Sam Smith will bei den Grammys der Mann des Abends werden

Der Soulsänger Sam Smith wurde gleich für 4 Grammys nominiert.
Der Soulsänger Sam Smith wurde gleich für 4 Grammys nominiert.
Foto: Universal Music
Was wir bereits wissen
Sam Smith sieht nicht aus wie ein Popstar, zu blass, zu pausbäckig kommt er daher. Aber die Frauen lieben ihn – wegen seiner kraftvollen Soulstimme.

Washington.. Wer „Stay With Me“ singt, so inbrünstig und gefühlsgeladen, muss sich nicht wundern, wenn Menschen die Aufforderung wörtlich nehmen. Sie bleiben. Und wollen nie wieder gehen. Als Sam Smith im Patriot Center in Fairfax vor den Toren Washingtons sein umjubeltes Konzert beendet hatte, weigerte sich eine vorwiegend weibliche Fan-Schar aller Altersklassen, die Heimreise anzutreten. Mit von Glückstränen verschmierten Augen forderten die Fans an der Bühne auch dann noch eine Zugabe, als der Brite längst auf dem Weg ins Hotel war.

Seit Monaten in den Top-Ten

Sonntagabend bei der 57. Verleihung der Grammys werden die Emotionen im Staples Center von Los Angeles kontrollierter ausfallen. Bei der Verleihung der wichtigsten Musikpreise in Amerika sitzen vorwiegend Profis des Gewerbes im Publikum. Aber vielleicht wird Smith selber Anlass zum Gefühlsausbruch haben. Der 22-Jährige ist für die 11 000 Juroren der „National Academy of Recording Arts and Sciences” (Naras) der heißeste Kandidat für den Titel „Mann des Abends“. Mit 22 Jahren hat das Ausnahmetalent beste Chancen, die goldenen Grammophone in den Parade-Disziplinen mit nach Hause zu nehmen: bester Neuling, Album des Jahres, Lied des Jahres, Aufnahme des Jahres. Wie kann das sein?

Grammys Sam Smith – blass, etwas pausbäckig – sieht den formatierten Beau-Richtlinien nach zu urteilen weder besonders gut aus, noch wäre bei ihm jemals ein ausgeprägtes Körpergefühl auf der Bühne festgestellt worden. Mit seiner elvistollenähnlichen Frisur und den unverkennbaren O-Beinen wirkt der knapp 1,90 Meter große Mann für nicht Eingeweihte bei der ersten Begegnung wie ein Kandidat bei einer xy-sucht-den-Superstar-Show. Dann macht er seinen Mund auf. Und alles ist mit einem Mal glasklar.

Mit seiner Stimme zieht er jeden in den Bann

Sam Smith schmachtet sein Publikum mit einer so hinreißend warmen, voluminösen Stimme an, dass es auch hartnäckigen Anti-Romantikern spätestens bei „Lay Me Down“ Gänse auf die Haut treibt. Wer die Augen schließt, glaubt, eine schwarze Soul-Diva zu hören. Sein androgynes, nie nervig werdendes Falsett, das wie Eis auf der Zunge zergeht, erreicht mit Leichtigkeit die Brillanz eines Al Green oder Aaron Neville. Wer ihn live hört, versteht, warum das Debüt-Album „In The Lonely Hour“ seit Monaten in den USA in den Top Ten rangiert und weit über 1,5 Millionen Mal gekauft wurde.

Sam Smiths Aufstieg kometenhaft zu nennen, ist nicht übertrieben. Als er im Spätsommer 2013 zum ersten Mal in New York gastierte, nur mit seiner Bekanntheit als Stimme des Londoner Elektropopduos „Disclosure“ im Gepäck, konnte Smith in der winzigen Mercury Lounge jeden Gast per Handschlag begrüßen. Vor wenigen Wochen spielte er im riesigen Madison Square Garden vor ausverkauftem Haus. Sein Stoff, 1000 Mal gehörte Geschichten von Liebe, Trauer, One-Night-Stands und Beziehungsdramen, erfährt durch die Stimme eine einzigartige Beglaubigung.

Herzeleid ist dem bekennenden Homosexuellen, der auf eine erzkatholische Schule ging und wegen Putins Politik gegen Minderheiten niemals in Russland auftreten will, kein Fremdwort. Als 18-Jähriger erfuhr er per Zufall während einer USA-Reise durch eine Handy-Nachricht, dass sich seine Eltern scheiden lassen. „Damals habe ich gelernt, was Loslassen bedeutet“, sagte er dem „Guardian“.

Ersten Skandal clever umschifft

Sam Smith verehrt Whitney Houston, Rihanna und die Soul-Röhre Chaka Khan. Er kennt sich aus im Köchelverzeichnis von Etta James und Ella Fitzgerald. Sein Erweckungserlebnis aber war eine Landsmännin. Amy Winehouse‘ erstes Wunder-Album „Frank“ bestärkte ihn in seinem Wunsch, eine Karriere als Profisänger einzuschlagen. Winehouse und Adele, die vor drei Jahren bei den Grammys abräumte, haben Smith gewissermaßen den Boden bereitet. Darauf steht er so fest, dass ihm auch branchenübliche Rückschläge nichts anhaben können. Erst kürzlich kam ans Licht, dass sein Hit „Stay With Me“ verblüffende Ähnlichkeit mit dem Tom-Petty-Klassiker „I Won‘t Back Down“ aufweist. Statt sich in Urheberstreitigkeiten zu stürzen, gab Smith der Liedermacher-Ikone umgehend „Credits“ und bestätigte so dessen Mitautorenschaft. Petty war beeindruckt. „Ich wünsche Sam Smith für seine Karriere nur das Beste.“