Warum wir so an der Zeit hängen

Wer sich fremdbestimmt fühlt, hat auch mehr Stress mit fehlender Zeit.
Wer sich fremdbestimmt fühlt, hat auch mehr Stress mit fehlender Zeit.
Foto: Getty Images/iStockphoto
Was wir bereits wissen
Und wieder wird an der Uhr gedreht. Was wir tun können, um unser Lebenstempo zu regeln. Viele Verpflichtungen sind weder dringend noch wichtig.

Essen.. Die Grauen Herren wollten den Menschen weismachen, dass man Zeit sparen könne. Sie gaukelten ihnen vor, sie würden bald mehr davon haben, wenn sie nur weniger Gebrauch von ihr machten. Doch was die Herren aus Michael Endes Roman „Momo“ verschwiegen: Zeit lässt sich nicht sparen.

Sie vergeht, ob man sie nutzt oder nicht. Und nun wird unsere Zeit sogar noch beschleunigt, die Uhr in der Nacht zu Sonntag eine Stunde vorgestellt. Höchste Zeit für ein paar Tipps zur Zeit – nicht um sie zu sparen, sondern um selbstbestimmter mit ihr umzugehen.

Wichtiges erkennen

Der Alltag verlangt oft einiges: Da gibt es den Job, den man gut machen will, Partner, Kinder, Freunde, Eltern, notwendige Erledigungen wie Einkäufe, Wäsche waschen, Arzttermine . . . und dann wären da noch die eigenen Hobbys. Für all das bleibt nur eine begrenzte Zeit am Tag. Petra Schuseil, Lebenstempo-Coach und Autorin, rät daher dazu, innezuhalten und aufzuschreiben, wie viel Raum welche Verpflichtungen einnehmen. Passt die Aufteilung noch? Wo mache ich sonst Abstriche? „Ob wir wollen oder nicht: Wir müssen ein Genug definieren“, sagt Schuseil. Denn nicht jede Verpflichtung sei gleich verpflichtend. „Klar müssen wir arbeiten, um Geld zu verdienen. Und wenn wir kleine Kinder haben, brauchen uns diese anders als Kinder im Teenageralter. Doch da gibt es die vielen Verpflichtungen, die nicht wirklich fix sind.“

Alte Freunde etwa, mit denen man nur noch aus Pflichtbewusstsein Kontakt halte. Oder der Haushalt, in dem man immer noch alles selbst erledige, obwohl man vieles längst an die Kinder abtreten könnte. Wer das Loslassen lernen will, sollte laut Schuseil klein anfangen. Ihr Tipp zum Start: Eine Sache heraussuchen, die heute mal liegen bleiben darf.

Dirigent sein

Den eigentlichen Stress mit der Zeit haben viele Menschen deshalb, weil sie sich fremdbestimmt fühlen. Wer seine Prioritäten gesetzt hat, sollte sie daher offensiv umsetzen. Ganz wichtig dabei: selbst Dinge zu planen statt nur zu reagieren – zum Beispiel durch regelmäßige Treffen mit Menschen, die einem wichtig sind. „Rituale geben Halt und teilen das Leben sinnvoll ein“, sagt Schuseil. Und: Sie sind der selbstgewählte Ausstieg aus dem Hamsterrad.

Man kann aber auch schon früher ansetzen – bei den Antreibern dieses Rads. Die Zeitberaterin empfiehlt, stets zu hinterfragen, um nicht zum „Mädchen für alles“ zu werden. „Listen Sie Ihre Aufgaben auf, auf die Sie reagieren müssen. Und dann beantworten Sie folgende Fragen: Muss ich es tun? Wer kann es noch erledigen? Muss es so erledigt werden? Wann muss es erledigt werden?“ Wer sich entschlossen hat, etwas nicht oder nicht mehr zu tun, so Schuseil weiter, sollte dies klar formulieren. Und zwar so, dass keine Diskussion entsteht, ob die Entscheidung tatsächlich gilt.

Schritt für Schritt

Trotz aller guten Vorsätze wird es immer wieder vorkommen, dass vieles auf einmal auf einen einprasselt. In so einem akuten Fall dürfe man nicht den Fehler begehen, alles gleichzeitig erledigen zu wollen. „Multitasking beschleunigt unnötig und zerfasert die Aufmerksamkeit“, sagt Schuseil. Deshalb: die Aufgaben nacheinander abarbeiten. „So können Sie sich intensiv konzentrieren, machen weniger Fehler und sind unterm Strich auch schneller.“ Wer zudem bewusst wahrnehme, was bereits erledigt ist, werde mit einem befriedigenden Gefühl belohnt.

Den gleichen Tipp kannte auch schon Momo. Ihr Freund Beppo verriet ihr, dass er sich keine Gedanken über die gesamte Arbeit mache, bevor er eine lange Straße fege. „Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich.“ Schritt für Schritt werde man so mit der ganzen Straße fertig. „Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht aus der Puste.“