"Die Liebe ist eine vorwurfsfreie Zone"
06.02.2009 | 09:18 Uhr 2009-02-06T09:18:00+0100
Neuss. DerWesten wird privat. In unserem neuen Ressort „Partnerschaften“ geht es um alles, was uns bewegt: Liebe, Sex, Freundschaft und Familie. Zum Auftakt erklären die Paarberater Felicitas und Volker Lehnert, wie wir in der Liebe glücklich werden. Sie selbst sind seit 27 Jahren verheiratet.
Auch wenn mancher Fatalist das Gegenteil behauptet, wir sind doch alle auf der Suche nach ihr. Die Hoffnung auf die ewige Liebe scheint unerschütterlich zu sein. Doch wenn wir glauben, sie gefunden zu haben, wird die Sache oft erst richtig kompliziert. Die Paarberater Felicitas und Volker Lehnert aus Neuss erklären, wie wir unsere bessere Hälfte glücklich machen. Denn darauf kommt es an, sagen sie.
Ist der Mensch überhaupt dafür geeignet, ein Leben lang mit einem Partner zusammen zu sein? Oder ist das nicht eine gesellschaftliche Konvention, die langsam bröckelt?
Felicitas: Der Mensch ist nicht nur dafür geeignet, er braucht das auch unbedingt. Er braucht eine vertrauensvolle Beziehung, und die ist auf Dauer und Treue angelegt. Ich beobachte sehr häufig, dass viele Menschen das Konsumdenken unserer heutigen Zeit auf die Partnerschaft übertragen. Dabei entstehen ungeheuer viel Frust und viele Verletzungen. Der Mensch sucht letztendlich immer wieder nach dieser vertrauensvollen Paarbeziehung. Häufig hört man ja auch, dass Frischverliebte sagen: Jetzt ist es der Richtige. Dieses Bedürfnis nach Dauer ist fast immer da. Die wenigsten sind nur auf kurze Affären aus. Das hat nichts mit Moral oder Kirche oder Bürgerlichkeit zu tun, sondern das ist ein Urbedürfnis des Menschen.
Volker: Wenn intime Partnerschaften auseinander gehen, nimmt der eine immer etwas mit aus der Intimität. Und sie wissen, da ist jetzt ein Mensch, der kennt etwas von mir, das andere nicht kennen und trägt das irgendwo hin. Und je häufiger sich das wiederholt, desto unmöglicher wird die intime Öffnung voreinander. Das Bedürfnis nach einem geschützten, vertrauensvollen Raum, in dem man seine innersten Seiten zeigen kann, ist nur gewährleistet, wenn ich weiß, der Mensch an meiner Seite ist mir treu, in jeder Hinsicht. Das zu wissen, ist ein unheimliches Glücksgefühl. Danach suchen viele Menschen. Aber durch den häufigen Wechsel finden sie es nicht mehr.
Dennoch ist die Scheidungsrate hoch. Inzwischen trennen sich sogar immer mehr Paare nach der Silber- oder Goldhochzeit. Ist die Ehe ein Auslaufmodell?
Volker: Nein, absolut nicht. Wenn jede dritte Ehe geschieden wird, heißt das doch auch, dass zwei bestehen bleiben. Zudem beobachten wir in der evangelischen Kirche derzeit eine Trendwende. Ende der 90er Jahre ging die Nachfrage nach kirchlichen Trauungen zurück. Inzwischen ist sie wieder gestiegen.
Was ist bei den Scheidungspaaren schief gelaufen?
Felicitas: Diese Ehen zerbrechen häufig an Überforderung. In der Beziehung soll alles befriedigt werden, was ich mir erhoffe. Das ist einfach unmöglich. Heute heiraten die Paare zumeist aus Liebe. Das ist grundsätzlich gut. Es gibt aber keine Beziehung, in der ununterbrochen Schmetterlinge fliegen. Das heißt, es muss noch eine ganze Menge anderer Bänder geben, die das Paar halten.
