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Schöner leben mit Verschwörungstheorien

17.03.2009 | 12:05 Uhr
Schöner leben mit Verschwörungstheorien

Essen. Die Welt ist auf anstrengende Weise kompliziert: Finanzkrise, Klimawandel, Informationsflut... Es muss doch einer verantwortlich sein! Verschwörungstheorien geben Antworten und machen das Leben leichter. Das klingt unvernünftig? Ja, macht aber Sinn - sagen die Experten.

Sebastian Bartoschek hat etwas Ungewöhnliches vor. Der 29-jährige Psychologe aus Herne schreibt eine Doktorarbeit zum Thema Verschwörungstheorien. Was daran wirklich ungewöhnlich ist: Bartoschek arbeitet das Thema empirisch auf, er sammelt Daten und Fakten, er befragt – und möchte daraus am Ende dann Erkenntnisse ableiten. Einige spannende Ergebnisse hat er schon.

Unterschwellige Werbung und Bermuda-Dreieck

Könnte die Erde ein wachsender Organismus sein? Foto: Imago

Warum Sie das interessieren sollte? Vielleicht, weil Sie, wie 98 Prozent der Befragten, schon einmal vom Schiffe schluckenden und Flugzeuge fressenden Bermuda-Dreieck gehört haben. Und vielleicht gehören Sie zu der gar nicht kleinen Gruppe von Deutschen, die an die Existenz von „unterschwelliger Werbung“ glaubt: Demnach flimmern für Sekundenbruchteile Werbebilder über den Fernsehbildschirm, die das menschliche Auge gar nicht erfassen kann, die aber unterbewusst unser Kaufverhalten beeinflussen sollen. Die „unterschwellige Werbung“-Theorie ist laut Bartoschek die meistgeglaubte, die Bermuda-Theorie die bekannteste. Was durchaus beruhigen kann, denn beide sind ziemlich harmlose Vertreter ihrer Art.

Auf die Frage, was ihn bei der Auswertung der knapp 1.600 gültigen Fragebögen am meisten überrascht hat, antwortet Bartoschek spontan: „Was für unsinnige Theorien die Leute ernst nehmen.“ Und nennt als Beispiele die Vermutung, Adolf Hitler habe nach dem Zweiten Weltkrieg Asyl bei einer unterirdischen Zivilisation gefunden oder die Überzeugung, die Erde sei ein wachsender Organismus. Immerhin, so der Psychologe, seien das Minderheiten-Meinungen: „Insgesamt hat sich bei uns das rationale Denken durchgesetzt. Verschwörungstheorien sind aber trotzdem kein Randgruppenphänomen.“

Eine unüberschaubare Welt

Da ist Joachim Westerbarkey, bis vor kurzem Professor an der Uni Münster und nun im Ruhestand, weniger optimistisch. Er sieht als Kommunikationswissenschaftler die Medien in der Verantwortung, ohne die auf dem Gebiet „gar nichts mehr“ laufe. „Gerade in einer Informationsgesellschaft wissen die Menschen immer weniger“, sagt Westerbarkey. „Die Menschen werden jeden Tag verunsichert“, klagt der Professor und spricht von der „Gnade des Vergessens“. Das Nachrichten-Angebot ist schier unendlich und offenbart uns die ganze Komplexität einer Welt, die wir immer nur sehr begrenzt verstehen können.

Prof. Dr. Ronald Hitzler argumentiert, Verschwörungstheorien seien "anthropologisch sinnvoll". Foto: Christian Schauderna

Den Rest suchen wir uns zu erklären, und zwar möglichst effizient: Wir fahnden nach Übereinstimmungen mit Meinungen und Einschätzungen, die wir schon haben. Neues versuchen wir, erklärbar und berechenbar zu machen. „Was wir anthropologisch schlecht aushalten, das ist der Zufall“, sagt Ronald Hitzler, Professor an der Universität Dortmund. „Der Sinnbedarf kennzeichnet die Gattung“, führt er, ganz der Soziologe, aus.

Wir leben nicht gern mit Widersprüchen und Uneindeutigkeit. Bevor wir uns eingestehen, dass unser Wissen begrenzt ist und wandelbar, klagen wir jene an, die unsere Meinungen in Frage stellen. Nicht eine beängstigende Welt ist das Problem, sagen wir uns, sondern konkrete Menschen, bestimmte Gruppen. Das trägt zu unserem Wohlbefinden und der Wertschätzung unserer selbst bei – intellektuell vielleicht nicht ganz lauter, aber wirksam. Wir fühlen uns besser, und damit haben Verschwörungstheorien ihren Sinn. Sie sind „anthropologisch klug“, wie Hitzler es beschreibt.

