Vergewaltigung? TV-Star Bill Cosby unter Druck

Washington.. Sein Name steht für eines der erfolgreichsten Kapitel in der amerikanischen Fernsehgeschichte. Als Dr. Heathcliff „Cliff“ Huxtable zog Bill Cosby in den 80er Jahren nicht nur seine Serien-Kinder mit Charme, Härte und Nachsicht groß. Sondern gewissermaßen auch eine ganze Fernsehnation. Die „Cosby Show“, später auch in Deutschland quotenträchtig, war bis 1992 das Maß aller rassenübergreifenden Familien-Unterhaltung.

Sie machte den aus prekären Verhältnissen stammenden Protagonisten zum Multi-Millionär, inoffiziellen Menschenbildungsminister und zu einem der einflussreichsten Afro-Amerikaner des vergangenen Jahrhunderts. Die humorvolle Strenge, die der begnadete Komödiant vor der Kamera ausstrahlte, steht in krassem Gegensatz zu Vorwürfen, die eine ehemalige Schauspiel-Kollegin jetzt in der „Washington Post“ erhebt. „Dieser Mann hat mich unter Drogen gesetzt und vergewaltigt“, sagt Barbara Bowman, „wie ein Monster ist er über mich hergefallen“. Über Jahre.

Die 47-Jährige war 17, als sich Cosby ihr Vertrauen erschlichen haben soll. Durch „Gehirnwäsche“ habe er sie dazu gebracht, in dem heute 77-Jährigen eine Vaterfigur zu sehen, die ihre Karriere richtig lenken wird. Stattdessen ging‘s ins Bett. Immer wieder habe sich der Star an dem blonden Model vergriffen, das heute zweifache Mutter ist und in Arizona lebt.

Älteren Semestern wird die Anklage bekannt vorkommen. Bereits 2005 brachte die Kanadierin Andrea Constand ähnliche Vorwürfe vor. Inklusive anonymen Geständnissen von 13 anderen Frauen, die ebenfalls in die Fänge Cosbys geraten sein sollen. Eine davon war Bowman. Zur Anklage kam es nie. Nachdem Cosbys Anwälte mit dem Versuch gescheitert waren, Constand als Lügnerin darzustellen, einigten sich die Parteien außergerichtlich. Cosby erkaufte sich mit einer hohen Summe Stillschweigen. Gras wuchs über die Sache. Bis Hannibal Buress den Mund auftat.

Ausgerechnet in Cosbys Heimatstadt Philadelphia ließ der junge, schwarze Komiker auf der Bühne unlängst eine Breitseite gegen die lebende Legende los, die sich via soziale Netzwerke hunderttausendfach verbreitete. Kurzfassung: Cosby, der vor einigen Jahren als Schulmeister auftrat und Gewalttendenzen und Macho-Gehabe bei afro-amerikanischen Männern geißelte, sei ein „verfluchter Serien-Vergewaltiger“, der weder Respekt, Verehrung noch Nachsicht verdiene.

Bowman sah das Video im Netz und nahm, nachdem über ein Jahrzehnt ihre Interviews mit Radio-Sendern, Zeitungen und Zeitschriften keine öffentliche Erregungskurven auslösten, erneut einen Anlauf, um ihre Geschichte zu erzählen. Sie will kein Geld. Sie will ein Geständnis des Mannes, den sie als ihren Peiniger sieht. Tamara Green (58) ist an ihrer Seite. Auch sie ein Opfer. Gegenüber dem Magazin „People“ erklärte die pensionierte Staatsanwältin: „Bill Cosby dachte, ein Star wie er steht über dem Gesetz. Er wird immer ein kleiner Mann bleiben. Ein großer Mann würde sich zu seinen Fehlern bekennen.“

Das Denkmal bröckelt

Für Cosby wird die Situation heikel. Das Denkmal bröckelt. Und im Internet läuft sich die digitale Inquisition warm. „Bill, warum sagst Du nicht endlich was?“, fragen Leserinnen des „Hollywood Reporter“. Das für ehrbaren Journalismus bekannte Radio NPR wollte Cosby in Washington just Gelegenheit zu einer Stellungnahme geben. „Da draußen sind Menschen, die Sie lieben und die etwas von Ihnen dazu hören möchten“, sagte Moderator Scott Simon. Zweimal drang leises Atmen durch den Äther. Funkstille. „Das Schweigen wirkte wie ein Geständnis“, sagte später eine Hörerin.

In eine ähnliche Situation will sich Cosby offensichtlich nicht mehr bringen lassen. Ein Auftritt in der Kult-Talkshow mit David Letterman wurde ebenso abgesagt wie ein Interview mit der schwarzen Rap-Ikone Queen Latifah. Den Druck auf Cosby wird das noch vergrößern.

Dr. Huxtable hat Amerika über viele Jahre gezeigt, wie es sich selbst gern sehen wollte. Nun will das Land wissen, wer der Mann wirklich ist.