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Wenn der Arzt zum Verkäufer wird

27.04.2009 | 11:47 Uhr
Wenn der Arzt zum Verkäufer wird

Essen. Ob Knochendichtemessung, Innendruckmessung des Auges oder eine Extra-Ultraschalluntersuchung während der Schwangerschaft - immer häufiger drängen Mediziner ihren Patienten kostenpflichtige Zusatzleistungen auf. Aber nicht jede Therapie ist sinnvoll.

Wenn Ärzte an Igel denken, haben sie nur selten das possierliche Kleintier im Sinn. Denn hinter dem Kürzel verbirgt sich eine der lukrativsten Einnahmequellen der freien Ärzte: die so genannten Individuellen Gesundheitsleistungen (kurz: IGeL). Der Clou besteht darin, dass auch Kassenpatienten, an denen die Ärzte ansonsten nur wenig verdienen, kräftig zur Kasse gebeten werden.

Ob Knochendichtemessung, Innendruckmessung des Auges oder eine Extra-Ultraschalluntersuchung während der Schwangerschaft – immer öfter schlagen Mediziner ihren Patienten Behandlungen vor, für deren Kosten die Krankenkassen nicht aufkommen. Im letzten Jahr wurden 26,7 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten, also mehr als einem Viertel, eine solche ärztliche Zusatzleistung angeboten. Das ergab eine bundesweite Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Ortskrankenkassen (WIdO). 2005 war es nicht einmal jeder Vierte.

Über Nutzen und Risiko informieren

Die IGeL sind aber keineswegs immer nützliche „Tierchen”. Wem vom Arzt eine solche zusätzliche Behandlung vorgeschlagen wird oder wer sich selbst für eine solche interessiert, sollte auf jeden Fall über den Nutzen und die Risiken der Maßnahme gut informiert sein.

Richtige ärztliche Beratung ist wichtig. Patienten sollten auch die Eigeninitiative nicht scheuen. (Foto: imago)

Grundsätzlich dürfen alle Praxen kostenpflichtige Extra-Untersuchungen anbieten. Die Verbraucherzentralen stehen den Angeboten jedoch kritisch gegenüber, da die IGeL-Palette breit gefächert und unübersichtlich ist. Und eine exakte Liste, die über das gesamte Leistungsspektrum Aufschluss gibt, existiert nicht.

Mit den IGeL-Leistungen lässt sich auch viel Geld verdienen: Rund eine Milliarde Euro setzen die Praxen mit den Extra-Angeboten jährlich um. Das erklärt, warum einige schwarze Schafe mit aggressiven Werbemethoden vorgehen und mit wohlklingenden Namen wie „Großer Körper-Check” oder „Schwangerenbetreuung Plus” auf Kundenfang gehen. Bei Angeboten mit derart übertriebenen Bezeichnungen sollten Verbraucher besonders vorsichtig sein.

Eigeninitiative im Beratungsgespräch

Patienten sollten sich auch nicht scheuen, im Beratungsgespräch die Eigeninitiative zu ergreifen und ihren Arzt nach Nutzen und Risiken der zusätzlichen Behandlung zu fragen. Ebenfalls sollte nach der Beratung geklärt sein, inwiefern die Methode wissenschaftlich untersucht ist und welche Kosten anfallen.

Versicherte sollten sich ebenso keineswegs nur auf eine Meinung verlassen. Um das Angebot besser beurteilen zu können, sollten sie auch einen anderen Arzt nach seinem Standpunkt befragen oder die medizinische Hotline der Krankenkasse anrufen. Hilfreich ist darüber hinaus eine Recherche im Internet.

"Beratung muss stimmen"

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung weiß um unseriöse Anbieter: „Die Beratung muss stimmen”, erklärt Pressesprecher Roland Stahl den Umgang eines zuverlässigen Mediziners mit IGeL-Angeboten. Und: „Der Arzt oder die Ärztin muss den Patienten sowohl über die medizinischen Aspekte als auch über den Preis ausreichend aufklären.”

Das fordern auch die Verbraucherschützer und sehen gerade im Arzt-Patienten-Gespräch Schwierigkeiten. „Ob Ärzte IGeL-Leistungen so anbieten, dass für Patienten sofort ersichtlich wird, um was es sich handelt, nämlich um für Patienten kostenpflichtige Zusatzleistungen, die medizinisch überwiegend nicht notwendig sind, ist ein Problem", sagt Susanne Mauersberg, Referentin für Gesundheitspolitik des Bundesverbands der Verbraucherzentralen.

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Mandy Kunstmann

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Kommentare
28.04.2009
15:37
Wenn der Arzt zum Verkäufer wird
von mausefritzchen | #9

...nicht unbedingt, aber man wundert sich schon, wenn der Vorsorge-Doktor alljährlich und jahrelang auf Kassenkosten Ultraschalluntersuchungen durchführt, die er nunmehr als Igel-Leistungen anbietet und in meinem Falle (kanns mir nicht alles leisten) seitdem nicht mehr für nötig hält, obwohl die Kasse sie weiterhin übernehmen würde? Ist das ein Grund für eine Vertrauenskrise?

