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Viele Kinder braucht das Land

07.01.2008 | 20:21 Uhr

Hagen. Das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik in Düsseldorf hat erneut das Durchschnittsalter im Land ermittelt. Demnach sind Wenden, Ense und Anröchte die Kommunen mit der jüngsten Einwohnerschaft in Südwestfalen. ...

... Überdurchschnittlich viele ältere Menschen gibt es hingegen in Bad Sassendorf, Herdecke und Schwelm.

Weniger Kinder und mehr ältere Menschen - NRW, das Land der Greise . . . Soweit ist es noch nicht, aber wir werden definitiv weniger und älter. Nach Prognosen des Statistischen Landesamtes wird 2020 die Zahl der jungen Menschen im Schulalter in allen Gemeinden des Landes um durchschnittlich fast 19 Prozent sinken, die Zahl der über 75-Jährigen gleichzeitig um 51 Prozent zunehmen.

Kämmerer Bernd Clemens ist mächtig stolz darauf: Nach wie vor ist Wenden eine der kinderreichsten und somit jüngsten Gemeinden in Südwestfalen. Der 40-Jährige erinnert an den Ortsteil Hünsborn, der in den 70er Jahren als kinderreichstes Dorf in ganz Deutschland ausgezeichnet wurde. Dieser "Titel" habe sich in den "Folgejahren wohl herumgesprochen".

Wenden glänzt mit seinen fast 20 000 Einwohnern immer noch mit einem satten Geburtenüberschuss. "Das wir vor allem für junge Familien so attraktiv sind, hat mehrere Gründe", berichtet Clemens. Dazu zähle neben dem "schönen Wohnumfeld mit herrlicher Natur" und den "netten Menschen, die schnell Wurzeln schlagen", vor allem die brummende Wirtschaft. "Hier im Kreis (Olpe) finden sie Arbeit, hier schlägt das wahre Herz unserer Wirtschaft." Und wer das kulturelle Angebot einer Großstadt vermisse, der sei mit dem Pkw in einer halben Stunde in Köln.

Auf die Frage "Warum Nachbargemeinden wie Drolshagen oder Finnentrop schlechter abschneiden?", antwortet Wendens Kämmerer erst nach einer kurzen Pause: "Irgendwie scheint der Wunsch, Kinder zu bekommen, bei uns größer zu sein."

"Da haben wir ja noch einmal Glück gehabt." Hans-Werner Koch nimmt es mit Humor, dass nicht Herdecke, sondern das Heilbad Bad Sassendorf die älteste Bevölkerung in NRW beheimatet. "Die Bürger fühlen sich bei uns eben so wohl, dass sie möglichst lange bei uns bleiben wollen", vermutet Herdeckes Bürgermeister. Für die hohe Altersstruktur sei vor allem die topographische Lage und das hohe Mietniveau verantwortlich. Ein "Bündnis für Familie" bestehe seit zwei Jahren, außerdem stehe durch den Wegzug einer Firma bald neues Bauland zur Verfügung. "Wir werden nicht nur still vor uns hin altern", verspricht Hans-Werner Koch.

Auf die Überalterung seiner Bürger hat sich vor allem Arnsberg vorbildhaft eingestellt. Die Stadt setzt seit Jahren auf einen Stadtentwicklungsplan, der auf den demografischen Wandel eingeht. Bürger und Verwaltung produzieren Ideen am Fließband. Darunter auch, das einzelnen Stadtteilen verschiedene Funktionen zugeordnet werden, zum Beispiel Einkaufen, Behörden, Kultur. Ein Verein rief Wohnprojekte für ältere Menschen ins Leben, ein Berater hilft Senioren bei Alltagsfragen, und ein Seniorenbeirat setzt sich für die Belange der Einwohner ab 55 Jahre ein.

Ob all das ausreicht, kann auch Soziologin Susanne Tatje nicht mit Sicherheit sagen. Die Demografiebeauftragte der Stadt Bielefeld, die die verschiedensten Forschungsströmungen untersucht, weiß aber, dass die Fehler der Vergangenheit sich über Jahrzehnte hinweg rächen werden: "Bereits in den 70er Jahren warnten Experten vor einem Land ohne Kinder. Erst vor fünf Jahren regte man sich." Im Gegensatz zur familienfreundlichen Politik der Franzosen, die Müttern frühzeitig eine Vereinbarung zwischen Kindern und Beruf ermöglichten, sei hierzulande nur auf "Rabenmüttern" verbal herumgeritten worden.

Laut Tatje müssen wir uns alle den Herausforderungen stellen. "In Zukunft sind wir auf Menschen mit Migrationshintergrund angewiesen. Das heißt, ohne sie geht gar nichts mehr. Wir werden also viel Geld für die Bildung und Integration dieser Menschen ausgeben müssen."

Trotz einer Vielzahl an Versäumnissen bleibt die Soziologin optimistisch: "Nicht nur die Politiker haben erkannt, dass wir viele gute Ideen und vor allem viele Kinder brauchen, um die Goldene Generation bei Laune zu halten."

Von Rudi Pistilli

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