Warten auf die letzte große Rolle

Köln..  „Ein bisschen schade, dass Sie so jung sind“, hat ein bekannter Regisseur neulich zu Günter Lamprecht gesagt. Dabei wird er am nächsten Mittwoch (21. Januar) 85. Der Typ, den er spielen sollte, war aber schon fast 90. Das hat ihm natürlich gefallen, dem alten Charakterdarsteller.

Der Regisseur war Atom Egoyan aus Kanada. Er hatte Lamprecht in seiner Paraderolle als Franz Biberkopf in „Berlin Alexanderplatz“ gesehen und wollte ihn für sein Holocaust-Drama „Remember“ engagieren. Lamprecht sollte einen ehemaligen KZ-Aufseher spielen, der in Kanada untergetaucht ist. Es kam ihm vor wie der berühmte Anruf aus Hollywood. „Sieh mal an, ‘ne schöne Altersrolle, da hast du immer drauf gewartet“, hat er sich gesagt. Als er vor fünf Jahren 80 wurde und gefragt wurde, was er sich noch vom Leben wünsche, hat er genau das gesagt: eine letzte wirklich große Rolle.

Ärger mit dem Knie

Jetzt war sie da. Und dann ging die Sache mit dem Knie los. Er konnte nicht mehr laufen, hatte Schmerzen. Sein Arzt fragte ihn: „Wollen Sie das wirklich machen, Herr Lamprecht? Jeden Tag mit dem Hubschrauber ins Filmcamp?“ Er hat’s dann eingesehen und abgesagt. Schweren Herzens natürlich. Stattdessen empfahl er Jürgen Prochnow für die Rolle. Während der filmte, ließ sich Lamprecht operieren und fuhr in die Reha.

Jetzt ist er schon wieder ganz gut zu Fuß, auch wenn er einen Stock dabei hat. „Ich möchte gerne ‘ne schöne Tasse Kaffee haben und ‘n Mineralwasser“, bestellt er in ei­nem Café in der Kölner Innenstadt. Sein Berliner Akzent ist unverkennbar. Klaus Wowereit hat ihn früher immer gefragt, warum er denn bloß da am Ende der Welt in diesem Rösberg wohnen bleibe anstatt in seine Heimatstadt zurückzukehren.

Lamprecht kann das erklären. Seine Begründung geht ungefähr so: Rösberg gehört zu Bornheim. Bornheim gehört zum Rhein-Sieg-Kreis. Und der Rhein-Sieg-Kreis gehört zum Einzugsgebiet von Köln, wo der WDR sitzt, früher einer seiner wichtigsten Arbeitgeber. Au­ßerdem ist Köln nicht so weit vom Ruhrgebiet entfernt. „Und das Ruhrgebiet ist meine zweite Heimat. Neben Berlin natürlich.“

Günter Lamprecht zählt zu den relativ wenigen Menschen, deren Augen zu leuchten beginnen, wenn die Rede auf Oberhausen kommt. „Da schwör ich drauf, auf Oberhausen. Ist mir ans Herz gewachsen.“ Er hat da lange gewohnt, Ende der 50er und in den 60er-Jahren, als Theaterschauspieler. Oberhausen konnte damals noch spektakulär sein, vor allem in der Abenddämmerung: die Ruß spuckenden Kokereien, die aus den Hochöfen flackernden Stichflammen.

Die Alten kennen ihn noch alle

Im vergangenen Jahr hat er oft an seine Berliner Kindheit denken müssen, an die Nazizeit, den Krieg und das Chaos des Zusammenbruchs. „Wenn man diese Kriegserlebnisse hatte, dann nimmt man das anders auf, wenn man jetzt die Flüchtlinge im Fernsehen sieht. Die haben alle was durchgemacht. Ich kann mich da reinversetzen.“

Eine alte Frau vom Nachbartisch des Cafés humpelt herüber: „Haben Sie Autogrammkarten dabei?“ – „Nee, leider nich, tut mir leid.“ – „In letzter Zeit sieht man Sie ja nicht mehr so häufig.“ Lamprecht grinst. „Det stimmt!“

Die Alten kennen ihn noch alle. Die Jungen nicht mehr. Letztens hat ihn mal so ein Junger gefragt, was er denn von Beruf gewesen sei. „Schauspieler? Ehrlich? Hatten Sie auch mal so richtig ‘ne Rolle?“ Tja. Im Prinzip könnte er jetzt wieder. Das Knie ist halbwegs in Ordnung. Er ist natürlich wählerisch geworden, die meisten Angebote lehnt er ab. Aber gleichzeitig wartet er. Und hofft. Auf einen Anruf wie den von Atom Egoyan. Auf die letzte große Rolle.