Stress verschlimmert Hautkrankheiten

Schöne, problemlose Haut. Stress kann diese negativ beeinflussen.                                                           Foto: Imago
Schöne, problemlose Haut. Stress kann diese negativ beeinflussen. Foto: Imago
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Was wir bereits wissen
Viele Hauterkrankungen mit Ausschlag oder Juckreiz werden durch Stress verstärkt oder sogar verursacht. Denn Haut und Seele hängen eng zusammen. Stress schwächt das Immunsystem – und wirkt so negativ auf die Haut ein.

Leipzig/Heidelberg.. Wir schämen uns und werden rot. Wir erschrecken uns und werden blass. Wir sind aufgeregt und unsere Hände werden feucht. Auch Stress kann auf die Haut einwirken: Er schwächt das Immunsystem, die Schutzmechanismen der Haut werden gestört und sie wird anfälliger für Krankheiten – chronische oder akute.

Eine ganze Reihe von Hautproblemen könne durch Stress verstärkt oder sogar verursacht werden, erklärt Kurt Seikowski, Psychologe an der Klinik für Dermatologie des Uni-Klinikums Leipzig und Mitglied des Arbeitskreises Psychosomatische Dermatologie. Stress sei ein wichtiger Faktor bei vererbten Krankheiten wie Psoriasis, also Schuppenflechte, und Neurodermitis. Die durch juckende Quaddeln gekennzeichnete Urtikaria oder Nesselsucht sei zu 80 Prozent psychisch bedingt.

Ebenso gebe es stressbedingten Juckreiz, oft bei sehr trockener Haut, der auch ganz ohne Ausschlag auftreten könne. Häufig gebe es stressbedingte Hautprobleme wie Urtikaria bei Menschen über 40, die nicht einsehen wollten, dass ihre Leistungsfähigkeit abnimmt. „Sie überfordern sich und es kommt zu einem Entspannungsdefizit“, erklärt Seikowski.

Dass Hautprobleme sich auf die Psyche auswirken, ist schon lange bekannt und anerkannt: Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft hat herausgefunden, dass schwere Hauterkrankungen, die Patienten mit ständigem Juckreiz oder entstellendem Ausschlag quälen, die Lebensqualität ähnlich einschränken wie Herzkrankheiten oder Diabetes. Dass umgekehrt psychische Probleme sprichwörtlich unter die Haut gehen können, wurde jedoch lange wenig beachtet.

Autogenes Training und Fantasiereisen

„Heute ist das alte Vorurteil „Hier ist etwas zu sehen, also kann es nicht psychisch sein“ vom Tisch“, sagt Seikowski. Jüngere Hautärzte seien sehr offen für psychosomatische Zusammenhänge. Allerdings hätten gerade die niedergelassenen Mediziner wenig Zeit, den psychischen Problemen eines Patienten nachzugehen. „Ein guter Hautarzt schickt den Patienten aber weiter, zum Psychologen oder Psychotherapeuten.“

Oft könne man mit relativ einfachen Mitteln helfen: „Wenn die Hautprobleme auf reine Entspannungsdefizite zurückgehen, aber keine psychischen Defizite vorliegen, wirken zum Beispiel Autogenes Training und Progressive Muskelentspannung sehr gut“, sagt Kurt Seikowski. Bei zu großen oder vielen Probleme seien allerdings nur Einzelgespräche wirksam.

An der Universitäts-Hautklinik Heidelberg hat man die positiven Effekte von Entspannungstechniken schon lange erkannt. Seit 13 Jahren gibt es dort die „Balsam-Gruppe“, ein stationäres Angebot für Patienten mit Hauterkrankungen. „Besonderes Augenmerk legen wir auf psychologische und psychosoziale Komponenten“, sagt Katharina Wettich-Hauser, Krankenschwester, Diplom-Pflegewirtin und Koordinatorin der Gruppe. Das bedeutet: Die Kursleiter - Pflegekräfte sowie eine Sozialarbeiterin - vermitteln den Patienten Entspannungstechniken wie Atemübungen, Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Qi Gong oder Fantasiereisen.

Streit in der Familie, die allgemeine Lebensführung

Genutzt werde das Angebot vor allem von Psoriasis- und Neurodermitis-Patienten, erzählt Katharina Wettich-Hauser, seltener auch von Patienten mit Hand- oder Fußexzemen oder anderen Erkrankungen, vereinzelt von frisch Operierten. „Ein ganz großer Anteil von ihnen leidet unter Stress.“ In Gesprächen nach den Entspannungsstunden würden die Probleme konkret angesprochen: Überlastung im Job, Streit in der Familie, die allgemeine Lebensführung. Auch einen Walking-Kurs hat die „Balsam-Gruppe“, die 1998 auf Initiative einer Krankenschwester gegründet wurde, im Programm. Bewegung an der frischen Luft, so die Erfahrung von Katharina Wettich-Hauser, helfe den Hautkranken sehr, psychisch, aber auch körperlich.

Die Hauterkrankung gänzlich heilen könne man damit allerdings nicht immer, sagt Psychologe Seikowski: „Vererbte Krankheiten wie Neurodermitis oder Psoriasis kann man nur lindern. Sie treten dann seltener oder weniger intensiv auf.“ Juckreiz oder Urtikaria könnten indes durchaus für immer verschwinden. Die Patienten aus der Heidelberger „Balsam-Gruppe“ berichteten im Rahmen einer Studie, dass ihr Stressempfinden und Stressmanagement sich verbessert hätten. „Der Juckreiz geht zurück, der Schlaf wird besser und auch das Selbstbewusstsein im Umgang mit der Krankheit steigt“, erzählt die Koordinatorin.

„Autogenes Training sollte man ein Leben lang machen“

Voraussetzung ist natürlich, dass ein Patient offen dafür ist, seiner Krankheit nicht nur mit konventionellen Mitteln zu begegnen. Katharina Wettich-Hauser ist in dieser Beziehung durchaus zufrieden: Das Angebot der Heidelberger „Balsam-Gruppe“ werde durch alle Bildungsschichten und Altersgruppen hinweg gut angenommen, von Frauen ein bisschen besser als von Männern. Viele Leute seien offen dafür, den psychischen Ursachen ihrer Hautprobleme nachzugehen, sagt auch Psychosomatiker Seikowski, zumal wenn sie den Zusammenhang selbst erkannt hätten. „Es gibt aber auch Verdränger, die denken: Salbe drauf, es wird schon weggehen. Die kommen erst darauf, wenn sich die Erkrankung länger hinzieht.“

Wichtig für den Heilungsverlauf sei, dass die Patienten auch nach Abklingen der Beschwerden mit den Entspannungstechniken weitermachten. „Autogenes Training sollte man ein Leben lang machen“, sagt Kurt Seikowski, „denn wenn man aufhört, kommen die Beschwerden meistens wieder.“ Auch Katharina Wettich-Hauser gibt zu bedenken: „Die Patienten sollten nicht glauben, nach ein paar Stündchen sei die Sache gegessen.“ Für die Zeit nach der stationären Behandlung gibt man in Heidelberg den Patienten Infomaterialien und die benutzte Entspannungsmusik mit. Weiterhelfen könnten auch Entspannungskurse an Volkshochschulen, bei Krankenkassen oder in Fitnessstudios. „Patienten, die so weitermachen, sehen wir oft nie wieder“, sagt Katharina Wettich-Hauser - in diesem Fall eine gute Sache. (dapd)