Volker: Glücklichsein heißt nicht, immer high zu sein. Sondern Glücklichsein bedeutet, gemeinsam auf einem verlässlichen Grund und Boden zu stehen. Schlechte Zeiten und Streit gibt es natürlich auch in guten Ehen. Und doch sind sie eingebunden in die gemeinsame Grundüberzeugung: Egal was passiert, du verlässt mich nicht. Das ist die Basis von Glück.
Felicitas: Die Ehe ist nach meiner Vorstellung die einzige Wahlverwandtschaft. Es gibt immer Lebensphasen, in denen man sich weniger zu sagen hat. Aber mein Mann bleibt mein Mann, genauso wie meine Schwester meine Schwester und mein Vater mein Vater bleibt. Wenn Ehepaare ein Leben lang zusammen sind, haben diese Menschen auch viele Turbulenzen miteinander erlebt. Aber sie haben gelernt, damit umzugehen.
Was müssen Paare tun, damit das gelingt?
Felicitas: Auf den Punkt gebracht: Immer sagen, was man möchte und tun, was der andere braucht. Das heißt, man sollte die eigenen Wünsche und Vorstellungen völlig frei äußern. Aber ich habe auch den Partner im Blick und mache, was er braucht. Das heißt, ich bin weder auf den anderen fixiert und laufe ihm hinterher, noch bin ich nur mit mir selbst beschäftigt. In Ehen, die zerbrechen, sind die Partner häufig Menschen, die geliebt werden wollen und nicht lieben. Ich erlebe in der Paarberatung auch selten, dass jemand fragt: Was habe ich falsch gemacht? Dafür werden ganze Litaneien aufgezählt, was der andere versäumt hat.
Felicitas Lehnert (Jahrgang 1959) hat Germanistik und evangelische Theologie studiert und eine Ausbildung zur Ehe- und Familienberaterin gemacht. Sie hat in Neuss eine eigene Praxis. Volker Lehnert (Jahrgang 1960) ist promovierter Theologe.
Als Gemeindepfarrer in Neuss hat er gemeinsam mit seiner Frau Eheseminare entwickelt. Seit 2001 ist er Dezernent für Aus- und Fortbildung der ev. Kirche im Rheinland. Felicitas und Volker Lehnert sind seit 27 Jahren verheiratet. Sie haben drei Kinder. Die Paar-Experten haben gemeinsam fünf Ratgeber-Bücher veröffentlicht. „EHE der Zoff uns scheidet!” ist ihr erfolgreichster Titel, Aussaat Verlag, 9,90 Euro.
Volker: Eine der Grundhaltungen, die zur Trennung führen, lautet: Alles wäre besser, wenn du dich ändern würdest. Das ist eine unbewusste Haltung. Man sieht in dem anderen den Garant für das eigene Glück. Dabei ist es umgekehrt: Ich bin sozusagen beauftragt, am Glück meiner Frau mitzuwirken.
Felicitas: Und an deinem eigenen.
Volker: An meinem eigenen auch. Aber ich kann nicht erwarten, dass der andere für mein Glück zuständig ist. Kein Mensch kann einem anderen alles erfüllen, was dieser erwartet. Das heißt, dass zu einer glücklichen langen Partnerschaft auch die Bereitschaft gehört, mit unerfüllten Wünschen zu leben. Wer das verstanden hat, der kann realistisch lieben. Ich frage mich stattdessen: Was kann am Leben meiner Frau schön werden durch mich? Wenn das beide tun, wird es eine glückliche Beziehung.
In einem Ihrer Bücher nennen Sie das die Kunst der gegenseitigen Bereicherung.
Felicitas: Ja, genau. Das hat nichts zu tun mit Selbstaufgabe. Das ist einfach intelligenter Egoismus. Wenn ich einen Klasse-Mann haben will, muss ich dafür sorgen, dass dessen artgerechte Haltung gesichert ist.
Wann ist eine Beziehung noch zu retten?
Volker: Wenn die Partner sich lieben, kann man auch die Probleme lösen. Dann gibt es immer Hoffnung.
