US-Polizist steht nach Todesschüssen unter Mord-Anklage

Polizisten in Ferguson: Die US-Stadt war im vergangenen Jahr durch tödliche Schüsse auf einen Schwarzen in die Schlagzeilen geraten.
Polizisten in Ferguson: Die US-Stadt war im vergangenen Jahr durch tödliche Schüsse auf einen Schwarzen in die Schlagzeilen geraten.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Acht Schüsse, fünf davon trafen in den Rücken: Ein Video zeigt, wie ein US-Polizist einen unbewaffneten Schwarzen nach einer Verkehrskontrolle tötet.

Washington.. Dieses Video dreht Amerika trotz Ferguson, New York, Cleveland und all den anderen traugigen Orten, an denen zuletzt Schwarze unter dubiosen Umständen durch die Dienstwaffen weißer Polizisten starben, auf nie dagewesene Weise den Magen um. Es zeigt wie der 50-jährige Walter Scott nach einer lapidaren Kontrolle wegen eines kaputten Rücklichts am Auto in North Charleston im US-Bundesstaat South Carolina am Wochenende mit Officer Michael Slager in einen Disput gerät. In wenigen Minuten endet die Sache tödlich.

Scott, unbewaffnet, versucht in einem parkähnlichen Gelände zu fliehen, nachdem er Slager etwas aus der Hand geschlagen hat; offenbar die Elektroschockwaffe ("Taser") des Beamten. Als Scott etwa sechs, sieben Meter entfernt ist, krachen acht Schüsse. Acht. Fünf davon, so wird später eine erste Obduktion ergeben, treffen den vierfachen Vater in den Rücken. Slager, ein 33-jähriger Cop, knallt sein Opfer, man kann es nicht anders sagen, ohne Vorwarnung wie einen tollwütigen Hund ab.

"Er hat meinen Taser genommen"

Als Scott zusammenbricht, informiert Slager über Funk die Leitstelle. "Er hat meinen Taser genommen." Was nirgendwo zu sehen ist. Danach schreit der Beamte den im Sterben liegenden Mann an, seine Hände auf den Rücken zu nehmen. Er legt ihm Handschellen an und wartet ungerührt auf Verstärkung. Erste Hilfe? Fehlanzeige. Aber nicht nur das. Slager legt erkennbar einen Gegenstand, laut ersten Medienberichten handelt es sich um jene Elektroschockwaffe, die bei dem anfänglichen Gerangel zu Boden fiel, absichtsvoll in der Nähe des tödlich Getroffenen ab. Offenbar, "um später seine finalen Schüsse begründen zu können und Spuren zu verwischen", wie ein ehemaliger Richter am Abend dem TV-Sender CNN sagte.

Kriminalität Allein auf Grundlage der von einem bisher nicht identifizierten Passanten mit der Handy-Kamera aufgenommenen Szenen, die zuerst der "New York Times" zugespielt wurden, ist Michael Slager am Dienstagnachmittag in einem seltenen Akt behördlicher Entschlossenheit gefeuert, verhaftet und wegen Mordes angeklagt worden. Kommt es zu Prozess und Urteil, droht dem Ordnungshüter die Todesstrafe oder lebenslänglich. Ein Anwalt, der ihn zunächst betreute, legte später sein Mandat nieder.

Ohne das Handy-Video wäre Wahrheit "nie ans Licht gekommen"

Obwohl die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, haben sich Schlüsselfiguren in der 100.000-Einwohner-Stadt unter dem Eindruck der unerträglichen Bilder festgelegt. "Wenn du falsch liegst, liegst du falsch", sagte Bürgermeister Keith Summey der Lokalzeitung "The Post and Courier". Slager habe eine "falsche Entscheidung" getroffen. "Er muss nun mit den Konsequenzen leben."

Rassismus Anthony Scott, einer der Brüder des Opfers, nannte den unbekannten Video-Filmer bei einer improvisierten Pressekonferenz einen "Helden", ohne den die Wahrheit "wohl nie ans Licht gekommen wäre".

Hunderte Menschen jedes Jahr durch Polizisten erschossen

Laut offizieller Statistik erschießen Polizisten in Amerika Jahr für Jahr Hunderte Menschen in teilweise banalsten Situationen wie Auto-Kontrollen. Eine falsche Bewegung, der Griff ins Handschuhfach oder in die Seitenablage reicht oft als Auslöser. Häufigste Begründung der Cops: "Ich habe um mein Leben gefürchtet." Nur in den allerwenigsten Fällen müssen sich Polizisten gerichtlich verantworten. Und wenn, dann wird ihrer Darstellung mangels lebendigen Widerspruchs in der Regel geglaubt. Selbst Video-Beweise, wie bei der erschütternden Behandlung des schwarzen Zigaretten-Verkäufers Eric Garner, der im vergangenen Sommer in New York von einem Polizisten in den Schwitzkasten genommen wurde und an den Folgen starb, zählen oft nicht.

Im Fall Slager liegen die Dinge anders. Lokale Polizei und Justiz haben ungewöhnlich rasch gehandelt und sind mit ihrem Zugriff der Bundespolizei FBI und dem Justizministerium in Washington zuvorgekommen. Nach Einschätzung von Kriminal-Experten eine "richtige Entscheidung". Nachdem im vergangenen Sommer der unbewaffnete Teenager Michael Brown (18) in der Kleinstadt Ferguson in Missouri von einem weißen Polizisten erschossen worden war und der Beamte nicht einmal angeklagt wurde, kam es zu schweren Ausschreitungen. In North Charleston blieb es gestern Nacht ruhig. Der Schock über das Video von Walter Scott und Michael Slager sitzt offensichtlich zu tief.