Stressresistente Piloten-Seelsorger
15.06.2008 | 18:57 Uhr 2008-06-15T18:57:22+0200Düsseldorf. Es gibt Menschen, die hätten an seiner Stelle Angst. Angst, auch nur eine Sekunde nicht aufmerksam zu sein. Angst, eine falsche Anweisung zu geben. Nicht aber Thomas Szigat. ...
... Wenn er in 84 Metern Höhe "an Bord" sitzt - wie der Fluglotse sein Arbeitspult im Tower am Flughafen Düsseldorf nennt - strahlt er Gelassenheit aus. "Niemand redet dem Lotsen bei seiner Arbeit rein. Hier bin ich der Boss." Szigat lacht. "Fluglotsen sind allgemein sehr überzeugt von sich."
Das Mikrofon liegt locker in seiner Hand. Der Blick schweift entlang der dichten Wolkendecke. Bis ein Rauschen aus dem Lautsprecher ertönt. Dann blickt er ins Schwarze. "Guten Tag, AB 522 on final runway two three right." Der Pilot der Air Berlin Nummer 522 bittet um Landeerlaubnis. Szigat blickt vom schwarzen Radarschirm auf, gibt Windwerte durch und die Nordpiste zur Landung frei. Wie ein Echo hallen die Worte des Lotsen zurück. "Ich muss sicher sein, dass mich der Pilot verstanden hat."
Szigat blickt zurück auf den Radarschirm. Auf einer verlängerten Grundlinie der Landebahn nähern sich gelb-weiße Buchstaben- und Zahlenkombinationen. Sie geben Aufschluss über Flugnummer, Geschwindigkeit und Höhe. "Die Maschinen werden in Abständen zwischen drei bis sechs Meilen zur Landung geführt." Die Air Berlin ist jetzt die Nummer eins zur Landung. Höhe 900 Fuß.
Keine Zeit zum Zurücklehnen. Ein Flugzeug aus Dublin ist bereits gelandet, quert die Südpiste. "Aer Lingus 692 taxi via Bravo, Mike, and Sierra to Position A16", ruft der Lotse links von Szigat ins Mikro. Mit dem Alphabet der Flugbranche dirigiert er die Maschine über die Rollwege in ihre Parkbucht. Szigat lauscht mit einem Ohr und verfolgt mit den Augen ein Fahrzeug, das die Landebahn zur Kontrolle abfährt. Es muss am Ende der Piste sein, bevor die nächste Maschine durch die Wolkendecke stößt. Die Zeit drängt. Rechts von Szigat tippt ein dritter Kollege die genauen Startzeiten der fliegenden Schwergewichte ein, während ein vierter Lotse die Anlassfreigabe für eine Lufthansa bestätigt.
In einer Stunde bearbeitet Szigat um die 45 Starts und Landungen. "Manche der Piloten kenne ich. Mit ihnen scherzt man ab und an kurz über Funk." Während er spricht, beobachtet er, wie die Air Berlin ihre Nase durch die grauen Wolken schiebt. Wie eine Feder scheint sie auf der Rollbahn aufzusetzen. Aus Lotsensicht völlig lautlos. Die unter freiem Himmel ohrenbetäubenden Turbinengeräusche werden von den Fensterscheiben des Towers erstickt. Meter für Meter verfolgt Szigat, wie die Air Berlin die südliche Startbahn kreuzt. Am Anfang der Bahn wartet bereits das Flugzeug einer niederländischen Airline auf Starterlaubnis. "Die muss warten", befiehlt der Lotse. "Es kommt öfter vor, dass wir Maschinen vertrösten müssen. Dann sind wir eine Art Seelsorger." Nur zwei Stunden am Stück darf Szigat arbeiten. Eine Zeit, in der er sich keinen Fehler erlauben kann. "Ich bin mir meiner Verantwortung sehr wohl bewusst. Aber ich mache mir keine Gedanken, wie viele Menschen in dem Flugzeug sitzen."
Mit einem Ohr lauscht Szigat, wie der Rollverkehrslotse die Air Berlin in die Parkbucht führt. Dann erteilt er der niederländischen Maschine Starterlaubnis, blickt ihr nach, bis sie zwischen den dichten Wolken verschwindet. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ab zweitausend Fuß übernimmt der Radarlotse im Center in Langen (Hessen).
Die Augen nimmt Szigat nie vom Verkehrsbild, hin und wieder scherzt er mit den Kollegen. Zum Beispiel wenn Prominenz einfliegt. "Wenn Robbie Williams im Flugzeug sitzt, überlegen wir schon, ob wir den nicht eine Runde extra fliegen lassen sollen", verrät Szigat augenzwinkernd.
Gelassene Momente, doch es gibt auch andere. Mit ernster Miene deutet Szigat auf die Kreuzung, wo gelandete Flugzeuge die südliche Bahn queren. "Genau dort wurde es einmal brenzlig. Eine Maschine sollte dort stehen bleiben, bis eine andere gestartet war. Es gab ein Missverständnis im Cockpit. Das Flugzeug fuhr auf die Kreuzung. Die startende Maschine überflog es in geringer Höhe", erinnert sich Thomas Szigat. "In solch haarigen Situationen schießt Adrenalin hoch. Da altert man in kurzer Zeit ganz schön."
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