Strauss-Kahn erneut vor Gericht

Dominique Strauss-Kahn – in Frankreich berühmt wie berüchtigt.
Dominique Strauss-Kahn – in Frankreich berühmt wie berüchtigt.
Foto: getty
Was wir bereits wissen
Er war Chef des Internationalen Währungsfonds und wurde noch vor drei Jahren als Frankreichs neuer Staatspräsident gehandelt. Doch Dominique Strauss-Kahn fällt seitdem immer tiefer und muss sich nun vor Gericht wegen „schwerer, gemeinschaftlicher Zuhälterei“ auf einer Sex-Party verantworten.

Paris.. Wie tief kann ein Mann fallen, der noch vor drei Jahren beste Aussichten hatte, Frankreichs Staatspräsident zu werden? Nachdem Dominique Strauss-Kahn als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) über ein letztlich eingestelltes Verfahren der US-Justiz wegen der versuchten Vergewaltigung eines Zimmermädchens stolperte, muss er sich nun wegen „schwerer, gemeinschaftlicher Zuhälterei“ vor einem französischen Gericht verantworten. Im Falle einer Verurteilung drohen dem 65-jährigen Sozialisten sogar zehn Jahre Haft sowie eine Geldstrafe von 1,5 Millionen Euro.

14 Männer und Frauen – unter ihnen zwei angesehene Unternehmer, ein Polizeikommissar und ein Bordellbesitzer – müssen Montag Nachmittag auf der Anklagebank im Justizpalast der nordfranzösischen Stadt Lille Platz nehmen. Doch die Aufmerksamkeit gilt alleine einem weißhaarigen und fülligen Mann, auf dessen versteinertem Gesicht sich keine Regung ablesen lässt: Dominique Strauss-Kahn. Wobei der Name des ehemaligen Polit-Stars nur beim Verlesen der Anklageschrift in voller Länge bemüht wird. Seinen Landsleuten, den Medien und dem Rest der Welt genügt das Kürzel „DSK“, mit dem er erst berühmt und dann berüchtigt wurde.

Richter von der Schuld überzeugt

„Wenn DSK ein Zuhälter ist, bin ich der Papst“, witzelt der mitangeklagte Dominique Alderweireld vor dem Prozessauftakt. Alderweireld sollte eigentlich wissen, wovon er spricht. Schließlich betreibt der besser als „Dodo la Saumure“ („Dodo, der Hering“) bekannte Franzose mehrere Bordelle im unweit von Lille gelegenen belgischen Grenzgebiet. Bloß taugt Alderweireld, dem Strauss-Kahn gerichtlich verbieten ließ, seinen jüngsten Sex-Club „DSK“ zu taufen, nicht so recht als Leumundzeuge.

Werbe-Gag Strauss-Kahn mit Dodo la Saumure in einen Topf zu werfen, bezeichnen die Verteidiger des Sozialisten als „völlig absurd“. Die Staatsanwaltschaft, die das Verfahren einstellen wollte, sieht das ähnlich. Doch die drei zuständigen Untersuchungsrichter sind von der Schuld des prominenten Angeklagten felsenfest überzeugt und setzten den Prozess durch.

Vor Gericht wird sich alles um die Frage drehen, wie tief DSK tatsächlich in die nach einer Nobelherberge der nordfranzösischen Metropole benannten „Carlton-Affäre“ verwickelt ist.

Sex-Partys und Orgien

In Lille, Paris, Brüssel und Washington nämlich hat Strauss-Kahn eingestandenermaßen an wilden Sex-Partys teilgenommen, die von seinen Mitangeklagten für ihn „arrangiert“ wurden. Den strafrelevanten Verdacht hingegen, ein Mitorganisator der Orgien gewesen zu sein, wies DSK von Anfang an vehement zurück.

Strauss-Kahn bestreitet auch, gewusst zu haben, dass die beteiligten Frauen Prostituierte waren. „Bei diesen Partys fielen die Hüllen“, so sein Anwalt Henri Leclerc, „und wer bitteschön kann eine nackte Prostituierte von einer nackten Dame von Welt unterscheiden?“. Laut Maître Leclerc nahm DSK als „geladener Gast“ der zwei angeklagten Geschäftsmänner an den Orgien teil und ignorierte, dass die anwesenden Frauen für ihre Dienste bezahlt wurden. Dieser Darstellung, die von den beiden Unternehmern bestätigt wird, widersprechen allerdings mehrere der angeheuerten Callgirls.

Sein Ruf gilt als ramponiert

Strauss-Kahn musste im Mai 2011 als IWF-Chef zurücktreten, nachdem er in New York unter Vergewaltigungsverdacht festgenommen worden war. Angeblich sollte er in einem New Yorker Luxushotel ein Zimmermädchen zum Oralsex gezwungen haben. In einem aufsehenerregenden Strafprozess wurde er später wegen der mangelnden Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens freigesprochen, ein ebenfalls anhängiges Zivilverfahren endete mit einer außergerichtlichen Einigung.

Obwohl seine politische Karriere – in deren Verlauf er sich als Wirtschaftsminister und IWF-Chef internationales Ansehen erwarb – beendet, seine zweite Ehe mit der Starjournalistin Anne Sinclair geschieden und sein Ruf ruiniert ist, verschwand DSK bislang keineswegs in der Versenkung. Wie früher jettet Strauss-Kahn um den Erdball, sei es um sein Aufsichtsratsmandat bei der staatsnahen russischen Rosneft-Bank wahrzunehmen, sei es als hoch bezahlter Regierungsberater im Sudan, in Serbien oder in Südkorea.