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Nicht gleich den neuen Papa spielen

07.09.2010 | 16:40 Uhr
Nicht gleich den neuen Papa spielen
Der Feind an meinem Tisch: Der neue Partner der Mutter ist für Scheidungskinder oft ein rotes Tuch.

Essen.Mama hat einen neuen Freund - für Scheidungskinder oft eine Katastrophe. Doch daraus kann eine liebevolle Patchwork-Familie wachsen, wenn sich alle an Regeln halten. Der Essener Familientherapeut Thomas Weyand erklärt, was Eltern und Kinder beachten müssen.

Herr Weyand, wenn eine alleinerziehende Mutter mit einem neuen Partner anbändelt - begeht sie dann Verrat an ihrem Kind?

Natürlich nicht. Jeder Erwachsene hat das Recht auf ein eigenes Leben und damit auch auf neue Partnerschaften. Im Empfinden des Kindes kann das aber wie Verrat wirken. Kinder brauchen Zeit, um über den Verlust des anderen Elternteils hinwegzukommen. Sie haben die Sorge: Ist der alte Papa jetzt abgemeldet, gibt es den nicht mehr für mich?

Wie reagieren Kinder, wenn sie mit der Situation unglücklich sind?

Bei ihnen entstehen Gefühle wie Angst und Eifersucht. Sie fürchten zum Beispiel, weniger Aufmerksamkeit von der Mutter zu kriegen. Ängste können zu Aggressionen führen, dazu, dass das Kind den neuen Partner ablehnt - oder es zieht sich zurück. Bauchschmerzen und andere körperliche Reaktionen sind auch möglich.

Und offener Streit?

Das gibt es eher bei Jugendlichen, ab 12, 13 Jahren. In der Pubertät legen sich Jugendliche ja sowieso mal mit den Eltern an, weil sie den Weg nach draußen suchen. Die provozieren schneller mal einen offenen Streit.

Familientherapeut Thomas Weyand: „Der Partner dient als Sparringspartner für die Ängste des Kindes.“

Der typische Satz lautet: „Du bist nicht mein Vater!“ Sollte der neue Partner versuchen, in die Vaterrolle zu schlüpfen?

Besser nicht. Wenn ein Kind so etwas sagt, kann man ihm eigentlich nur antworten: Da hast du vollkommen recht. Ich will nicht dein Papa sein und ich will ihn dir nicht wegnehmen, ich bin nur hier, weil ich deine Mama gerne habe. Der Neue sollte dem Kind sagen, dass er sich gut mit ihm verstehen möchte. Die Vaterrolle kann sich irgendwann ergeben, aber das sollte sich langsam entwickeln - und das Tempo gibt das Kind vor.

Wie soll sich der Partner verhalten, wenn der Sohn oder die Tochter ihn ständig provoziert?

Sehr sensibel. Er sollte sich bewusst sein, dass er nicht persönlich gemeint ist, sondern als Sparringspartner für die Ängste des Kindes dient. Auf keinen Fall sollte er ihm Vorwürfe machen. Er sollte ihm lieber sagen, dass ihm so ein Verhalten wehtut und er enttäuscht ist. Zum Gegenangriff sollte er aber nie übergehen.

Mutter muss auch zum Kind halten

Was soll die Mutter denn tun, wenn sich ihr neuer Partner nicht willkommen fühlt?

Ein offenes Gespräch ist wichtig. Mütter dürfen nicht den Anspruch stellen, dass der neue Partner schnell in die Vaterrolle hineinwächst. Und der darf auch nicht den Anspruch haben: Jetzt komme ich und mache alles besser als der andere Vater, der vielleicht nicht gut war. Er muss verstehen, dass die Mutter nicht nur zu ihm, sondern auch zum Kind hält.

Wie führt man den Neuen denn am besten in die Familie ein, ohne dass das Kind Angst haben muss, überrannt zu werden?

Der erste Kontakt ist am besten ein unverbindliches Freizeitvergnügen, das nicht in der Wohnung stattfindet. Das Kind weiß dann, dass der Neue erstmal irgendwann wieder weggeht. Er wird nicht erlebt als jemand, der in den Familienbereich eindringt.

Können feste Rituale helfen, wie ein Tag, der nur Mutter und Kind gehört?

Das ist eine gute Idee. Wenn die Mutter sicherstellt, dass so ein fester Tag allein dem Kind gehört, gibt sie ihm das Signal: Du brauchst nichts zu befürchten. So macht sie gleichzeitig deutlich, dass es keine Bedrohung ist, wenn sie auch Zeit für den Partner reserviert.

Auf der Elternebene regeln

Schwer wird es, wenn der leibliche Vater dazwischenfunkt und das Kind gegen den Neuen aufstachelt. Wie wehrt man sich dagegen?

Wenn ein Vater das tut, gerät das Kind in große Nöte. Darum sollte die Mutter mit dem Vater sprechen und ihm klarmachen, dass er nicht ihr als Ex-Partnerin schadet, sondern dem Kind. Das kann der Vater ja nicht wollen. Man muss dem Kind zwar klarmachen, dass man seine Sorgen versteht, aber dieses Problem regelt man am besten auf der Elternebene.

Und wenn sich der Frieden auch nach langer Zeit nicht einstellt - sollte sich das neue Paar lieber trennen, damit Ruhe im Haus ist?

Das ist der schlimmste Fall, und der ist keine Lösung. Ob die Mutter sich einen neuen Partner sucht, darf nicht vom Willen des Kindes abhängen. Solche Schwierigkeiten darf man nicht jahrelang tolerieren, sondern sollte sich lieber Hilfe von außen suchen, etwa eine Therapie beim Familientherapeuten. Diese Probleme treffen viele neu zusammengesetzte Familien und sind auch kaum vermeidbar. Aber man kann lernen, da hineinzuwachsen.

Tom Sundermann

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