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Warum ein "Like" keine politische Meinungsäußerung ist

24.01.2016 | 08:54 Uhr
Warum ein "Like" keine politische Meinungsäußerung ist
Ein Klick – eine Meinung. Machen wir es uns mit "politischer Teilhabe" nicht etwas zu leicht?Foto: Archiv/dpa

Paderborn.  Ein "Gefällt mir" – eine Meinung: Warum es uns so wichtig ist, in sozialen Medien öffentlich Stellung zu beziehen und was daran politisch aktiv ist.

Liken, Teilen, Kommentieren – es ist so einfach, in sozialen Netzwerken politisch aktiv zu werden. Aber Moment: Ist das politisch aktiv? Wir haben uns mit Medienwissenschaftler Prof. Jörg Müller-Litzkow von der Uni Paderborn darüber unterhalten. Er betont aber: Wissenschaftlich belegt sind seine Erkenntnisse aber noch nicht.

Ich like eine politische Aussage auf Facebook – damit bin ich politisch aktiv. Oder?

In der Selbstwahrnehmung mag das stimmen, meint Müller-Lietzkow. Wir suggerieren uns: Wir haben unsere Meinung geäußert. Das sei schon bei Likes so – und erst recht bei Kommentaren. Aber Likes oder Hasskommentare seien weit von politischer Meinungsäußerung entfernt. Wer sich durch bloßes Liken an einem Shitstorm beteiligt, habe kaum etwas geleistet, habe kein politisches Statement abgegeben. Er sei nur auf den Zug aufgesprungen.

Medienökonom Prof. Jörg Müller-Lietzkow von der Uni Paderborn Foto: privat

Setzen viele Liken mit der Teilnahme an Demos gleich?

Das sei schwer zu sagen, so Müller-Lietzkow. Vielen komme das wahrscheinlich so vor. Aber damit belüge man sich nur selbst: An einer Demonstration teilzunehmen mache es nötig, seine geschützte Umgebung zu verlassen und sich auf der Straße "face to face" einer Situation zu stellen. Das sei eine ganz andere Art der Artikulation. Bei einer Demo drohten direktere Konsequenzen als im Internet. Dort könne man Gegenkommentare besser ignorieren. Eine echte Demonstration sei das also nicht.

Wieso ist es uns wichtig, (semi-)öffentlich die Meinung zu sagen?

Wir haben das Gefühl, etwas tun zu müssen, erklärt Müller-Lietzkow – und das münde oft in der einfachsten aller Aktionen: dem Klick. Für den Medienwissenschaftler hat das den Charme eines Ablassbriefes. Man fühle sich danach gut, weil man sich positioniert hat. Weil man für "seine Sache" etwas geleistet hat.  Aber die "Leistung" halte sich bei den allermeisten Nutzern in Grenzen. Solange man kein Meinungsführer mit viel Reichweite sei, werde die eigene Meinung ohnehin nur im kleinsten Kreise wahrgenommen. Sie hat kaum das Zeug dazu, nach außen zu dringen. In der aktuellen Flüchtlings-Situation komme noch etwas anderes dazu, so Müller-Lietzkow. Das Internet werde massiv dazu genutzt, um seine Wut zu kanalisieren. Politische Artikulation sehe aber anders aus.

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Warum färben viele nach Großereignissen (Germanwings, Paris) ihr Profilbild ein?

Vor allem nach den Anschlägen in Paris haben viele Nutzer auf Facebook, Twitter und Co. ihr Profilbild mit der Tricolore eingefärbt. Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine waren viele Bilder schwarzweiß. Wie ein Schneeballsystem verbreitete sich der Trend. Warum tun wir das? Müller-Lietzkow meint: Damit befriedigen viele Nutzer ihr Bedürfnis, Betroffenheit zu zeigen. Eine politische Äußerung sei das aber nicht – die Botschaft sei eine ganz andere: stille Solidarität. Wahrscheinlich komme noch etwas anderes dazu: Mit unserer Anteilnahme sind wir Teil eines großen Ganzen, einer Trauergemeinschaft. Wir fühlen uns verbunden.

Ist Liken am Ende doch "politische Mikro-Aktivität", weil der Schwarm Stimmung macht?

Stimmt schon, meint Müller-Lietzkow: Aus Mikro könne auch Makro werden. Dazu brauche es aber einen "Resonanzverstärker". Es reiche nicht, wenn nur auf Facebook oder Twitter eine Welle losgetreten wird. Ein anderes Medium müsse das Thema aufgreifen, verstärken und aufschaukeln, um eine kritische Masse in der Öffentlichkeit zu erzeugen. Das könnten die traditionellen Medien sein – aber auch Promis hätten eine große  Resonanzwirkung. Wie sich bestimmte Themen im Netz aufschaukeln sei noch nicht wissenschaftlich untersucht, so Müller-Lietzkow. Fest stehe aber: Hätte sich nicht jeder einzelne im Schwarm mit einem Klick beteiligt, wäre die Diskussion in den Medien nicht aufgekommen.

Jörg Müller-Lietzkow ist seit 2008 Professor für Medienökonomie und Medienmanagement am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören digitale Medienwirtschaft, mobile Medien und Netzpolitik.

Katrin Figge

Kommentare
24.01.2016
10:33
Mit anderen Worten
von Towenaar | #2

ohne Gewaltandrohung ist ein Entscheider nicht bereit den Bürgerwillen ernst zu nehmen.

Na dann herzlich willkommen in der Steinzeit.

Um es den...
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2016-01-24 08:54
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