Studie der Uni...
Wenn Kinder ihre Eltern pflegen
14.12.2009 | 21:49 Uhr 2009-12-14T21:49:00+0100
Witten. "Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige" lautet der Titel einer Studie, an der das Institut für Pflegewissenschaft an der Uni Witten/Herdecke mehrere Jahre arbeitete. Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet sind in Deutschland eine Premiere.
"SUPAKIDS" HILFT
Ziel der Studie „Kinder als pflegende Angehörige” war es auch, ein Konzept für Hilfsangebote zu entwickeln, damit eine solche Situation nicht zu einer untragbaren Belastung wird. Dieses Ergebnis wird jetzt umgesetzt: Mit dem Namen „SupaKids” wurde in Kooperation mit der DRK-Schwesternschaft in Hamburg das erste Zentrum für Kinder kranker Eltern eröffnet.
Für die Betroffenen - sowohl Kinder als auch Eltern - gibt es hier nicht nur unbürokratische Hilfe, Informationen und Raum für Austausch, sondern auch Begleitung durch Fachkräfte und vielfältige Freizeitangebote. „Auch Dortmund und Essen hatten Interesse an SupaKids”, berichtet Projektleiterin Dr. Sabine Metzing-Blau. Die Städte seien aber wegen mangelnder Finanzierungsmöglichkeiten abgesprungen.
Größte Sorge der Pflegewissenschaftlerin ist es daher, dass derartige Zentren wieder schließen, „solange es dafür keine Regelfinanzierung gibt”. Dabei wachse der Bedarf, pflegenden Kindern und ihren kranken Angehörigen zu helfen - gerade in Zeiten, in denen es immer mehr Alleinerziehende gibt.
Ein „pflegendes Kind” zu sein, hat sowohl positive wie negative Auswirkungen auf die betroffenen Kinder. Positive sind: gesteigertes Selbstwertgefühl, frühe Reife, Schaffung von Identität, das Gefühl haben, „Gut auf das Leben vorbereitet zu sein”. Negative Auswirkungen sind: Quasi im Verborgenen leben, niemanden zum Reden haben, soziale Isolation, Verzicht auf die eigene Kindheit, Erschöpfung, Überforderung, eventuell schlechte Schulnoten, hohe Fehlzeiten, frühzeitiger Schulabbruch.
Infos: www.pflegewiki.de/wiki/Pflegende_Kinder und www.supakids.de
Wenn Lisa* aus der Schule nach Hause kommt, stellt sie sich immer die gleiche Frage: „Wie geht es Mama?” Und dann, erzählt sie, „höre ich schon am Klang ihrer Stimme, wie sie drauf ist.” Danach richtet sich dann der restliche Tag der Zehnjährigen. Denn wenn ihre Mutter traurig ist, sagt Lisa gleich das geplante Treffen mit ihrer Freundin ab. Und wenn ihre Mutter, die an Multipler Sklerose erkrankt ist, an diesem Tag wieder Probleme mit der Feinmotorik hat, dann übernimmt Lisa auch die Essenszubereitung. „Damit Mama sich nicht schneidet.” Und natürlich hilft Lisa ihrer Mutter auch beim Katheterisieren, wenn diese es nicht alleine schafft. Nur um das Putzen der Wohnung muss sich die Zehnjährige keine Gedanken machen. Dafür ist Uwe zuständig, ihr 15-jähriger Bruder.
Pflegewissenschaftlerin Dr. Sabine Metzing-Blau (41) von der Privatuni Witten/Herdecke kennt viele Kinder wie Lisa und Uwe. Kinder, die ihre Eltern pflegen. Kinder, die nicht mehr zum Fußballspielen oder zu ihren Freundinnen gehen, weil sie zu Hause kochen und putzen müssen, oder ihren Müttern und Vätern helfen: beim An- und Ausziehen, beim Duschen, auch beim Füttern oder Toilettengang. Die Ältesten von ihnen, die die Wissenschaftlerin kennengelernt hat, war 19. Der Jüngste fünf. Und sie sind nicht nur die Ausnahme: Rund 225.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland (schätzungsweise 55.000 in NRW) pflegen zu Hause kranke Angehöre. „Einige von ihnen helfen nur mit, mit vielen kleinen aufmerksamen Gesten”, sagt Metzing-Blau. „Da sorgt dann schon ein Sechsjährige dafür, dass keine Stolperfallen in der Wohnung sind.” Andere leisten eine komplette Rund-um-die-Uhr-Versorgung - mit körperlicher Pflege und emotionaler Betreuung. Bis an den Rand ihrer Kräfte, bis zur völligen Erschöpfung. „Solche Kinder verlieren ihre Kindheit”, sagt die Wissenschaftlerin.
