Weltrekord in der Steilwand - die schwerste Besteigung aller Zeiten

Der Yosemite-Nationalpark in Kalifornien ist ein Mekka der Alpinisten.
Der Yosemite-Nationalpark in Kalifornien ist ein Mekka der Alpinisten.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht werden: Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson wollen eine 1000 Meter Steilwand durchsteigen – ohne Hilfsmittel.

Washington.. Im Rückblick betrachtet sprach eigentlich wenig dafür, dass Tommy Caldwell sich einmal in das Geschichtsbuch der weltbesten Naturbändiger eintragen würde. Vor Jahren geriet der Extrem-Kletterer aus Estes Park im US-Bundesstaat Colorado auf einer Tour in Kirgisistan in Geiselhaft einer islamistischen Gangsterbande. Nach sechs Tagen gelang dem 36-jährigen Familienvater im Pamir-Tal die Flucht. Er warf seinen bewaffneten Kidnapper in einen Steilabhang.

Wenig später sägte sich der schmächtige Bartträger bei Hausrenovierungen die Hälfte seines linken Zeigefingers ab. Was in seinem Metier normalerweise Berufsunfähigkeit bedeutet. Aber Tommy Caldwell ließ sich nicht beirren. Er feilte weiter an seiner Mission, die Bergsteiger rund um den Globus seit dem 27. Dezember Ehrfurcht und Respekt abnötigt.Wenn alles klappt, werden Caldwell und sein Mitstreiter Kevin Jorgeson (30) als erste Kletterer weltweit die Ur-Mutter aller Steilwände im kalifornischen Yosemite-Nationalpark bald von ihrer unwirtlichsten Seite aus bezwungen haben. Ohne Haken. Kraft ihrer Fingerspitzen und Zehen allein. Und ihres unbändigen Willens.

"El Capitan" zieht Kletterer aus aller Welt an

„El Capitan“, der majestätische, 1000 Meter hohe Felsmonolith, zieht seit der Erstbesteigung 1958 Alpinisten aus aller Welt an. Über 100 verschiedene Routen führen auf den Gipfel. Nur die „Dawn Wall“, die so heißt, weil hier morgens die ersten Sonnenstrahlen auf die fast porzellanglatte Oberfläche treffen, galt lange als Sperrgebiet. Als Warren Harding und Dean Caldwell die als schwierig hoch 10 geltende Route 1970 erstmals bezwangen, bohrten sie Dutzende Haken ins Gestein und hievten sich wie Flaschenaufzüge nach oben. Caldwell und Jorgeson klettern frei. Ein Seil dient allein der Absicherung im Absturzfall.

„Anspruchsvoller, anstrengender geht es nicht“, sagt selbst Freeclimbing-Star Alex Honnold. John Long, der erste Mensch, der „El Capitan“ 1975 in einem Tag bestieg, spricht jeden Tag am Telefon mit den Wagemutigen. „Es ist fast unvorstellbar, dass irgendwer etwas so durchgängig Schwieriges tun kann. Das ist die schwerste Besteigung aller Zeiten.“

Eine Fingerkuppe ist für die Griffpunkte oft schon zu groß

Warum? Caldwell und Jorgeson bewegen sich permanent in der Vertikalen. Die Griffpunkte, die der Berg zulässt, sind so mickrig, dass eine Fingerkuppe oft schon zu groß ist. In Etappen von cirka 60 Metern bewegen sich die Männer in Spiderman-Manier vorwärts. 32 Abschnitte (pitches) sind zu bewältigen. 16 bzw. 15 haben sie geschafft. Jorgeson hängt hinterher. Regelmäßig müssen beide längere Pausen einlegen und Salbe auftragen. Anders kann die Haut an den Fingerspitzen nicht regenerieren. Tommy Caldwell klettert darum lieber nachts, unterstützt von einer Stirnband-Lampe und den Scheinwerfern der begleitenden Fotografen, denen atemberaubende Fotos gelingen. „Weil der Fels dann kühler ist und die Hände nicht so schnell schwitzen.“

Wie es sich lebt in zurzeit rund 400 Meter Höhe, daran lassen Caldwell und Jorgeson seit Tagen Zehntausende in den sozialen Netzwerken teilhaben. Aus ihren über dem Abgrund im Fels installierten Portaledges, das sind Hightech-Hängeliegen mit Zeltcharakter, Minikocher und Schlafsack, mailen, twittern, facebooken und telefonieren die Männer mit Freunden, Familie, enthusiastischen Hobby-Kraxlern und Journalisten von Brasilien bis Australien.

Mama Rebecca und Sohn Fitzwarten auf die Rückkehr

Eine Standardfrage, die Tommy Caldwell sich dabei anhören muss, gebührt seinem 20 Monate alten Sohn Fitz, der zuhaus mit Mama Rebecca auf Papas Rückkehr wartet. „Warum gehen Sie das Risiko ein?“

Caldwell verweist auf sieben Jahre Vorbereitung, das akribisch vermessene Terrain, beherrschbare Risiken und das Helfer-Team am Boden. Aber das ist nicht alles. Er will seinem kleinen Sohn vorleben, was er für wichtig hält im Leben: „Optimismus, Durchhaltevermögen, Leidenschaft. Und die Bedeutung, Großes zu denken.“

Wenn das Wetter den Männern keinen Streich spielt, kann Caldwell vielleicht schon bald Video-Grüße nach Estes Park schicken. Von der Spitze des „El Capitan“.