Sündenböcke vereinfachen Komplexität

Und dann spielt noch etwas mit, das der Dortmunder Professor „Personalisierungsbedarf“ nennt: Abstrakte, unpersönliche Vorgänge sind dem Menschen unangenehm, wir wollen ein Gegenüber, wir wollen, dass jemand verantwortlich ist: Für die Finanzkrise ein paar Manager, für den Klimawandel die Wissenschaftler, die ihn erfunden haben, für den internationalen Terrorismus vor allem ein Mann namens Bin Laden. „Kinder machen das ständig“, erklärt der beredte Soziologe die „Zuschneidung von Ereignissen auf Gruppen.“

Das Wappen an einem Berliner Logenhaus der Freimaurer. Foto: Imago

Zuschneidung auf fremde Gruppen übrigens, gerne auch Minderheiten, Unbekannte, Entfernte, die uns Angst einjagen oder denen wir ohnehin schon nicht über den Weg trauen: Die mächtige amerikanische Regierung oder die CIA etwa, die für vieles verantwortlich sein mögen, aber sicher für weniger, als ihr zugeschrieben wird. In der Vergangenheit standen auch Geheimbünde wie Freimaurer oder Illuminaten unter Verdacht, letztere erleben mit Dan Brown seit einiger Zeit eine Renaissance in Romanform.

Aufgrund von aktuellen Ereignissen „aktualisieren wir Stereotypen, die wir schon haben“, analysiert Hitzler. Weniger wissenschaftlich gesprochen: Wir sortieren neues Wissen in bestehende Schubladen unseres Hirns. Falls es nicht passen möchte, dann schieben und stauchen wir die Fakten eben ein wenig. Gerade in Krisenzeiten wächst dieser Wunsch zu vereinfachen, stellt Joachim Westerbarkey fest: „Verschwörungstheorien gedeihen in Situationen von Bedrohungen, Ängsten, Konflikten, Verunsicherung.“ In der aktuellen Krise müssten sie demnach zu voller Blüte gelangen.

Die meisten glauben, was die anderen glauben

Entscheidend bei jeder Verschwörungstheorie ist, dass angeblich andere die Strippen ziehen. In den Worten von Joachim Westerbarkey ist das der Glaube, dass Menschen „von anderen kontrolliert werden, die sie nicht kontrollieren können.“ Andere, die uns übers Ohr hauen, uns über den Tisch ziehen und einen Bären aufbinden wollen, Menschen, für die wir „ein abgrundtiefes Misstrauen empfinden.“

Zur Person
Sebastian Bartoschek

Aus Sebastian Bartoscheks Umfragen geht auch hervor, dass Frauen zwar weniger Theorien kennen, sie aber eher glauben als Männer. Wähler extremer Parteien und Nichtwähler stimmen Verschwörungstheorien eher zu als Personen, die bei Wahlen für die bürgerlichen Parteien votieren. Religiöse Menschen glauben eher an Verschwörungstheorien als nichtreligiöse Zeitgenossen.

Und zum Zusammenhang zwischen Bekanntheitsgrad und Zustimmung gibt es eine prominente Ausnahme: Die These, wonach der Massenmord an den europäischen Juden nicht stattgefunden habe, die Holocaust-Leugnung. Obwohl 82 Prozent der Befragten die Theorie kannten (damit gehört sie zu den "Top Ten"), erfährt sie nur eine Zustimmung von 6,85 Prozent - der niedrigeste Wert in Bartoscheks Befragung. Der Pius-Bischof Richard Williamson steht damit zumindest in Deutschland offenbar ziemlich allein.

Mehr...

Und es ist bei weitem keine Minderheit, die sich derartig kurzsichtig verhält. Wir alle lassen uns in größerem oder geringerem Ausmaß vom Sog der Gemeinschaft mitziehen. „Wenn jemand etwas meint und er ist der einzige, dann hört er schnell auf damit“, sagt Ronald Hitzler. „Wir brauchen jemanden, der mitglaubt. Für den Menschen ist nichts wichtiger als eine Meinung, die bestätigt ist.“ Daher könne eine Verschwörungstheorie „überspringen wie ein Floh von einem Menschen auf den anderen.“ Das scheint sich durch eine von Sebastian Bartoscheks vielleicht wichtigsten Erkenntnissen zu bestätigten: Die bekanntesten Verschwörungstheorien sind in aller Regel auch die, die am ehesten geglaubt werden.

