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Westerwelle berichtet vom Überlebenskampf gegen den Krebs

18.03.2016 | 15:00 Uhr
Westerwelle berichtet vom Überlebenskampf gegen den Krebs
„Ich will nicht nur überleben, ich will leben“: Guido Westerwelle bei der Vorstellung seines Buches „Zwischen zwei Leben – Von Liebe, Tod und Zuversicht“. Foto: REUTERS

Berlin.  #Guido Westerwelle hat ein Buch über sein Leben mit Leukämie geschrieben. Bei der Vorstellung sprach er über Tod, Liebe und das Leben.

Ex-Außenminister Guido Westerwelle ist am Freitag gestorben. Er starb im Alter von 54 Jahren in der Universitätsklinik Köln an den Folgen seiner Leukämie-Erkrankung.

Zuletzt war Westerwelle im November in Berlin, wo er im Berliner Ensemble sein Buch "Zwischen zwei Leben - Von Liebe, Tod und Zuversicht" präsentierte. An dieser Stelle dokumentieren wir den Original-Text vom 8. November.

Als Dirk Niebel an den Tisch herantritt, schaut Guido Westerwelle nur kurz hoch. Dann wieder auf die noch leeren ersten Seiten seines Buches und schreibt eine Widmung für den ehemaligen Parteikollegen. Niebel sucht Westerwelles Blick, vielleicht sogar noch etwas mehr, etwas wie ein Zeichen. Tränen steigen Niebel in die Augen. Es ist Westerwelles altes Leben, das da gerührt vor ihm steht. Während Westerwelle konzentriert signiert und sich offenbar nicht mehr dafür interessiert. Er hat ja bereits gesagt, worum es ihm hier und heute geht: „Ich will nicht nur überleben, ich will leben.“ Nichts anderes zählt.

Wie Dirk Niebel, ehemaliger Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sind auch andere FDP-Weggefährten zur Vorstellung von Westerwelles Buch „Zwischen zwei Leben – Von Liebe, Tod und Zuversicht“ ins Berliner Ensemble gekommen. Wie Silvana Koch-Mehrin, die ehemalige Europaabgeordnete, und der aktuelle FDP-Vorsitzende Christian Lindner. Aber auch die frühere ARD-Polittalkerin Sabine Christiansen, der US-Botschafter John B. Emerson sowie seine mexikanische Kollegin Patricia Espinosa Cantellano sitzen im Publikum. Es ist keine normale Buchvorstellung, jeder, der hier ist, will sehen, wie es Guido Westerwelle geht und seine Anerkennung für den ehemaligen Außenminister zeigen. Ihm etwas wie Dank oder Mitgefühl mitgeben. Auch wenn das nach all den Jahren nicht mehr als die Bitte nach einem Autogramm wie bei Dirk Niebel ist.

Schreiben gegen die Sorgen und um Mensch zu bleiben

Bevor Westerwelle die Bühne betritt, ist es leise. Vor eineinhalb Jahren wurde bekannt, dass der kurz zuvor abgetretene Außenminister krank ist. Ärzte stellten am 17. Juni 2014 bei ihm eine akute Leukämie fest, dabei kann die Immunabwehr zusammenbrechen, Blutgerinnung und Sauerstoffversorgung versagen, ein Organ nach dem anderen kollabieren. Eigentlich war Westerwelle mit einer Miniskusverletzung ins Krankenhaus gegangen, ein Routine-Bluttest vor der Operation rettete ihm das Leben.

Hinter ihm liegen Chemotherapien, Bestrahlung und eine Stammzellenspende. Mit Hilfe des ehemaligen Stern-Chefredakteurs Dominik Wichmann hat er über sein Leben mit der Krankheit, seine Gedanken und die Liebe geschrieben. Entstanden ist der Text aus Tagebuchaufzeichnungen. Er begann damit am Tag seiner Diagnose. Im Buch heißt es über diesen Moment: „Ich schrieb, um zu verstehen, was gerade geschah und noch geschehen würde. Ich schrieb, um meine Sorgen in den Griff zu bekommen und nicht im Selbstmitleid zu verfallen. Ich schrieb, obwohl ich nicht gern schrieb. Ich schrieb, um Haltung zu bewahren. Ich schrieb, um ein Mensch zu bleiben.“

