Skrupellose aller Hautfarben im Schweizer Tatort "Schutzlos"

Kommissarin Liz Ritschards (Delia Mayer) und ihre Kollegen Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser, l.) und der Drogenfahnder Franz Hofstetter (Andreas B. Krämer).
Kommissarin Liz Ritschards (Delia Mayer) und ihre Kollegen Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser, l.) und der Drogenfahnder Franz Hofstetter (Andreas B. Krämer).
Foto: ARD
Was wir bereits wissen
Ein hartes Flüchtlingsdrama im Drogenmilieu, überragend erzählt: Dieser Tatort lohnt sich, findet unser Kritiker. Er hat nur einen Einwand.

Essen.. Ein Schwarzer, erstochen am Ufer, Asylbewerber war er und im Drogenmilieu unterwegs, und abgeschoben hätte man ihn ohnehin schon bald: Kein großer Fall, findet der Luzerner Kripochef so zynisch wie pragmatisch, aber natürlich ist es doch einer. Und die Ausgangslage für einen „Tatort“, wie man ihn in solcher Härte und Tristesse kaum je erlebt hat. Autor und Regisseur Manuel Flurin Hendry ist mit seinem Blick auf das hoffnungslose Dasein afrikanischer Asylanten in einer Schweiz jenseits ihrer Bilderbuchwelten ein Kunststück gelungen, das sich den Gesetzmäßigkeiten gängiger Sozialdramen verweigert. „Schutzlos“ ist der perfekte Titel für 90 Minuten, die nachwirken im Kopf.

Skrupellose aller Hautfarben

Wie verführerisch ist es, den Zuschauer emotional zu überwältigen: hier die unbarmherzigen Behörden, dort die gepeinigten Flüchtlinge. Doch Hendry ist zu klug, um mit Klischees und Identifikationsangeboten billig zu punkten. Unter seinen Schwarzen sind Opfer und Täter, die andere Seite ist so vielschichtig, wie es diese Gesellschaft samt ihrer Spielregeln ist: Einwanderungsbeamte, die kühl ih­re Arbeit erledigen, Sozialarbeiter, die helfen, Polizisten, zwischen Pflichterfüllung und Mitleid hin- und hergerissen und Skrupellose aller Hautfarben, die das Elend anderer für sich ausnutzen.

Tatort Hendrys starker Hauptfigur, der jungen Jola (Marie-Helen Boyd), Schwester des Ermordeten, der als Drogenbote seine Schlepperkosten abarbeiten musste, kommt man nicht einmal richtig nahe, sie bleibt dem Betrachter über weite Strecken fremd. Ein mutiges und riskantes Regiemanöver, wenn sich das Mitgefühl beim Betrachter erst sehr spät einstellt. Aber es spiegelt unseren Blick auf diese Welt und ihre Menschen: Sie ist uns fremd.

Ausgetrieben, das puppige Luzerner Idyll

In dieser Welt zwischen Asylbewerberheimen, Hinterhöfen und verschmuddelten Straßenecken, denen das puppige Luzerner Idyll ausgetrieben wurde, suchen Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) den Mörder; Flückiger kämpft sich mit schwersten Kopfschmerzen durch den Fall, die ihn streckenweise halluzinieren lassen. Dieses oft zu Unrecht als spröde kritisierte Duo nimmt sich einmal mehr zurück, und doch ist stets spürbar, was die beiden im Leben antreibt.

ARD Kameramann Felix Novo de Oliveira hat den Bildern die Farbe nahezu entzogen, wie man es aus skandinavischen Krimis kennt, und die bedrückende Atmosphäre zwischen Verhörräumen und kargen Heimzimmerchen zusätzlich vereist. Gewalt entlädt sich explosionsartig, das Hinsehen wird für Augenblicke zur Herausforderung für das eigene Befinden.

Das dürfte dem Tatort-Publikum neu sein

Hendry erzählt viel über das Asylantendasein und seine paradoxen Regeln, und manches dürfte dem Millionenpublikum, das sich allsonntäglich zum „Tatort“ versammelt, neu sein. Das ist verdienstvoll, dramaturgisch aber nicht immer perfekt gelöst. Vor allem zu Beginn zwingt er seine Figuren in volkshochschulhafte Erklärungsdialoge. Das muss man eleganter lösen. Es ist der einzige Einwand.

Fazit: Schwerer Stoff für einen sonnigen Sonntagabend. Aber es lohnt sich.

ARD, Sonntag 20.15 Uhr