, Zwiebeln, Paprika, Schafskäse. „Nichts macht ein Individuum verdächtiger als allzu offensichtliches Agentengehabe. Was hat dieser Schreiber zu verbergen? Missmut, Mord oder Totschlag?“ Was erst wird Boning wohl vermuten, wenn jemand „Hackfleisch“ notiert.