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Kolumne

Drei Männer, eine Frau und ein Berg Geschirr

13.03.2009 | 09:32 Uhr
Drei Männer, eine Frau und ein Berg Geschirr

Essen. Heute wird's richtig schmutzig in Lilos Leben. Nein, nicht was Sie jetzt denken. Es geht um Abwasch - oder richtiger: sein Gegenteil. Ein Bericht von Grenzerfahrungen zwischen puscheligem Blauschimmel und lautstarkem Wutausbruch.

Das letzte Vierteljahr habe ich in einem anarchischen Mikrokosmos verbracht. Meine neue Wohngemeinschaft lehnt das Konzept „Putzplan“ nämlich als spießig ab. Das favorisierte Modell sieht stattdessen eine feste Aufgabenverteilung und selbstständige Erledigung häuslicher Pflichten vor. Die feste Aufgabenteilung ließ sich umsetzten, bei der Pflichterfüllung wurde es schwierig. Die Küche starrt vor Dreck. Und immer bleibt Geschirr übrig, das niemand dreckig gemacht hat.

Hindernislauf durch den Küchenmüll

Ab und zu treffe ich in den Weiten der Müllkippe, die Wohnzimmer und Küche ersetzt hat, auf einen meiner Mitbewohner. Johannes zum Beispiel, wie er sich zwischen Topfstapeln und Tellerbergen Spiegeleier brät. Klar, dass er dafür nur einen Teller aus dem Haufen fischt und abspült. Vor der Benutzung, danach natürlich nicht noch einmal. Die Frisur sitzt, der türkisfarbene Gürtel mit den Nieten hält die Jeans an genau der Stelle fest, wo bei anderen der Bauchansatz beginnt und bei ihm das Waschbrett. Die Stimmung ist gut, das Radio läuft. „Und, alles klar?“, fragt er fröhlich und lässt den (immerhin leeren) Eierkarton unter den Küchentisch fallen.

Aus dieser Entfernung erkennt man's nicht, aber es dürfte auch schon einiges an Schimmel mit im Spiel gewesen sein in unserer Küche. Foto: Imago

Was soll man da sagen? Die Jungs erziehen? Nicht mein Job. Es gab Versuche zu unterhandeln. Doch die schriftliche Fixierung eines Planes wurde treuherzig zugunsten mündlicher Absprachen verworfen. Es änderte sich nichts. Der Weg durch die Küche glich mehr und mehr einem Hindernislauf. Austauschbar in diesem Szenario nur die Gestalten und ihre Tätigkeiten. Johannes mit seinen Spiegeleiern. Arndt mit der Tiefkühlpizza. Tim, der Eiweißdrinks anrührt. Und eine zunehmend zickige Lilo.

Ist Anarchie die Lösung?

Zwei, drei Mal bin ich über mich hinausgewachsen und habe abgespült. Eine Wiederholung ließ die Selbstachtung nicht zu. Ein Fall von weiblichem Ordnungssinn versus männliche Gammeligkeit? Ich war weder bereit, einzuknicken vor der Macht des Klischees noch irgendwelche stereotypen Entschuldigungen zuzulassen. Auch Tim und Arndt habe ich schließlich schon mit den Händen im Spüli-Schaum erwischt. Deren guter Wille ist allerdings mittlerweile ebenfalls erlahmt. Die Geschirrberge wuchsen stetig. Sollen Sie an ihrem Dreck erstricken, grollte ich. Doch was ist zu tun? Ich hasse Umzüge und feige wäre das auch.

Mein Bekannter Thilo hat über Anarchie promoviert – wer wäre qualifizierter, die Geschirr-Misere zu analysieren? Er ist der Ansicht, wenn man die Menschen sich selbst überließe, dann würden sie sich auf viel friedlichere und effizientere Weise organisieren. Staaten und Armeen würden überflüssig. Und auch private Beziehungen erhielten eine ganz neue Qualität.

"Korrumpiert durch das System"

Ich glaube nicht recht, dass die Geschichte Thilo und seiner Vision einer Welt ohne Machtverhältnisse Recht geben wird. Die anarchische Haushaltsführung meiner regellosen Wohngemeinschaft liefert den Gegenbeweis. Erstens geschieht dort nichts effizient, zweitens wird der Frieden von Tag zu Tag brüchiger. Der moderne Mensch verfällt spätestens in der Vierer-WG zurück in den Urzustand. Nicht mehr lange, und sie entsorgen die Abfälle über den Balkon. Oder auf den Balkon.

Für Thilo kein Argument: „Ihr seid korrumpiert durch das System“, meint er. „Die Sozialisation ist Schuld“, wenn keiner seine Krümel beiseite wische oder den Saftfleck auf dem Fußboden. Thilo empfiehlt „ein neues Bewusstsein“. Gut gemeint, aber darauf konnte ich nicht warten. Ich bin explodiert. Und ich muss sagen, es hat funktioniert. Tim, Johannes, Arndt und ich haben jetzt einen Plan. Einen spießigen, schriftlichen Putzplan. Ob er funktioniert? Ich halte Euch auf dem Laufenden.

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Lilo

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Kommentare
20.03.2009
12:04
Blockierter Kommentar.
von Thomas.Lau | #4

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

19.03.2009
19:11
Blockierter Kommentar.
von carolin.voss | #3

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

11.03.2009
16:50
Drei Männer, eine Frau und ein Berg Geschirr
von I. | #2

Naja, wer wohnt schon freiwillig in ner WG :D

Und wozu gibts denn Spülmaschinen? :D

Ich liebe meine abgöttisch, mindestens genauso wie ich spülen hasse ;D Eine der besten Investitionen der letzten Jahre für mich.

Und da man ja jetzt immer und überall an die Umwelt denken soll ;D Es ist sogar umweltschonender, denn man verbraucht weniger Wasser, und günstiger, weniger Wasser, weniger Abwasser, weniger Strom zum Erwärmen blabla :D

11.03.2009
12:02
Drei Männer, eine Frau und ein Berg Geschirr
von donjon | #1

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Anarchie.
Ein Begriff für: Alles jedem selbst überlassen? Chaos? Oder aber es sollen Herrschaftssysteme abgeschafft werden, die dann durch eigene Selbstverantwortung ersetzt werden.
Aber genau da fängt es an schwierig zu werden. Eigenverantwortung in einer Wg, die da heisst, die anderen sind eigenverantwortlich für MEINEN Müll? Njet, würde der Russe sagen.
Anarchie, im positiven Sinne und nicht nach dem üblichen Klischee der Chaostheorie hieße, dass jeder für seinen Bereich zuständig ist und in Absprache der Mitbewohner für Sauberkeit und Ordnung beiträgt.
Ein Lernprozeß, der in einer kleinen Wohngemeinschaft oft schon scheitert und ich vermute (ohne es zu wissen) im großen Rahmen auf den Staat bezogen erst recht scheitern würde, denn die Menschen sind noch nicht reif für die echte Anarchie.
*seufz* Ich frage mich gerade, warum ich das geschrieben habe. Bin ich etwa vom Herzen ein Anarchist?
donjon
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