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Justizirrtum

Serienkiller muss wieder vor Gericht

21.03.2013 | 17:56 Uhr
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Serienkiller muss wieder vor Gericht
Francis Heaulme bei seiner Verhandlung im Jahr 1999.Foto: rtr

Paris.   Es ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle Frankreichs: Vor 26 Jahren wurden in Metz zwei achtjährige Jungen erschlagen. Schnell glaubte man, den Kindesmörder gefunden zu haben: den damals 16 Jahre alten Patrick Dils. Wie sich 2002, nach über zehn Jahren Haft, herausstellte, war er Opfer eines Justizirrtums. Jetzt glaubt die Justiz, den wahren Mörder gefunden zu haben: Francis Heaulme – ein Serienkiller.

Neun Menschenleben hat der berüchtigte Serienmörder Francis Heaulme schon auf dem Gewissen. Möglicherweise wird die Liste nun um zwei weitere Opfer verlängert. Die Berufungsinstanz im lothringischen Metz hat am Donnerstag entschieden, dass sich der 54 Jahre alte Franzose demnächst vor einem Schwurgericht für einen zweifachen Kindsmord verantworten muss, der schon 26 Jahre zurückliegt. Der Doppelmord von Montigny-lès-Metz im Département Moselle ist einer der erschütterndsten und verworrensten Kriminalfälle der französischen Justizgeschichte. Und ein spektakulärer Justizirrtum.

Der 28. September 1986. Nahe einem Bahndamm machen Spaziergänger eine grausame Entdeckung. An der Böschung finden sie die bestialisch zugerichteten Knaben Cyril Beining und Alexandre Beckrich, beide acht. Der Mörder hat ihnen mit einem Stein die Schädel zertrümmert. Ein halbes Jahr danach sind die Fahnder überzeugt, den Täter gefasst zu haben: Patrick Dils, einen unreifen 16-Jährigen. 36 Stunden lang nehmen sie den Kochlehrling in die Mangel – Dils gesteht die Tat. Zwei Jahre später verurteilt ihn das Schwurgericht: lebenslänglich.

Der Falsche saß15 Jahre in Haft

Doch dann nimmt der Fall eine überraschende Wendung. Patrick Dils widerruft das Geständnis, beteuert seine Unschuld. Aber 2001 wird er im Berufungsverfahren erneut schuldig gesprochen, diesmal zu 25 Jahren Haft. Erst im Jahr darauf – nach 15 Jahren hinter Gittern – räumt die Justiz ein, einen grandiosen Irrtum begangen zu haben. Patrick Dils, im Knast verprügelt, gedemütigt und mehrfach vergewaltigt, kommt frei.

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Der Falsche sitzt noch in Haft, da kommt bereits ein neuer Verdächtiger ins Spiel: Francis Heaulme. In den acht Jahren vor seiner Festnahme 1992 hat er neun Menschen getötet – mindestens. Dafür haben sie ihn zweimal zu lebenslänglich, dreimal zu 30, zweimal zu 20 und einmal zu 15 Jahren verurteilt. Sie nennen ihn den „mordenden Rucksack-Touristen“.

Dass Heaulme gefasst wird, ist eine Meisterleistung des Gendarmen Jean-François Abgrall, der ihm den Mord an Aline Peres (49) in Brest nachweist. Ihm gelingt ein Kunststück: Er bringt Heaulme zum Plaudern. Schon in einem der ersten Verhöre 1992 kramt der Serienkiller in seinen wüsten Erinnerungen – und berichtet mit erstaunlicher Präzision von zwei erschlagenen Kindern. Fatal: Abgrall gleicht Heaulmes Enthüllungen ab, kann ihnen aber keine unaufgeklärte Tat zuordnen. Wie auch? Die einzigen erschlagenen Jungen gab es damals in Montigny-lès-Metz – aber dafür saß Patrick Dils.

Beweislast war zu dünn

Doch Kommissar Abgrall hakt nach. Und bringt das Unfassbare zutage: Francis Heaulme hat sich am Tag des Doppelmordes in Montigny-lès-Metz aufgehalten, seine Arbeit befand sich nur 400 Meter vom Tatort entfernt. 2006 versuchen sie zum ersten Mal, Heaulme den Doppelmord anzulasten. Die Beweislast ist zu dünn. Später werden Zeugen gefunden, die Heaulme in der Nähe des Verbrechens gesehen haben: mit blutverschmiertem Gesicht. Und die Ermittler wissen: Diese unbeschreibliche Brutalität – das ist Heaulmes Handschrift. Doch der Killer beteuert: „Mein Stil, das ist das Opinel-Messer. Und ich erwürge mit bloßer Hand.“

Die Eltern von Cyril und Alexandre erleben seit 1986 ein fortwährendes Martyrium: Ihre Kinder sind seit 26 Jahren tot, aber die Tat ist noch ungesühnt. Auch im vierten Prozess gilt: keine Zeugen, kein Geständnis. Während die ­Beckrichs weiterhin davon überzeugt sind, dass Patrick Dils der Mörder ist, glauben die Beinings nun fest an Heaulmes Täterschaft.

Gerd Niewerth

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