28.04.2009
01:38
Wenn der Arzt zum Verkäufer wird
von dasKollektiv | #8

außer der eigene Arzt, sind das alle Verbrecher..

..denkt man

27.04.2009
14:17
Wenn der Arzt zum Verkäufer wird
von Ostler | #7

Auch wenn es vielen nicht gefällt, jeder Arzt ist letztlich nur ein selbständiger Unternehmer der dieser Beruf ausübt um Geld für seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es gibt wohl nur wenige Ärzte die aus Nächstenliebe ihren Beruf ausüben. Aber Als Patient bin ich auch Kunde und kann den Arzt wechseln, wenn mir seine Methoden nicht gefallen, bzw. ich mich übervorteilt fühle.
Ich selber bin Privatpatient und habe schon öfter den Arzt gewechselt, weil ich mit bestimmten Methoden nicht einverstanden war. Und bitte jetzt keine dämlichen Sprüche über Privatpatienten, denn ich warte seltsamerweise auch immmer im Wartezimmer und kann nicht sofort in den Behandlungsraum gehen!

27.04.2009
14:12
Wenn der Arzt zum Verkäufer wird
von scorpionx | #6

m. e. fehlt eine übergeordnete, neutrale instanz, wo man die sinnhaftigkeit so mancher igel-leistungen hinterfragen kann !!!

selbst als mündiger patient, kann man bei dem grassierenden wildwuchs, leicht den überblick verlieren und weiß schlussendlich nicht, ob die vom arzt empfohlene leistung, wirklich sinnvoll ist ...

27.04.2009
11:20
Wenn der Arzt zum Verkäufer wird
von apizzi | #5

#4 Aber sie müssen sinnvoll sein und das kann ich aus eigener Erfahrung so nicht behaupten.

Ein Arzt muss das sein was er gelernt hat jemand der denhen hilft die es brauchen und dabei muss ein Patzient nicht über Geld nachdenken was die meisten so wie so nicht haben.

27.04.2009
11:15
Wenn der Arzt zum Verkäufer wird
von blödmannsgehilfenanwärter | #4

Ich glaube kaum, dass Untersuchungen nur deshalb überflüssig sind, weil sie nicht von der Krankenkasse bezahlt werden (sollen / dürfen).

Gerade eine Messung des Augeninnendrucks hat meinem Vater ein Auge gerettet, sonst wäre sein beginnender grüner Star gar nicht erkannt worden.

Es lohnt sich also schon, darüber nachzudenken, ob man sich eine medizinische Untersuchung leistet oder eine extra Felgenwäsche in der Autowaschanlage oder die megawichtige neuste Spielkonsole.
Ungeachtet dessen finde ich die Anzahl der von der Kasse bezahlten Vorsorgeuntersuchungen recht übersichtlich.

In jedem Schnellrestaurant versucht man mir irgendwelche Nachtische, Getränke etc. aufzuschwatzen, die ich nicht bestellt habe - dann darf mein Hausarzt mir auch sinnvolle Angebote unterbreiten, selbst wenn er daran ein paar Euro verdient.

27.04.2009
08:23
Wenn der Arzt zum Verkäufer wird
von Kiaora | #3

Beim Arztbesuch - egal welcher Fachrichtung - sollte man gewappnet sein, das IGeL-Angebot lässt bestimmt nicht lange auf sich warten.

Hochglanzprospekte über kostenpflichtige Zusatz-Leistungen liegen schon überall aus.

In einigen Praxen wird man im Wartezimmer schon mit Werbung in eigener Sache per TV-Monitor bombardiert.

Arzthelferinnen und Ärzte können sehr gut mit sorgenvoller Miene das Gefühl vermitteln, dass man bzgl. seiner Gesundheit ein Geizhals ist.

Wer sich persönlich gegen diese Untersuchungen entscheidet und hier nicht rigoros NEIN sagen kann, hat schon verloren.

Zaghafte und unsichere Patienten werden dann schnell ihr Geld los.

27.04.2009
08:12
Wenn der Arzt zum Verkäufer wird
von Voll Korrektey | #2

Patient/inn/en, die ein und dieselbe IGeL in Betracht ziehen, sollten sich zu 50er-Gruppen bündeln und einen ordentlichen Kollektivrabatt aushandeln.

(Veräppelmodus aus)

27.04.2009
07:56
Wenn der Arzt zum Verkäufer wird
von Sozialerdemokrat | #1

Die Kommerzialisierung der Medizin wurde ja durch die Gesundheitspolitiker ( auch Ulla Schmidt) vorangetrieben. Dann wird die Frage wichtig, wieviel man ein einem Patienen verdienen kann.

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