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Wenn Lockvögel die Treue testen

25.11.2009 | 11:34 Uhr
Wenn Lockvögel die Treue testen

Hilden. Intensiver Blickkontakt, ein verführerisches Lächeln: Anja M.* beherrscht die Kunst des Flirtens. Für eine Treuetest-Agentur begibt sie sich als attraktiver Lockvogel auf "Männerfang". Ist die Untreue bewiesen, bietet das Unternehmen professionelle Trauerbewältigung oder Paartherapien an.

„Bei 98 Prozent der Männer habe ich mit meinem Anflirten Erfolg“, verrät Anja M.* ihre beeindruckende Quote. Doch die attraktive 43-Jährige ist weder darauf aus, zahlreiche kostspielige Getränke spendiert zu bekommen, noch darauf, mit möglichst vielen Männern ins Bett zu hüpfen. Sie arbeitet als Lockvogel für die Treuetest-Agentur Astrata und überprüft für besorgte Damen, ob ihr Liebster wirklich der vermeintliche Schürzenjäger ist.

Keine oder schlechte Kommunikation ist oftmals die Ursache für einen Seitensprung.

Intensiver Blickkontakt, ein verführerisches Lächeln: „Es funktioniert eigentlich so, wie man auch privat flirtet“, beschreibt M. ganz lapidar ihre Vorgehensweise. Bei zurückhaltenden Männern sei manchmal etwas mehr Offensive gefragt und sie müsse diese direkt ansprechen. „Meine Zielpersonen sind in erster Linie Rechtsanwälte, Ärzte und Manager in Führungspositionen“, skizziert sie ihr gut betuchtes Test-Klientel.

Wenn M. – adrett gekleidet im eleganten Kostüm oder modischen Hosenanzug – ihre Zielperson bezierzt, ist detailliertes Hintergrundwissen ein immenser Vorteil. Hobbys, bevorzugte Bars, Vorlieben, Beruf: Der Lockvogel wird im Vorfeld von der Auftraggeberin ausführlich informiert. Eine äußerst erfolgversprechende Option ist es für M., die auch als Business-Coach arbeitet, über die berufliche Schiene einen Gesprächseinstieg zu suchen.

Lockvogel hat kein schlechtes Gewissen

„Man erkennt ziemlich schnell, ob jemand für einen Flirt empfänglich ist“, lautet ihre Erfahrung aus rund 40 absolvierten Aufträgen. Je nach „Wunsch“ der Klientin lässt sie sich von der Testperson die Handy-Nummer geben oder trifft sich mit ihrem „Opfer“ zu einem oder mehreren Dates: Auftrag erledigt. Ein schlechtes Gewissen hat sie dabei nicht. „Wenn die Männer wirklich treu wären, dann würden sie mich abblitzen lassen.“

Ein untreuer Partner kann sich durch viele Dinge verraten.

Manchmal wird ein flirtbegeisterter Mann auch direkt bei der heimlichen Verabredung mit dem Lockvogel von seiner eigentlichen Partnerin „überrascht“. Typisch sei es dann, dass der Ertappte die Situation verharmlose oder „mir den schwarzen Peter zuschiebt“, erzählt M. Für die Auftraggeberin bricht mit diesem eklatanten Vertrauensbruch oftmals eine Welt zusammen.

Damit in solchen Fällen niemand den Boden unter den Füßen verliert, bietet die Treuetest-Agentur ihren Klienten eine psychotherapeutische Betreuung an. „Wir lassen niemanden alleine“, beteuert Agentur-Chef Frank Pischek und verweist auf die begleitete Trauerbewältigung und die Paartherapie, die seine Firma im Angebot hat.

Psychotherapeutische Beratung ist gefragt

„In 30 bis 40 Prozent der Fälle wird auf unser Beratungsangebot zurückgegriffen“, erklärt M. Sie arbeitet mittlerweile nicht nur als Lockvogel, sondern in erster Linie auch als ausgebildete Psychotherapeutin für Astrata. „Letzteres natürlich nur in den Fällen, in denen eine Kollegin Lockvogel war und ich nicht selber.“

Ein Fast-Seitensprung als Neuanfang: Jede zweite Paartherapie könne zu einem Fortbestand der Beziehung führen, so M. „Es ist entscheidend, ob die Partner wirklich an ihrem Verhalten arbeiten wollen.“ Das häufigste Beziehungs-Problem sei der bekannte „Klassiker“: „Keine oder falsche Kommunikation.“ Aktives Zuhören reiche einfach nicht aus, betont die Expertin. Manchmal kämen innerhalb der individuell gestalteten Therapien aber auch tieferliegende Probleme wie sexuelle Störungen ans Tageslicht.

Kein Unterschied zwischen den Geschlechtern

Agentur-Chef Frank Pischek: "Auch Männer leiden Höllenqualen."

Mit einem weit verbreiteten Vorurteil in puncto Untreue möchte Agentur-Chef Pischek aufräumen. „Auch Männer leiden Höllenqualen“, versichert er. Sein Klientel bestehe in etwa zu gleichen Teilen aus misstrauischen Männern und Frauen. In der Kartei mit 80 bis 100 Lockvögeln befänden sich daher auch zahlreiche Mannsbilder. „Bei uns arbeiten beispielsweise Studentinnen, Schauspielerinnen, weibliche Models ,aber auch gutaussehende Südländer“, preist der 46-Jährige seinen breitgefächerten Mitarbeiterstab an.

Großen Wert legt er bei ihnen auf eine seriöse Arbeitsweise: „Berührungen zwischen Lockvogel und Testperson sind verboten.“ Zudem werden die Verträge mit den Auftraggebern von einem Anwalt abgesegnet. Rechtlich bedenkliche Untreue-Beweise wie Tonband-Aufnahmen scheiden aus. Üblich sei es vielmehr, dass ein weiterer Agentur-Mitarbeiter, der die Dates zur Sicherheit aus der Ferne beobachtet, den Lockvogel mit der Testperson zusammen in der Öffentlichkeit fotografiert. Ein ausführlicher Abschlussbericht rundet das Test-Ergebnis ab.

Dass dieser Service nicht ganz billig ist, daraus mach Pischek keinen Hehl. So wird das Test-Paket „Dates für zwei Abende“ auf der Agentur-Homepage mit 399 Euro beziffert. „Die meisten unserer Kunden liegen im Alter zwischen 35 und 50 Jahren und sind eher besserverdienend“, erklärt der Agentur-Chef.

Nacktfotos per E-Mail

Für den kleinen Geldbeutel gibt es kostengünstigere SMS-, E-Mail- oder Chat-Flirts. Dabei senden die Lockvögel angeblich fehlgeleitete SMS oder E-Mails an die Test-Person, um so einen ersten Kontakt herzustellen. Dann wird getestet, ob die Zielperson im Chat oder per SMS auf einen Flirt eingeht. „Im Internet geht alles viel schneller“, weiß Lockvogel Anja M. Sie habe schon in kürzester Zeit unaufgefordert Nacktfotos der Testpersonen erhalten.

„Es ist wirklich traurig, wie viel gelogen und betrogen wird“, lautet Pischeks Erkenntnis. Dabei seien die Indizien für Untreue recht offensichtlich. „Der Partner verändert sich: Er zieht sich wieder attraktiver an, benutzt ein neues Parfüm oder erfindet Ausreden“, erklärt der 46-Jährige. „In einer guten Beziehung sollte jeder seine Freiheiten haben, aber keiner Geheimnisse.“

*Name von der Redaktion geändert

Marc Wiegand

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