Felicitas: In solchen Krisen-Phasen zeigt sich, ob das Paar nur verliebt war oder sich wirklich liebt. Liebe geht nicht vorbei. Aber sie kann überlagert werden.
Was sind die größten Gefahren für eine Partnerschaft?
Felicitas: Vernachlässigung. Wenn ich einen Garten einmal anlege und lasse ihn dann 50 Jahre lang links liegen, wird er verwildern. Eine Beziehung hat verschiedene Wachstums- und Belastungsphasen. Und da gilt es, immer wieder neu auf Kurs zu kommen. Dafür muss ich aber im Gespräch bleiben. Dazu gehört, dass ich genau sage, was mich stört und was ich mir wünsche. Aber auch, dass ich genau zuhöre, welche Bedürfnisse der andere hat. Häufig sind jedoch beide Partner auf Sendung und keiner auf Empfang. Viele erleben das schon als Kinder, dass ihnen niemand richtig zuhört. Diese Fähigkeit wird von Kind an selten gelehrt. Auch ständiges Genörgel am anderen ist gefährlich für die Beziehung. Immer dieses Nörgeln, das raubt nur Kraft.
Volker: Wenn es einen Punkt gibt, den ich selbst an mir nicht leiden kann. Und meine Frau erkennt ihn und sagt, an der Stelle bist du nicht OK, dann verstärkt sie meine Selbstverachtung. Glück wäre es, wenn ich sagen kann: Da gibt es einen Punkt, der passt mir selber nicht, aber vor dir darf ich mich an dieser Stelle ausziehen. Ich darf dir meine Schattenseiten zeigen. Wenn ich Dinge ablehne, die zu einer Person gehören, treibe ich sie damit in die Flucht. Die Liebe ist eine forderungs- und vorwurfsfreie Zone.
Aber wo liegen die Grenzen der Nachsicht? Wie verhängnisvoll ist zum Beispiel ein Seitensprung?
Felicitas: Das ist der Supergau. Und er wird gesellschaftlich absolut unterschätzt, weil er unter anderem durch die Medien so salonfähig geworden ist. Bei einem Seitensprung hole ich in den innersten Kreis, den ich mir mit meinem Mann geschaffen habe, jemand anderen herein. Und der bleibt für immer drin. Es gibt Verletzungen, die nur noch zu Narben werden, wenn alles gut läuft. Aber die Seelenhaut wird nie mehr heil. Das heißt nicht, dass das das Ende der Partnerschaft ist. Aber sie bekommen dieses völlige Vertrauen nie mehr.
Volker: Es gibt ja diesen beliebten Satz: Einmal ist keinmal. Vergleichen Sie die Ehe mal mit einer Schlauchbootfahrt übers Meer. Jetzt sticht jemand mit einer Nadel ins Boot. Natürlich können Sie diese Stelle wieder flicken. Aber sie werden sich immer fragen: Hält das auch?
Wie wichtig ist guter Sex? Man spricht häufig vom Seismographen für eine Beziehung.
Felicitas: Guter Sex wird oft mit einer guten Beziehung gleichgesetzt. Aber das ist falsch. Es kann in einer Partnerschaft auch ruhige Phasen geben, in denen beide dennoch zufrieden sind. Sexualität mit Leidenschaft findet dagegen häufig in brisanten Lebenssituationen statt. Dann ist die Ehe womöglich sogar gefährdet, zum Beispiel nach einem Seitensprung. Häufig ist die Leidenschaft in einer sehr satten stabilen Beziehung gar nicht so groß.
Wird Sex überschätzt?
Felicitas: Nein, Sexualität ist wichtig. Aber sie ist nur ein Band der Beziehung. Sie ist nicht das einzige, aber sie darf auch nicht fehlen. Es gibt eine Kommunikation zwischen Partnern, die nur über Sexualität stattfindet. Nach der Geburt eines Kindes, nach einer Krankheit oder in Stresszeiten kann es immer wieder Phasen geben, in denen die Sexualität über längere Zeit eine geringe Rolle spielt. Das kennen alle Paare. Das ist auch nicht beunruhigend.