Und das Internet?

Mitstreiter im Geiste lassen sich in Zeiten der Vernetzung durch neue Technologien natürlich besonders leicht finden, weshalb viele Wissenschaftler gerade das Internet als Katalysator für Verschwörungstheorien beäugen. Durch die digital organisierte Abrufbarkeit von Informationshäppchen wird es uns noch leichter gemacht, uns einseitig zu informieren, die Google-Suche lässt sich ganz nach Bedarf einschränken.

Das ist eine wunderbare Service-Leistung – es kann aber auch zu einer sehr selektiven Auswahl führen. Bartoschek diagnostiziert durch das Internet „keine Notwendigkeit mehr, mich mit der Gegensichtweise zu beschäftigen.“ Allerdings mag der Psychologe keinen Verschwörungs-Boom im Netz erkennen, er stellt eher eine größere Vielfalt von Theorien fest.

Und was tun, wenn man beim Familienfest, beim Betriebsausflug oder in der Kneipe jemandem gegenübersitzt, der die haarsträubendsten Thesen verbreitet? Man wird ihn kaum vom Gegenteil überzeugen können. Denn Verschwörungstheorien sind, wie der Journalist und Autor des Buches "Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer - Wie Verschwörungstheorien funktionieren", Thomas Grüter, feststellt, eben keine Theorien im wissenschaftlichen Sinne und daher auch nicht falsifizierbar, das heißt, sie lassen sich nicht widerlegen. So wie ja auch nicht jede Verschwörungstheorie falsch sein muss. Wir können nur selten sicher sein, dass sie wahr ist.

Einfach mal drüber reden

Der Diplom-Psychologe Sebastian Bartoschek empfiehlt einen gelassenen Umgang mit Verschwörungstheoretikern. Foto: privat

„Wahrheit ist immer das, was wahrscheinlicher erscheint“, meint der Psychologe Bartoschek und empfiehlt einen entspannten Umgang mit Verschwörungs-Anhängern. „Die Leute wollen einfach nur eine plausible Antwort“, glaubt er. „Wo sind die Beweise?“, würde er fragen und „Macht das überhaupt Sinn?“ „Ganz unaufgeregt drüber reden“, lautet sein Rat für die nächste diskussionsfreudige Runde.

Wenn Sie sich doch einmal ärgern, etwa über den Wirrkopf, der neben Ihnen an der Biertheke sitzt, dann trösten Sie sich doch damit: Ohne eine Theorie wären viele echte Verschwörungen vielleicht gar nicht aufgeflogen. Oder wie Martin Bruder, der als Sozialpsychologe ebenfalls zu dem Thema forscht, meint: „Hergebrachtes zu hinterfragen hat ja auch etwas Aufklärerisches.“

Mehr zum Thema:

Online-Tests von Sebastian Bartoschek:

Martina Herzog

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Kommentare
30.08.2010
15:56
Schöner leben mit Verschwörungstheorien
von jungjunge | #63

interessant wie paranoied die meisten menschen sind und hinter jeder ecke eine verschwörung wittern. hier eine witzige parodie:

http://www.youtube.com/watch?v=jD8YaSr9BfE

30.08.2010
00:51
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Name von Moderation entfernt | #62

