Senioren-Vergnügen in Tokio
08.01.2009 | 12:32 Uhr 2009-01-08T12:32:00+0100Tokio. Das Vergnügungsviertel Sugamo in Tokio hat eine ungewöhnliche Zielgruppe. Nicht Studenten oder junge Berufstätige sollen sich hier amüsieren, sondern ältere Japenerinnen und Japaner. Bekömmliche Kost ist hier ebenso zu haben wie Unterwäsche in angesagtem Rot oder ein Zimmer im Stundenhotel.
Es geht laut und fröhlich zu bei den Gruppen, die am Wochenende in Tokios beliebtes Sugamo-Viertel strömen. Aber anders als sonst auf den angesagten Einkaufs- und Vergnügungsmeilen sind hier die Touristen meist grauhaarig und nicht selten mit Stöcken unterwegs. Da die japanische Bevölkerung im Durchschnitt immer älter wird, haben sich Händler in diesem nördlichen Bezirk der japanischen Hauptstadt auf die Interessen und Bedürfnisse von Senioren eingerichtet.
Die japanische Gesellschaft altert schnell
Die Läden in Sugamo profitieren vom schnellen Altern der japanischen Gesellschaft, wo bereits jeder fünfte der 127 Millionen Einwohner 65 Jahre oder älter ist. Wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit ins Rentenalter kommen, wird dieser Markt weiter wachsen.
Haruko Sugisawa von der Sugamoen-Bäckerei versichert seinen Kunden, ihre Backwaren seien alle bekömmlich und gesund: «Unsere Kuchen enthalten keine Chemie und wenig Zucker.» Nebenan floriert das winzige Restaurant Tokiwa Shokudo mit «Essen wie Zuhause». «Unsere Kunden sind fast immer alleinstehende ältere Männer», sagt Geschäftsführer Yuki Saito.
Rote Unterwäsche soll den Körper wärmen
Ein Muss für ältere Damen sind die Bekleidungsgeschäfte und deren Angebot an roten Dessous. Die traditionelle asiatische Medizin besagt, rote Unterwäsche wärme den Körper. Auch wenn viele am medizinischen Nutzen zweifeln und vor allem einen psychologischen Effekt vermuten, avancierte die rote Wäsche zum meist gekauften Geschenk für Japaner ab 60 Jahren.
"Unsere alten Damen fragen schon seit 15 Jahren nach roten Sachen», sagt Hideji Kudo von der Maruji-Boutique. Der Laden bietet eine komplette Kollektion im gleichen Rot - von der Unterwäsche über Hosen bis zu den Hüten. «80-Jährige kaufen Kleidung für ältere Menschen. Aber 60-Jährige wollen Kleidung, die sie jung aussehen lässt, und die ist schwieriger zu entwerfen», sagt Kudo.
Besonders viele Besucher an "Glückstagen"
Die eigentliche Attraktion des Viertels ist der Kogan-ji Tempel mit einer Statue der Gottheit Togenuki. Togenuki soll Beschwerden lindern helfen, wenn man an ihr reibt. «Ich habe Schmerzen in der Wirbelsäule, deshalb möchte ich Togenuki waschen», sagt Shizuko, eine Frau aus Yokohama in ihren Siebzigern. Kranke pilgern schon seit den Nachkriegsjahren zu dem Tempel.
Vor 30 Jahren stieg die Popularität von Sugamo noch an, als eine Zeitung es «Harajuku für Omas» taufte - in Anlehnung an das schicke, junge Harajuku-Viertel von Tokio. «Seither kommen mehr und mehr ältere Menschen hierher», sagt der 82-jährige Shigeru Yamanaka, Inhaber des Schuhgeschäfts Suzukiya. Besonders viele kommen am 4., 14., und 24. eines jeden Monats; diese Zahlen gelten als Glückszahlen.
Viele Senioren zieht es mit Freunden nach Sugamo, aber auch mit Liebhabern. Gerüchten zufolge soll es der Gesundheit förderlich sein, in Sugamo der Liebe zu frönen. So erfreuen sich auch die Stundenhotels in Sugamo regen Zulaufs. (AFP)
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