Raus aus der Opferrolle - Zäher Kampf gegen Stalker

Fiese Mails und gemeine Post: Stalking nimmt die Opfer stark mit.
Fiese Mails und gemeine Post: Stalking nimmt die Opfer stark mit.
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Fiese Mails, gemeine Post, Drohungen - Stalking hat viele Gesichter. Zwei, die das erlebt haben, wehren sich. Und sie appellieren an den Gesetzgeber.

Berlin/Garmisch-Partenkirchen.. Christine Doering war ein Opfer. Ihr Ex-Freund hat sie verfolgt. Er drohte mit Mord, versuchte die Tür einzutreten. Zweieinhalb Jahre ging das so. Bis er wegen Stalking verurteilt wurde. Auf Bewährung. Er ist weggezogen. Seitdem ist Ruhe. Bis jetzt zumindest. Die 34-Jährige ist erleichtert. Doch ganz traut sie dem Frieden nicht. "Das Risiko ist immer da, dass so jemand wiederkommt", sagt die gelernte Krankenschwester. Ihre Erfahrungen gibt sie inzwischen an andere Betroffene weiter - und sie hält als Stalking-Expertin Vorträge bei der Polizei.

Opfer wehren sich und gehen in die Öffentlichkeit

Doering ist nicht die einzige, die in die Offensive geht. Es gibt auch andere, die die Attacken ihrer Stalker nicht mehr hinnehmen wollen. Mary Scherper ist so eine. Die Berliner Bloggerin hat gleich ein Buch über ihr Leben mit einem Stalker geschrieben. Doch Frauen wie Scherpe und Doering sind bei weitem die Ausnahme.

"Das meiste bleibt unerkannt", sagt Reinhard Franke, Psychologe und Psychotherapeut von der FU Berlin. "Die Scham ist viel zu groß." Scham darüber, dass man Opfer geworden ist und "selbst schuld" sein könnte. Franke nimmt an, dass viele erst einmal versuchen, Kontakt mit ihrem Stalker aufzunehmen. "Das ist verständlich, aber vollkommen falsch." Er empfiehlt: "Am besten gar nichts tun. Je mehr man reagiert, desto mehr verstärkt man das Verhalten."

Bundesweit rund 24 000 Stalking-Fälle hat das Bundeskriminalamt im Jahr 2013 erfasst. Doch die Dunkelziffer dürfte nach Einschätzung von Experten weit höher liegen. "Das ist nur die Spitze des Eisbergs", meint Franke. Nach der offiziellen Statistik ist die erfasste Zahl der Stalking-Fälle sogar seit Jahren rückläufig. Doch Psychologe Franke ist überzeugt: "Das nimmt zu." Schon weil die elektronischen Medien dazu verleiten. Ob ein Kontaktwunsch oder Rachegedanken dahinter stehen: "Der Aufwand ist gering", sagt Franke. Wieviel Stalker(innen) via Facebook, Instagram, Twitter und Co. zuschlagen, liegt völlig im Dunkeln.

Viele Attacken ("Lass uns eine Familie gründen") kommen einzeln und harmlos daher. Doch Stalking ist psychische Gewalt, betont die Kriminalitätsopfer-Organisation Weisser Ring. Mit oft schlimmen Folgen, von Schlaf- oder Angststörungen bis zu Selbstmordgedanken.

Auch die Politik sieht Handlungsbedarf. Bayern und Hessen drücken bei dem Thema auf Tempo. Eine vom Land Berlin unterstützte Gesetzesinitiative, die an diesem Freitag im Bundesrat eingebracht wird, soll Stalking-Opfer besser schützen,

Zu hohe Hürde, bevor Täter bestraft wird?

Danach soll es künftig für eine Verurteilung ausreichen, dass die Angriffe eines Stalkers "grundsätzlich geeignet sind, beim Opfer eine schwerwiegende Beeinträchtigung der Lebensgestaltung zu verursachen". Bisher muss eine solche Beeinträchtigung nach dem Strafgesetzbuch schon erfolgt sein. Nicht nur aus Sicht des Berliner Justizsenators Thomas Heilmann (CDU) eine viele zu hohe Hürde, die verhindert, dass Täter bestraft werden können. Nur etwa zwei Prozent der Verdächtigen werden am Ende verurteilt.

Stalking-Expertin Doering ist skeptisch. Es sei schließlich nicht der erste Vorstoß. "Die Opfer-Lobby ist zu klein", fürchtet sie. Im Gegensatz etwa zu Österreich mit einem schärferen Stalking-Strafrecht müssten Opfer hierzulande theoretisch erst umziehen oder sich vor Angst im Haus verkriechen, um eine Chance vor Gericht zu haben.

Das hat sogar das oberste deutsche Strafgericht, der Bundesgerichtshof, moniert: Das geltende Recht schütze "weder Überängstliche noch besonders Hartgesottene". Oder, wie es der Weisse Ring ausdrückt: "Schutzlos bleiben Opfer, die den Drohungen und Nachstellungen des Täters nicht nachgeben wollen" - aber auch Menschen, die Job und Wohnung nicht mal schnell wechseln können sowie Kinder aus ehemaligen Partnerschaften.

Meist sind Frauen die Opfer

Häufig lassen Täter erst von ihrem Opfer ab, wenn sie juristische Probleme bekommen. "Die wenigsten hören von selbst auf", glaubt Döring. Ihr Stalker hat sie trotz Verbot der Kontaktaufnahme nicht in Ruhe gelassen. Es drohte anfangs auch nur 25 Euro Zwangsgeld. "Das hat ihn nicht abgeschreckt."

Die meisten Opfer sind Frauen. Häufig sind es frühere Partner oder Bekanntschaften, die das Leben schwer machen. Aber es gibt auch betroffene Männer; Ärzte oder Anwälte, mit denen Täter noch eine Rechnung offen haben. "Rache-Stalking", nennt Doering das. Grundsätzlich, betont sie, kann es jeden erwischen.

Bloggerin Scherpe wurde von ihrem Ex im Netz verunglimpft, sie bekam bedrohliche Mails und schräge Post - und einen Haufen Ziegel vor die Tür. Man darf die Angst nicht zuzulassen, sagt sie. "Sonst ist man verdammt, das zu ertragen." Auch wenn sie sich nie sicher sein kann, ob es wirklich vorbei ist - der Schritt in die Öffentlichkeit hat ihren Verfolger erstmal gestoppt. Für die 32-Jährige war es ein Befreiungsschlag. Opfer dürften sich nicht einschüchtern und zurückdrängen lassen. "Wenn ich in einem Einkaufszentrum beklaut werde, meide ich ja auch nicht das Zentrum." (dpa)