Wie der Alltag in diesen Familien aussieht, wie es den Kindern und ihren Eltern damit geht, welche Auswirkungen diese Situation für die Beteiligten hat und vor allem welche Hilfsmöglichkeiten es geben muss, damit beschäftigt sich eine Studie, die das Institut für Pflegewissenschaft an der Uni Witten/Herdecke 2004 startete. Heute, fünf Jahre später, nach Interviews mit 82 Personen in 34 Familien im gesamten Bundesgebiet, sind die Pflegewissenschaftler ein ganzes Stück weiter auf einem Gebiet, das, so Metzing-Blau, „bisher ein weißer Fleck auf der Forschungs-Landkarte” war.
Eine ihrer Erkenntnisse: „Es geht bei diesen Familien nicht um die Krankheit selbst, sondern vor allem darum, den Alltag - der durch die Krankheit erschwert ist - zu gestalten, um so normal wie möglich zusammenbleiben zu können.” Die betroffenen Mütter und Väter, überwiegend alleinerziehend, leiden unter Erkrankungen wie MS und Rheuma, die schleichend verlaufen, mitunter sind sie auch psychisch krank. Wenn dann auch noch die Erwerbsfähigkeit wegfällt, wenn soziale Kontakte fehlen, wenn einfach keine anderen Schultern da sind, auf denen sich die Alltagsprobleme abladen lassen oder das Geld fehlt, um Hilfe zu bezahlen - dann sind es die Kinder, die einspringen, die in einem stetigen Prozess immer mehr Aufgaben übernehmen. Ganz gleich, wie alt sie sind. „Es geht darum, die Familie zusammenzuhalten”, sagt Metzing-Blau. Die Funktion, die die Mädchen und Jungen dann übernehmen, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Die Lücken füllen und in Bereitschaft sein.” Das beinhaltet nicht nur Pflege der Kranken und Führung des Haushalts, sondern oft auch die Betreuung jüngerer Geschwister. Der 14-jährige Thomas etwa kontrolliert nicht nur die Hausaufgaben seiner neunjährigen Schwester, sondern geht auch zu Elternsprechtagen für sie. „Bildung ist wichtig”, sagt er. „Ich will, dass aus uns mal etwas wird.”
Nico, 13 Jahre alt, schläft mit seiner Oma im Bett, damit er hört, wenn sie wieder einen Asthma-Anfall bekommt. Dann ist er derjenige, der entscheidet, was zu tun ist: Welche Medikamente und wieviel sie davon bekommt, oder ob er den Notarzt rufen muss.
Doch darüber reden, das tun diese Kinder nie. Und auch ihre Eltern nicht. „Das ist ein ausgesprochenes oder nicht ausgesprochenes Schweigegebot”, weiß die Pflegewissenschaftlerin. Denn die kranken Eltern und ihre Kinder eint dieselbe Angst: Dass ihre Familie auseinandergerissen wird, dass die Kinder zu einer Pflegefamilie oder Mutter oder Vater ins Heim kommen.
Und selbst, wenn sie einen gewissen Stolz darüber empfinden, was sie leisten, erzählen Kinder und Jugendlichen auch ihren Freunden nichts davon, womit sie ihren Tag verbringen. „Zum einen haben sie ein gesundes Gefühl, dass sie die Intimsphäre ihre Eltern schützen wollen und dass es ihren Kumpel nichts angeht, wenn die Mutter inkontinent ist”, sagt Metzing-Blau. Zum anderen wissen sie, dass Gleichaltrige nichts von dem nachempfinden können, was sie berichten. „Bis ich denen das erklärt hätte”, sagt die 15-jährige Tina, „ist es Abend.”