Westerwelle kämpft mit Abstoßungsreaktion

Lauter Applaus begleitet Westerwelle aufs Podium, einige Bekannte begrüßt er mit einer kleinen Verbeugung, die rechte Hand klopft dabei leicht auf seine linke Brust, aufs Herz. TV-Moderatorin Dunja Hayali führt mit ihm das Gespräch. Sie fragt, wie es geht. Westerwelle antwortet: „Eigentlich ganz gut. Ich hatte schon bessere Phasen, aber auch sehr viel schlechtere. Ich kämpfe gerade mit einer Abstoßungsreaktion. Also, wenn ich etwas nuschle oder etwas zum Gurgeln brauche, liegt das daran.“ Und er macht eine Pause, bevor er weiterspricht. „Vor einem Jahr hätte ich diesen Zustand herbeigesehnt.“

Alles, was Westerwelle an diesem Vormittag sagt, klingt ehrlich und offen. Kein Abwägen mehr, keine Rhetorik, keine Politik. Der Wahlkämpfer mit der „18“ unter den Schuhen, mit dem Guidomobil, und auch der, der sich einst mit dem Begriff der „spätrömischen Dekadenz“ unbeliebt machte, hat das Lautstarke, das ihm anhaftete, abgelegt. Er braucht es nicht mehr. Denn das, was er zu sagen hat, berührt alle, ob krank oder gesund. Es geht um die Fragen: Wie lebe ich? Und wie will ich leben? Und um die Beantwortung dieser: „Denn, wenn man nicht weiß, ob man nur noch ein Jahr überlebt“, sagt Westerwelle, „dann macht es keinen Sinn ein unehrliches Buch zu schreiben.“

„Es ist kein Krankheitsbuch, kein Todesbuch. Es ist ein Lebensbuch“

Er wolle damit anderen Kranken und ihren Angehörigen helfen und auf die Stammzellenspende, durch die er überlebt hat, aufmerksam machen. „Es ist kein Krankheitsbuch, kein Todesbuch. Es ist ein Lebensbuch. Und wenn dieses Buch auch nur hundert Menschen dazu bringt, sich als Spender registrieren zu lassen, dann rettet das wieder Menschenleben.“

Aus der Öffentlichkeit hatte sich Westerwelle mit der Krankheit völlig zurückgezogen. Ein, zwei Mal zeigten ihn Fotos mit kahlem Kopf von der Chemotherapie. Seine Haare sind zurück. Wie viele Krebspatienten sieht er nach der Behandlung ein bisschen älter und weicher aus. Doch vor allem im Inneren habe er sich verändert. „Die Identität bleibt zwar – auch wenn ich jetzt eine andere Blutgruppe habe – aber ich bin ein anderer Mensch.“

Die FDP? Hat heute keine Bedeutung

Westerwelles Ehemann Michael Mronz sitzt in der ersten Reihe, direkt ihm gegenüber. Als von ihm die Rede ist, sagt er: „Es ist auch eine Liebeserklärung an meinen Mann.“ Ihm ist auch das Buch gewidmet. Jetzt sind Westerwelles Augen wässrig.

Eine Stunde vergeht, bis sich ein Journalist traut nach der FDP zu fragen. Westerwelle blickt fast ein wenig abgestoßen, sagt, dass das schon so lange her sei und alles zur Politik hier heute keine Bedeutung habe. Der Schlussapplaus will nicht enden.

Im letzten Satz seines Vorworts schreibt Guido Westerwelle „Jeder Gedanke an das Ende kann auch der Aufbruch zu etwas Neuem sein.“

Das Buch „Zwischen zwei Leben – Von Liebe, Tod und Zuversicht“ erschien am 11. November im Hoffmann und Campe Verlag. Es kostet 20 Euro.

Diana Zinkler

Kommentare
08.11.2015
20:47
Westerwelle berichtet vom Überlebenskampf gegen den Krebs
von fragender123 | #2

Auch wenn das jetzt hart klingt, aber Herr Westerwelle hat eine wichtige Erfahrung gemacht, die ihn jetzt für den Rest seines Lebens prägen wird. Er...
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1 Antwort
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Name von Moderation entfernt | #2-1

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2016-03-18 15:00
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