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

30.08.2010
00:51
Schöner leben mit Verschwörungstheorien
von aanonymy | #61

Das ist auch interessant:
http://www.youtube.com/watch?v=jD8YaSr9BfE

03.11.2009
11:42
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #60

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

11.07.2009
20:53
Schöner leben mit Verschwörungstheorien
von victory | #59

Na bei dem ganzen krempel der verschwörung hat es doch mal wieder den vorteil,daß wir ja nicht schuld sind an dem deasaster sondern die anderen.Ist doch praktisch.Ich persönlich denke ein volk oder eine gemeinschaft ist nur so gut wie seine pädagogik.Leider betreiben die meisten dabei das double mind sprich man nimmt den kindern das vertrauen auf ihr bauchgefühl mancher nennt das auch mystifing,diese menschen können nicht selbst entscheiden sie brauchen führer verschwörungstheorien und gott weiß was noch.Meist ist beim double bind (mama und papa hauen dich weil sie es gut mit dir meinen)also noch gewalt im spiel.Klar hat das ganze gesellschaften und systheme krank gemacht,dabei wurde vergessen das wir unseren planeten hätten pflegen müssen.Tja und die machtlosigkeit an dem sythem nichts ändern zu können eventuell zu sagen selbst schuld oder mit schuld ja da sind doch die doofen banker politiker und verschwörungen ganz willkommen,so braucht man auch nichts ändern ist doch alles super theoretisch und an der praxis die nicht läuft sind die anderen schuld.das die falsche pädagogik angewandt wird dazu gehört gewiß auch gender main stream das checkt ja kaum noch einer aber liebe freunde das hat nichts mit verschwörung zu tun.die psychologie mit der kriege geführt werden ist eben heftiger als waffen (sagen die sogenannten von oben ja auch wenn die deppen das glauben)außerdem hätten alle die kinder haben es anders machen können.Aber ganze völker und systheme sind leider so kaputt deswegen geschlechterkrieg fast jeder haßt jeden ,das vertrauen ist weg,die angst geht um und viele drehen am rad,kinder gegen ihre eltern,deswegen haben die einen diktatoren deswegen haben wir die gesellschaft beisammen die wir haben.Double bind und gender maintsream einfache psychologische mittel ganze herden gefügig zu machen da brauchen wir keine gifte keine gaswolken und auch sonst nichts gruseliges mehr.

20.03.2009
18:55
Schöner leben mit Verschwörungstheorien
von alienhacker | #58

Was ist eine Verschwörungstheorie ???

Etwa eine Meinung die von dem abweicht was uns
von Seiten der Staatsregierungen und den
abhängigen Mainstreammedien erzählt wird.

Darf man also keine Meinung mehr haben die
von der offiziellen abweicht ??

Ist nur die Meinung richtig die von oben genannten
verbreitet wird ???

Wird jeder der eine andere als die offizielle Meinung , zu bestimmten
Themen vertritt in die Ecke Verschwörungstheorie
gestellt und somit sofort unglaubwürdig oder der
Lächerlichkeit preisgegeben ???

Dies ist eine sehr gefährliche Entwicklung,
denn es führt letztendlich dazu das die Regierung
und Mainstreammedien bestimmen was wahr sein
kann und was nicht.

Das Internet bei jeder Gelegenheit als Gefahr für
einseitige Meinungsbildung verantwortlich zu machen ist geradezu lächerlich.
Denn durch das Internet ist es heute überhaupt erst
möglich sich umfassend zu informieren und nicht etwa nur einseitig,
wie zB. durch das TV .

Das dies natürlich in gewissen Kreisen nicht gerne
gesehen wird leuchtet ein.

Eine der „Wahrheit“ nahe kommende Meinung kann man
sich nur bilden wenn man alle Seiten anhört und in sein persönliches Urteil
mit einbezieht, auch die so genannten „Verschwörungstheorien“
die nicht immer, aber oft doch näher an der Wahrheit liegen als das
was uns offiziell glaubhaft gemacht werden soll.

Vor jedem Krieg wird die Wahrheit geopfert, dass hat auch der
Irakkrieg wieder bestätigt.
Mistrauen gegenüber Regierungen ist angebracht, das lehrt uns die Geschichte
aber auch die aktuelle Politik !!
Das Video „Unter falscher Flagge“ ist u.a. zu diesem Thema sehr aufschlussreich.

19.03.2009
22:56
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Name von Moderation entfernt | #57

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19.03.2009
22:56
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #56

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17.03.2009
14:12
Schöner leben mit Verschwörungstheorien
von mausefritzchen | #55

#50, jcm: Gibt es dazu schon Ruhrpott-Fahrgemeinschaften?

17.03.2009
13:32
Schöner leben mit Verschwörungstheorien
von jcm | #54

@mäusefritzchen...
Was aber niemand daran hindern sollte, an den Demos WIR zahlen nicht für eure Krise! - für eine solidarische Gesellschaft! in Berlin und Frankfurt am 28. 3. teil zu nehmen - als einen ersten basisdemokratischen Schritt, der Verdummung und Ausbeutung ein Ende zu bereiten.

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