Viele Eltern unterschätzen Gefahr durch Kinder im Auto

Der Blick nach hinten ist gefährlich.
Der Blick nach hinten ist gefährlich.
Foto: Getty
Was wir bereits wissen
Eltern lassen sich am Steuer von den Kindern ablenken. Sie schauen nach hinten, reichen etwas an und verlieren dabei die Straße aus den Augen.

Duisburg.. Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen (UDE) warnen: Eltern lassen sich am Steuer von ihren Kindern sehr stark ablenken. Mütter und Väter drehen sich in der Spitze einmal pro Minute zu ihren Kindern herum und legen viele Meter praktisch im Blindflug zurück. Das ergab eine Studie von Dr. Stephan Papst am CAR Center der UDE, die dieser Zeitung vorliegt. Der Psychologe, selbst Vater von drei kleinen Kindern, sagt: „Eltern müssen sich stärker disziplinieren.“ Kinder verunglücken im Straßenverkehr am häufigsten im Auto ihrer Eltern.

Auto Papst, 32-jähriger Wirtschaftspsychologe im Bereich Konsumverhalten aus Leipzig, zeichnete per Videokamera auf dem Armaturenbrett halbstündige „Probefahrten“ von rund 60 Fahrern mit und ohne Kind (bis 6 Jahre) auf der Rücksitzbank auf, wertete das Verhalten aus und befragte die Eltern. Mitgetragen wurde die Studie durch die pronova Betriebskrankenkasse. Die Ablenkung am Steuer durch Kinder ist demnach vergleichbar mit dem Aufmerksamkeitsverlust von Alleinfahrern durch den risikoreichen Gebrauch von Smartphones und Handys während der Fahrt.

Oft drehen sich Eltern grundlos zu den Kindern um

Dabei wenden sich viele ihren Kleinkindern (bis ein Jahr alt) überwiegend grundlos zu, da diese während der Fahrt meist ruhig sind oder sogar schlafen. Papst: „Eltern müssen sich klarmachen: Wenn das Kind ruhig ist, ist auch alles in Ordnung.“ Insgesamt ist die Ablenkung durch Kleinkinder genauso hoch wie durch die Unterhaltung mit Kindern im Alter von 6 Jahren, obwohl dies von den Eltern nicht so empfunden wird. Häufig wird den Kindern etwas angereicht, beispielsweise Essen und Trinken. Dies lasse sich durch bessere Planung vor einer Fahrt entschärfen, so Papst.

Verschärft wird das Sicherheitsrisiko dadurch, dass Eltern häufig nicht auf eine Gelegenheit warten, um im Stand nach dem Rechten zu schauen und überhaupt nicht dazu bereit sind, für den Kontrollblick kurz anzuhalten. Und nur fünf Prozent der Probanden schafften es, mit ihren Kindern zu reden ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Dabei legt ein Auto bereits bei Tempo 50 in einer Sekunde fast 15 Meter zurück.

Optimal sind zwei Erwachsene im Auto

Familienvater Papst – seine Kinder sind fünf und drei Jahre sowie erst wenige Wochen alt – hat sein Verhalten aufgrund der Untersuchung geändert: „Ich halte jetzt öfter mal an, um mich um die Kinder zu kümmern.“ Grundsätzlich optimal seien zwei Erwachsene im Auto, von denen sich einer mit dem Nachwuchs beschäftigen können, auch wenn dies häufig natürlich realitätsfremd sei.

Reise-Spiele Die Ergebnisse der Forscher im Ruhrgebiet decken sich auch mit anderen Studien. Wissenschaftler der Monash University im australischen Melbourne fanden bei ihrer ähnlich angelegten Untersuchung heraus, dass Kinder im Vergleich zu Handys sechsmal so häufig ablenken können. Während einer nur viertelstündigen Fahrt verloren Eltern im Schnitt fast dreieinhalb Minuten lang den Blickkontakt zum Straßenverkehr.

Kinder im Auto richtig sichern

Aufgrund der Vergleichbarkeit waren bei der Studie der Universität Duisburg-Essen die Kinder stets auf der Rücksitzbank untergebracht. Zu Kindern auf dem Beifahrersitz lasse sich zwar ohne komplettes Herumdrehen des Kopfes Blickkontakt herstellen, so Stephan Papst. Allerdings sei unklar, ob durch den einfacheren Kontakt nicht auch die Anzahl der Ablenkungen steige.

Auf welchem Platz im Auto sind Kinder am sichersten aufgehoben? Auf diese oft gestellte Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Theoretisch ist der Mittelplatz auf der Rücksitzbank am besten, weil er beim häufigen Seitenaufprall-Unfall die größte Knautschzone bietet. Aber nur dann, wenn es sich um einen vollwertigen und nicht um einen schmaleren Notsitz handelt, so Stiftung Warentest. Der Kindersitz muss wackelfest stehen, ein Dreipunktgurt ist natürlich Pflicht.

Auf dem Beifahrersitz profitieren auch Kinder von der Schutzwirkung der Airbags. Absolute Ausnahme: Rückwärts gerichtete (Reboard) Babyschalen dürfen niemals vor einem aktiven Frontairbag montiert werden. Er könnte dem Säugling oder Kleinkind das Genick brechen.

Ältere Autofahrer sind häufig der Ansicht, dass ein Kindersitz nur auf der Rücksitzbank installiert werden darf. Dies war vor über zwei Jahrzehnten auch so. Seit 1993 ist die gesetzliche Grundlage anders. Empfehlenswert ist die kostenlose Broschüre „Kinder sichern im Auto“ von der Unfallforschung der Versicherer, auch als Download im Internet unter udv.de.