Sonde lüftet Geheimnisse des Kometen „Tschuri“

Was wir bereits wissen
Leicht wie Kork, 700 Meter hohe Klippen, ein Riss am Hals und Urmaterie in Löchern – Raumsonde liefert überraschende Daten von dem Kometen „Tschuri“.

Köln.. Im November legte „Philae“ beinahe eine Bruchlandung hin. Dreimal setzte der kleine High-Tech-Würfel auf dem Kometen „69P/Tschurjumow-Gerassimenko“ zum Touchdown an, bevor er schließlich in prekärer Schräglage auf dem Himmelskörper zur Ruhe kam. Doch vor der ersten Bodenberührung hatte er den Großteil seiner Aufgaben bereits erfüllt und wichtige Daten zur Erde übermittelt. Anschließend fiel der Lander in einen Tiefschlaf. Denn „Philae“ landete im Kometenschatten, die Solarelemente konnten die Batterien nicht genügend mit Strom versorgen. Je näher der Komet aber der Sonne kommt, desto größer die Hoffnung der Wissenschaftler, dass der Lander mit seinen Messgeräten wieder erwachen wird. Im Mai könnte es soweit sein.

Doch die Instrumente an Bord der Rosetta-Sonde arbeiten zuverlässig. Sie folgt dem mit 55 000 Stundenkilometern gen Sonne rasenden Kometen wie ein Schatten und sendet fortwährend Informationen zur Bodenstation. Jetzt haben die Wissenschaftler ihre Ergebnisse in einer Sonderausgabe des Fachmagazins „Science“ veröffentlicht. Aus dem Mosaikbild, das die ersten Daten lieferten, wollen die Forscher vor allem ablesen: Wie ist der Komet entstanden? War er ursprünglich ein einziger großer Körper oder kollidierten und verschmolzen irgendwann zwei Brocken, die Kopf und Körper des entenförmigen „Tschuri“ bilden?

„Das ist ein Durchbruch“

„Wir beobachten einen erwachenden Kometen“, sagt Holger Sierks vom Göttinger Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, einer der leitenden Forscher der Auswertung. „Zum ersten Mal können wir einen Kometen bei seinem Vorbeiflug an der Sonne mit einer Raumsonde begleiten.“ Die Instrumente von Rosetta liefern den Wissenschaftlern dabei den bisher genauesten Blick auf einen Schweifstern. Sierks: „Damit können wir versuchen, die Physik des Kometen und die Physik seiner Aktivität zu verstehen. Das ist aus meiner Sicht der Durchbruch.“

Die Daten enthüllen eine fremdartige Welt: Anders als viele Asteroiden weist Tschuri keinerlei Farbschattierungen auf. Er ist dunkel wie die Nacht, da er wegen seiner Oberflächenbeschaffenheit kaum Sonnenlicht reflektiert. „Effektiv ist er doppelt so schwarz wie Kohle“, so die Forscher. Überraschend vielfältig zeigt sich dagegen die „Landschaft“. Es gibt steile, bis zu 700 Meter hohe Klippen, Dünen aus Staub, Spalten und Geröllhalden – 70 Prozent der Oberfläche hat Rosetta bislang kartiert. In der Nähe des Halses und auf dem Rücken der „Ente“ haben die Forscher bis zu 200 Meter tiefe und 300 Meter breite, zylinderförmige Löcher entdeckt. Die Wände haben eine Art Gänsehaut – sie sind mit drei Meter großen Klumpen gepflastert. Dies könnte Urmaterie aus dem entstehenden Sonnensystem sein, vermuten die Wissenschaftler. Wenn das richtig ist, „blicken wir an dieser Stelle 4,5 Milliarden Jahre zurück in die Zeit, als die Sonne sich gerade zum Gravitationszentrum unseres Sonnensystems entwickelt hat“, erklärt Sierks.

Zum ersten Mal konnten die Forscher auch die Dichte eines Kometen bestimmen. Demnach besitzt Tschuri mit 470 Kilogramm pro Kubikmeter etwa die Dichte von Kork. Der Komet ist demnach ein Gebilde von verklumpten Eis- und Staubteilchen mit vielen Hohlräumen im Inneren. „Eine der interessantesten Entdeckungen ist aber der Nachweis von Kohlenwasserstoffverbindungen“, sagt Gabriele Arnold, Planetenforscherin am Kölner Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Damit sei erwiesen, dass es organische Verbindungen auf Kometen gebe. Es sind Vorläufer von Aminosäuren – und diese bilden im Erbgut den Code allen Lebens.