U-Bahn-Ticket gegen Kniebeugen - Mexiko bekämpft Übergewicht

Was wir bereits wissen
Die Menschen in Mexiko gehören zu den dicksten der Welt. 70 Prozent sind fettleibig. Mit ungewöhnlichen Methoden soll sich das jetzt ändern.

Mexiko-Stadt.. Die Stadtverwaltung von Mexiko-Stadt will mit einer ungewöhnlichen Fitnesskampagne gegen das Übergewicht ihrer Bewohner vorgehen. Wer zehn Kniebeugen macht, wird mit einer Fahrkarte für die U-Bahn belohnt. Von dieser Woche an stehen entsprechende Fitness-Apparate in mehreren Dutzend Metro-Stationen der Hauptstadt.

Aber das „Boleto“ ist nicht die einzige Belohnung. Die sportlichen U-Bahnfahrer bekommen auch noch eine kleine Quittung, die ihnen die verbrannten Kalorien auflistet. Allerdings ist zu befürchten, dass die Pendler die Energie gleich in Form des beliebten „Vitamin T.“ wieder zu sich nehmen. Tacos, Tortillas und Tortas (Sandwiches) gibt es an fast jeder U-Bahnstation zu kaufen und sie gehören zu den beliebtesten Mahlzeiten der Mexikaner.

Ganz Mexiko ist zu dick

Das hat mit dazu beigetragen, dass in dem zweitgrößten lateinamerikanischen Land Fettsucht und Diabetes dramatisch zugenommen haben. Ganz Mexiko ist zu dick, viel zu dick. Nirgendwo in der Welt ist die Zahl der Übergewichtigen und Fettleibigen in den vergangenen zwei Jahrzehnten so stark gewachsen wie hier. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung stieg seit 1980 auf knapp 70 Prozent.

Zum Vergleich: In Lateinamerika erhöhte er sich auf 61 Prozent. Nach einem Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat Mexiko vergangenes Jahr die USA als das Land mit den meisten Übergewichtigen abgelöst. Fettsucht sei keine Volkskrankheit mehr, sagt der Gastroenterologe Salvador Villalpando, der in der Kinderklinik Federico Gómez übergewichtige Kinder behandelt. „Es ist eine Epidemie“.

163 Liter süße Brausen trinkt jeder Einwohner pro Jahr

Zahlen unterstreichen das: Mexiko ist das Land mit dem höchsten Konsum an Cola und zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken weltweit. 163 Liter pro Jahr trinkt jeder Mexikaner im Schnitt, das ist fast ein halber Liter am Tag. Chips, Kohlehydrat-haltiges Essen und Süßigkeiten haben traditionelles und gesundes Essen verdrängt.

Drogenkrieg Also beschloss die Regierung ein Maßnahmenpaket und verbot TV-Werbung für Kinderprogramme, schuf eine Gesundheitsabgabe von 1 Peso (0,06 Euro) pro Liter auf zuckerhaltige Brausegetränke. Zudem wird auf Süßes und Salziges eine Acht-Prozent-Sondersteuer erhoben. Beide Abgaben zusammen, so schätzt die Regierung, spülen 24 Milliarden Pesos (rund 1,4 Milliarden Euro) in die Staatskasse.

70 Prozent der Kinder krank

Das sei nicht genug, kritisieren Verbraucherschützer. Denn die direkten und indirekten Kosten von Übergewicht und Diabetes belaufen sich in Mexiko jedes Jahr auf umgerechnet 4,8 Milliarden Euro.

Besonders dramatisch ist die Situation bei den Kindern. Dr. Villalpando behandelt schon Einjährige mit krankhafter Fettsucht. Alarmierend ist, dass 70 Prozent der kranken Kinder Diabetes Typ 2 haben, also die Zuckerkrankheit, die durch ungesunden Lebenswandel und falsche Ernährung hervorgerufen wird.

Villalpando warnt: „Wir haben im Jahre 2030 die ersten Fälle von Frühverrentung und Berufsunfähigkeit wegen Fettsucht, Zuckerkrankheit und den Folgeerkrankungen“, sagt er und ergänzt: „Die Generation der heute zehn- bis 15-jährigen ist die erste, deren Lebenserwartung geringer ist als die ihrer Eltern.“