Wie sich das Familienleben verändert, wenn die Kinder erwachsen werden, wenn sie eine Ausbildung machen oder studieren wollen, darüber gibt es bislang noch keine Untersuchungen in Deutschland. „Aber es deuten sich Tendenzen an, dass sie sich sehr viel schwerer lösen, dass sie häufig soziale Berufe ergreifen und ihr Leben lang Kümmerer sind”, sagt Metzing-Blau.
Wenn sie zurückblickt auf die Erfahrungen und Erlebnisse für diese Studie, bleibt vor allem, dass sie „wahnsinnig beeindruckt” war: davon, wie Familien ihr Leben gemeinsam meistern und wieviel Zuversicht und Lebensfreude sie dabei empfanden. Und es bleibt ein Eindruck dessen, wie sehr die Kinder in ihrer Rolle aufgingen. Das wurde immer dann deutlich, wenn sie die Kinder zum Abschluss gefragt hat: „Wenn eine gute Fee käme und dir drei Wünsche erfüllen würde, was würdest du dir wünschen?” Dann denkt Metzing-Blau an den siebenjährigen Jan, bei dem die Antwort wie aus der Pistole geschossen kam: „Dass Mama wieder gesund wird - dafür nehme ich alle drei.”
(*Alle Kindernamen geändert)

07:52
@ vera:
Ihre seltsame Einstellung belustigt mehr als die Rechtschreibung! Hier wird niemand ausgenutzt.
20:07
#Nr. 2
Hoffentlich pflegt Dich Deine Familie nicht, wenn Du mal nicht mehr kannst oder alt bist......
12:42
Wer sich schämt, tritt nicht an die Öffentlichkeit. Daher gilt es, das Schamempfinden zumindest derer, die wenig Geld haben, hochzuhalten- sonst wird das den Reicheren zu teuer. Reiche hingegen ( oder B-Klasse Filmstars oder Sänger) können beliebig oft mit Schamlosigkeit glänzen, es wird der 100. Alkoholexzess nicht zum Anlass genommen, sich zu schämen,sondern den Eintrag ins Guinessbuch zu fordern.
In die gleiche Richtung zielt auch der jährliche Missbrauch der Spendenbereitschaft. Die Armen zahlen in der Summe am meisten- der Kirchenschatz hingegen ist Kulturgut und deshalb nicht zu verkaufen.
Sozialhilfe wird ja auch gewährt, (nicht gezahlt! ), damit uns die Prolls nicht die Karre zerkratzen oder bestehlen- beileibe nicht aus Güte!
Vera, Sie haben völlig recht. Nur eine kleine Anmerkung noch: Wir sollten vielleicht das Wort Armutszeugnis durch das Wort Reichtumszeugnis ersetzen. Aber ob das jemand bemerken würde?
08:47
P.S. Die Rechtschreibfehler in meinem Kommentar dienen der allgemeinen Belustigung.
08:46
Ist schon toll, dass man diese Last jetzt auch auf die Kinder verteilt, das entlastet das ohnehin schon marode Gesundheitssystem. Was dann mal später aus den Kinder wird, ist doch egal, hauptsache, man sagt ihnen jetzt immer wieder, wie toll sie das machen, damit sie schön bei der Stange bleiben ... ist doch auch viel billiger, als wenn die Krankenkasse Zivis oder Krankenpfleger einsetzen muss. Deshalb werden wahrscheinlich auch bereits jetzt schon nicht mehr die Kosten dafür übernommen, wenn eine Alleinerziehende krank wird. Und nach dem Artikel hör ich die verantwortlichen schon sagen: Wozu auch, die Mutter/ der Vater hat doch Kinder, die können den doch pflegen und den Haushalt schmeißen.
Für mich ist das ganz simpler Mißbrauch von Kindern, mehr nicht und das ganze wird auch noch bejubelt.
Was für ein Armutszeugnis.
08:32
Hut ab vor diesen Kindern.