Rohrzange gegen Zahnschmerzen

London..  Zum Schluss blieb nur noch der Griff in den Werkzeugkasten. Ian Boynton, ein 42-jähriger Kriegsveteran aus Beverly im nordenglischen Yorkshire, konnte sich keinen privaten Zahnarzt leisten – und einen staatlichen fand er nicht. „Es ist eine fürchterliche Situation, wenn man keinen Fachmann bezahlen kann und so schlechte Zähne hat“, sagte der Junggeselle. „Der Schmerz in meinem Vorderzahn wurde so groß, dass ich wusste, dass er raus musste und ich keine Wahl hatte, als ihn mir selber zu ziehen.“ Boynton nahm seine Rohrzange und setzte an. „Komischerweise hat es weniger weh getan, als ich dachte.“ Das war vor neun Jahren. Seitdem hat er sich noch zwölf weitere Beißer gezogen – vom Schneide- bis zum Backenzahn. Jetzt hat Boynton im Oberkiefer noch ganze zwei Zähne übrig.

Hilfsmittel sind im Internet und in den Geschäften frei verkäuflich

Boynton mag ein extremes Beispiel sein, aber er ist kein Einzelfall. Eine Do-it-yourself-Zahnbehandlung wird im Königreich immer verbreiteter. Die „British Dental Health Foundation“ fand heraus, dass 20 Prozent der Briten sich selber ihre Zähne herausreißen oder einen Freund um die Gefälligkeit bitten würden, wenn sie sich keine fachliche Behandlung leisten können. Neben dem Griff zur Rohrzange werden andere Formen der Heimwerker-Therapie beliebter. Für weniger als fünf Pfund sind in Drogerien oder über das Internet Erste-Hilfe-Sätze für die Selbstbehandlung zu bekommen, komplett mit Zahnzement, Desinfektionslösung und temporärer Krone.

Für viele Geringverdiener in Großbritannien ist dies eine attraktive Lösung, kostet doch eine Behandlung beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS mit 51,30 Pfund (umgerechnet rund 70 Euro) für eine Zahnfüllung mehr das Zehnfache. DenTek ist der größte Anbieter und verkauft pro Jahr rund eine Viertelmillion von den „Dental First Aid Kits“.

Wer Geld hat, lässt sich privat behandeln. Weniger gut betuchte Bürger dagegen greifen erst zur Whisky-Flasche und dann zur Zange. Professor John Wildman von der Universität Newcastle sieht einen beunruhigenden Trend, „wo die Leute im Nordosten des Landes Zahnlücken haben und in der Selbstbehandlung Zuflucht suchen. Untersuchungen aus den USA haben gezeigt, dass ein hässliches Gebiss Berufs- und Heiratschancen mindert – und das sind die beiden Grundlagen für ein stabiles Leben.“

Die Kluft zwischen reichen und armen Briten lässt sich deutlich am Gebiss ablesen. Ein Forschungsbericht, der im letzten Herbst im „Journal of Dental Research“ erschien, zeigte, dass die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung acht Zähne weniger haben als die reichsten, wenn sie das Alter von 70 Jahren erreichen.

Selbstbehandlung kann zu Infektionen führen

Dr. Nigel Carter, der Geschäftsführer der „British Dental Health Foundation“, mahnte eindringlich vor jeglicher Form der Selbstbehandlung. „Do it yourself ist gefährlich. Es gibt zu viele sinnlose Beispiele von Leuten, die sich entweder die falschen Zähne gezogen haben oder eine Infektion dadurch bekommen haben. Ich warne jeden, der über eine Eigentherapie nachdenkt, sich das noch einmal gut zu überlegen.“