Videoplattform in der Kritik

Berlin..  Unter Teenagern ist es angeblich der Renner, für Jugendschützer hingegen ein Alptraum: Younow heißt der Dienst im Internet, dessen überwiegend junge Nutzer sich filmen und die Aufnahmen live ins Netz übertragen. Jeder kann zusehen und im Chat Kontakt aufnehmen. Das alarmiert Beobachter: Jugendschützer warnen vor Gefahren, auch das Familienministerium ist beunruhigt.

„Kommunikationsplattformen wie Younow sind hoch problematisch“, sagt ein Sprecher des Ministeriums. Das Netzwerk verleite junge Nutzer, Einblicke in deren Privatsphäre zuzulassen – meistens seien sie eindeutig identifizierbar. Die Nutzer „erleichtern so Mobbing durch Gleichaltrige und sexuelle Belästigungen durch Erwachsene“.

Nutzer benötigen nur einen Rechner mit Internetzugang und eine Webcam. Auch per Smartphone mit Kamera und App funktioniert der Dienst. Wer selbst Videos senden will, muss sich anmelden – Zuschauen und Chatten funktioniert ohne Anmeldung. „Was machst du da mit der Nase“ oder „Bitte sing mal was hast schöne Zähne hahaha“ lauten Kommentare. Beliebte Themen erscheinen als Schlagworte, etwa #deutsch-girl oder #deutsch-boy.

In den USA gibt es die Plattform seit 2011. Seit Ende vergangenen Jahres sind auch die Nutzerzahlen hierzulande gestiegen. „Besonders die Einfachheit von Younow fasziniert Jugendliche“, sagt Otto Vollmers, Geschäftsführer des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM). Damit testen Jugendliche ihre Wirkung im Wettstreit mit anderen Nutzern aus, wie Fachleute sagen. Beliebte Stars auf der Videoplattform YouTube hätten angefangen, Younow zu nutzen – so entdeckten auch ihre jugendlichen Fans den Dienst, erklärt das Familienministerium.

„Wenn man sich mal durch die Videos klickt, sieht man schnell die eindeutigen Fragen und Kommentare von Nutzern“, heißt es in ei­nem Bericht auf der Internetplattform Juuuport von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt. Ei­ne 13-Jährige wird dort aufgefordert: „zeig mal deinen bh“, ein anderer Nutzer fragt: „sind deine eltern nicht zu hause mein kind?“. Wer die Fragen stelle, sei unklar: „Ist es ein 52-Jähriger oder ein süßer 16-jähriger Mitschüler?“

In einer Nachricht an die deutschen Nutzer reagierten die Betreiber von Younow auf die Kritik. „Wir nehmen diese Angelegenheiten sehr ernst“, steht in einem Blogeintrag von Anfang Februar. „Wir haben ein Moderationsteam, das 24 Stunden am Tag arbeitet, um User zu verbannen, die gegen unsere Regeln verstoßen“, heißt es in etwas gestelztem Deutsch. Die Nutzung sei nur Jugendlichen ab 13 Jahren gestattet. Eine verletzende Sprache sei verboten. Mit einem Melde- und Blockiersystem sollen Verstöße geahndet werden.

Angaben werden nicht überprüft

Younow „betreibt jedoch keine Vorsorge, um Kinder und Jugendliche wirkungsvoll vor Übergriffen und Gefährdungen zu schützen“, moniert der Sprecher des Familienministeriums. „Altersangaben werden nicht verifiziert und das Angebot lässt sich nicht so einstellen, dass die Zugänglichkeit von Live-Streams beschränkt werden kann.“ Kurzum: „Für Kinder ist der Dienst nicht geeignet.“

Der Berliner Medienexperte Thomas Feibel teilt die Bedenken zu Younow zwar, hält aber nichts von Panikmache. „Immer schneller kommen durch Internet und Smartphones neue Erziehungsherausforderungen auf die Eltern zu“, sagt Feibel. Nicht Verbote, sondern Aufklärung der Kinder seien sinnvoll. „Nur wer seinen Kindern feste Regeln vermittelt, muss vor der nächsten Herausforderung keine Angst haben.“