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Überlebende der Katastrophe von Bangladesh in Deutschland

10.04.2014 | 17:35 Uhr
Shila Begum ist 26 Jahre alt, hat eine Tochter, aber kann seit dem Unglück nicht mehr arbeiten.Foto: Matthias Graben

Frankfurt.   Shila Begum überlebte den Fabrik-Einsturz in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Sie wurde schwerverletzt, noch immer hat sie starke Schmerzen. Ein Jahr danach bereist sie Europa – um den Textilunternehmen zu sagen, „dass die Opfer noch kein Geld bekommen haben“.

Allein die Reise war für Shila die Hölle im Himmel. Das brummende Flugzeug, es erinnerte sie an die todbringenden Generatoren, manchmal sackte es ein Stück in die Tiefe, wie damals der Boden unter ihren Füßen. Und jetzt sitzt sie schon wieder hoch oben, elfter Stock eines Büroturms in Frankfurt, Shila Begum hat Angst. „Dass das Haus einstürzt.“ Wie vor einem Jahr ihre Fabrik im Rana-Plaza-Gebäude von Dhaka, Bangladesch.

Shila Begum, 26, war darin, eine Näherin unter Tausenden; sie hat überlebt, anders als 1135 andere, schwer verletzt wie 1500 andere. Nun ist sie in Europa, eingeladen von der internationalen Kampagne für saubere Kleidung, sie ist „gekommen, um den Leuten zu sagen, dass die Opfer kein Geld bekommen haben“. Noch immer nicht, ein Jahr danach. Es gibt einen Entschädigungsfonds, aber viel ist noch nicht drin; die Textilunternehmen sollen zahlen, die im billigen Bangladesch fertigen ließen, aber viele tun sich schwer damit.

Shila arbeitete sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag

Shila kannte die Namen dieser Firmen nicht, für die sie arbeitete, sechs Tage in der Woche, mindestens zehn Stunden. T-Shirts machte sie und Hosen, sie zeigt auf die Jeans, die jemand trägt im Raum. Am Anfang durfte sie nur Fäden abschneiden, später nähte sie eigene Stücke, für Europa, haben sie ihr nun erzählt. Shila zieht so etwas nicht an, sie trägt Sari oder Salwar, eine Hose mit weitem Oberteil und Schal, an diesem Tag mit grünen und lilafarbenen Blumen.

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Fröhlich sieht das aus, steht aber mit der fast schreiend bunten Strickjacke in schmerzhaftem Kontrast zu ihren müden, traurigen Augen. Meist blickt sie damit ins Leere, Shila schaut die Menschen nicht an, denen sie ihre Geschichte erzählt, fast tonlos. Davon, wie es in ihr aussieht, sprechen die Tränen, die ihre großen schwarzen Augen füllen, die still über ihr Gesicht laufen.

"Ich nähte, um unsere Bäuche zu füllen"

Shila Begum hat arbeiten müssen, sie hat ein Kind, ihr Mann ist früh gestorben. Also zog sie in die Stadt, wie es so viele tun in ihrer Heimat, „ich nähte, um unsere Bäuche zu füllen“, sagt sie und lächelt leise. Sie hat die Risse gesehen in dem mehrstöckigen Gebäude, das höher gebaut war als erlaubt, in jeder Etage eine Kleiderfabrik und ganz oben die Generatoren. Aber die Aufseher haben sie hineingetrieben, sie drohten, kein Gehalt zu zahlen, sie schlugen mit Stöcken, sagt Shila, es gebe keine Gefahr, alles sei überprüft.

Dann fiel der Strom aus. Es war der 24. April, morgens um acht, die Generatoren sprangen an und machten das Haus zittern – und brechen. „Big Bang“, sagt der Übersetzer, Shila fühlte, „wie es abwärts ging“. Die Nähmaschine verschwand, ein Teil des Daches klemmte ihre Hand ein, eine Säule bohrte sich in ihren Bauch. „Überall waren tote Körper.“ 16 Stunden hat sie so gelegen, manchmal ohnmächtig, manchmal schreiend, manchmal weinend: „Ich dachte, ich sehe meine Tochter nie wieder.“ Dann kamen die Retter, zerrten die Betonplatten weg, brachten sie ins Krankenhaus.

Katastrophen des Jahres

Sie haben sie operiert, aber ihre Gebärmutter nicht retten können. Shila wird keine Kinder mehr bekommen können, hat noch immer Blutungen. In ihrem Arm ist eine Sehne gerissen, sie trägt eine Bandage, der Unterarm liegt schwer auf dem Tisch, sie legt immer ein Taschentuch darunter. Ihre Hand tut furchtbar weh, sie kann nicht mehr greifen, wie soll sie so Geld verdienen? Ihre zehnjährige Tochter lebt jetzt bei einer Schwester, 250 Kilometer weit weg, trotzdem fährt Shila ab und zu hin, hinten auf einem Mofa, sie bringt ihr etwas Schulgeld. Sie selbst wohnt in einem einfachen Lehmhaus mitten in der Stadt, ein feuchtes, warmes Zimmer nur, das sie mit einer anderen Schwester teilt.

Eine „Geschichte des Todes“

Die Textilgewerkschaft gibt ihr etwas dafür, dass Shila sich einsetzt für die Opfer, „ich würde mehr tun“, sagt sie und erhebt plötzlich kämpferisch ihre Stimme, „wenn alle Geld kriegen“. Am Donnerstag hat sie deshalb vor der Tür einer Modefirma im Hessischen geredet, ein paar deutsche Gewerkschafterinnen waren auch dabei und die Frauen der Kampagne für Saubere Kleidung. Eigentlich gefällt Shila, was sie in Europa sieht, sie sagt, sie komme „mit einer Geschichte des Todes und erfahre so viel Freude“.

Jemand hat ihr erzählt, die Frauen in den Textilfabriken von Dhaka bekämen jetzt mehr Geld, 66 Dollar im Monat. Shila Begum kriegt nichts davon, sie kann ja nicht arbeiten, sie kann nur erzählen, aber das macht sie gut. „Unser Leben hat auch einen Wert! Das will ich diesen Firmen sagen!“

Annika Fischer

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Überlebende der Katastrophe von Bangladesh in Deutschland
Überlebende der Katastrophe von Bangladesh in Deutschland
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2014-04-10 17:35
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