Doch wenn sie ganz wegfällt, fehlt ein dickes Band. Aber Sexualität ist nicht gleich Sexualität. Die Sexualität, wie sie in unserer Gesellschaft verkauft wird, ist die Sexualität der Zwanzigjährigen. Das ist nur ein kleiner Bereich. Bei langen Beziehungen gibt es sehr viele andere Formen. Es gibt einen Blickkontakt, den kennt man mit 20 noch nicht. Dieser Blick kann genauso tief sein wie ein Liebesakt. Wenn Sie einen Partner jahrzehntelang kennen, ist im Kopf so viel gemeinsame Sexualität gespeichert. Das ist wie ein Film, der sich durch ganz kurze Reize abrufen lässt.
Sie sind selbst seit 27 Jahren verheiratet. Sind Sie ein glückliches Paar?
Was sind Ihre Tipps für eine glückliche und langlebige Beziehung?
Tauschen Sie sich mit anderen DerWesten-Lesern aus.
Felicitas: Absolut.
Wie ist die Partnerschaft zwischen zwei Ehe-Experten? Neigen Sie nicht dazu, sich immer gegenseitig zu analysieren?
Volker: Das passiert automatisch. Man sieht ja auch viel mehr in der eigenen Beziehung.
Ist das eher hilfreich oder belastend?
Felicitas: Es ist sehr hilfreich, weil man Dinge früher erkennt. Man geht etwas hellhöriger mit der eigenen Beziehung um. Wir achten zum Beispiel darauf, dass wir immer miteinander reden.
Volker: Je mehr Fallen Sie wahrnehmen, in die andere getappt sind, desto eher können Sie verhindern, dass Sie selbst hineinfallen.

20:08
Mögen all die, die aus unheilvollen Gründen geheiratet haben und meinen, sich trennen zu müssen, auf solch kompetente Paarberater treffen. Nur so lassen sich weitere Schäden bei den Partnern und etwaigen Kindern verhindern. Niemand ist nur für sich selbst da, und jeder kann sich weiterentwickeln.
12:48
Dass Paare aus unheilvollen Gründen heiraten, scheint mir eher die Ausnahme zu sein.
Um die anderen Ehen geht es den beiden Lehnerts. Hier deuten sie gute Perspektiven an, was zu deren Stabilität getan werden kann. Davon profitieren alle Beteiligten! Nichts schmeckt besser als ein Versöhnungskuss. Und die Flut nach Zeiten der Ebbe ist etwas Herrliches.
Übrigens: Wenn beide vom jeweils anderen denken, er sei die bessere Hälfte, was ist dann verloren? Wenn das aber jeder von sich selbst denkt oder wenns einseitig wird, dann wirds gefährlich.
13:34
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12:13
Die Paarberater Felicitas und Volker Lehnert aus Neuss erklären, wie wir unsere bessere Hälfte glücklich machen.
Bessere Hälfte?? Igitt, das ist wirklich eine Bezeichnung, die trieft so von Spießigkeit, dass es mir schwer fiel, den Artikel überhaupt noch zu lesen. Allerdings enthält er interessante Anregungen. Was ist aber, wenn ein Paar aus unheilvollen Gründen geheiratet hat und die Entwicklung der zwei Persönlichkeiten (die eben ohne den anderen weder bessere noch schlechtere Hälften sind) stört und man zum Ergebnis kommen müsste, es wäre für alle Seiten besser, sich zu trennen? Auch und gerade für etwaige Kinder? Die sind dann doch wohl bei dieser nicht ergebnisoffenen Paarberatung an der falschen Adresse. Niemand sollte sich anmaßen, etwas weiter zusammenwachsen zu lassen, was nicht zusammen gehört. Das führt nur zu Schuldgefühlen, die verantwortungsvolles Handeln unterbindet. Liebe ensteht nicht durch Beratung.